CHIO-Chef und Europäer: Frank Kemperman, der Vorzeige-Grenzgänger

CHIO-Chef und Europäer : Frank Kemperman, der Vorzeige-Grenzgänger

Der Niederländer lebt in Belgien und arbeitet in Aachen. Mit unserer Redaktion spricht der Chef des CHIO-Reitturniers über das schwierige Duzen, die Knöllchen-Unterschiede und den „Preis von Europa“.

Da ist die Sache mit dem Duzen. „Das ist hier wirklich ein bisschen kompliziert im Verein“, sagt Frank Kemperman. Seit mehr als 25 Jahren ist er der Chef beim ­Aachener CHIO. Nebenbei ist er noch Niederländer, und in seiner Heimat ist das „Duzen“, das dort auch so heißt, merklich unkomplizierter. Im Nachbarland wird schon die Grundschullehrerin mit dem Vornamen angesprochen. Die sprachliche Distanz ist nicht so groß.

Im Präsidium beim Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) ging es damals etwas steifer zu, als der Turnierdirektor Kemperman die Arbeit aufnahm. Mindestens der „Herr“ gehörte zur Anrede, manchmal auch noch der „Herr Bankdirektor“. Der Umgang ist im Laufe der Jahre ein bisschen lockerer geworden, vielleicht hat die Anwesenheit von Kemperman dazu beigetragen. „Das ist ja ein bisschen schwieriger hier“, sagt er grinsend. Inzwischen duzt man sich beim ALRV.

Belgisches Fernsehprogramm reicht

Kemperman ist ein Vorzeige-Grenzgänger. Neulich hat er ein Formular für die FEI, die Internationale Reiterliche Vereinigung, ausfüllen müssen. Bei der Nationalität hat er „Europäer“ angegeben. Rückfragen gab es nicht.

 Der Niederländer arbeitet beim ALRV in Aachen, wohnt in Belgien. Das hat natürlich auch mit Pferden zu tun. Er ist in Lanaken hängengeblieben, als er dort Geschäftsführer auf dem Gestüt Zangersheide war. Inzwischen könnte er die belgische Staatsbürgerschaft annehmen. Will er aber nicht, belgisches Fernsehprogramm abends reicht ihm.

Seit einem Vierteljahrhundert reist der 64-Jährige nun jeden Morgen durch zwei Länder in die Soers an. Er verabschiedet sich in Lanaken auf niederländisch von seiner Frau. 50 Kilometer weiter, wenn er auf das Turniergelände in der Soers einbiegt, wechselt die Amtssprache. „Dann bin ich im Deutsch-Modus“, sagt er. Und dann sucht er manchmal sogar nach Vokabeln, wenn er holländische Besucher empfängt. „Die Bewohner kleiner Länder lernen gerne Sprachen, bei den Bewohnern großer Länder ist das nicht so ausgeprägt“, findet er.

Wenn Kemperman zum Arbeitsplatz pendelt, pendelt er auch zwischen den Telefonanbietern im Dreiländereck. Sie wechseln regelmäßig, was sie eher unheilvoll verbindet, sind die Funklöcher. Fast auf zwei Dritteln der Strecke sei der Empfang gestört, wundert er sich.

Die morgendliche Fahrt nach ­Aachen ist auch geeignet, zum Studium der unterschiedlichen Fahrkulturen, sagt er grinsend. Die einen fahren „nicht so brav“, die anderen „durchaus aggressiv, aber sie halten Verbote diszipliniert ein“, die nächsten „interpretieren Vorgaben durchaus locker“, findet jedenfalls der PS-Fan Kemperman. Der Umgang mit den Temposündern ist ebenfalls landesspezifisch, beobachtet er. In den radbegeisterten Nachbarländern gehört das Auto nicht zum gehätschelten Nationalheiligtum. Es gibt rigorose Tempobeschränkungen, Übertretungen werden drastisch geahndet – gezahlt werden muss häufig am „Tatort“. „Die Knöllchen in Deutschland sind ein bisschen lächerlich“, findet er. „Die schmerzen nicht besonders.“

Die Übergänge zwischen den Autobahnen sind fließend, Grenzübergänge sind abgeschafft. „Es sei denn, es gibt wieder einen Wettkampf in dieser komischen Sportart, und Hooligans könnten anreisen“, sagt er. Kontrollen vor Fußballspielen sind die Ausnahme.

Kemperman kann sich noch an kleine Grenzübergänge bei Maastricht erinnern, die man vor 22 Uhr passieren musste, andernfalls war der Schlagbaum für die nächsten Stunden heruntergelassen. Geschichten aus dem letzten Jahrtausend. Das Europa in diesem Jahrtausend funktioniert vermutlich am besten in solchen Grenzregionen, in denen der Austausch alltäglich ist, sagt Kemperman. Es ist ein gelebtes Europa. Deutlich schwieriger ist das bürokratische Europa.

Beim CHIO wird in der Turnierwoche an jedem Mittwoch der „Preis von Europa“ ausgeritten. Ein sportlicher Wettkampf mit einem angemessenen Preisgeld. Beim ALRV haben sie schon länger die Idee, dass dieser Tag auch ein Tag sein könnte, an dem es um europäische Werte gehen könnte.

Ein paar Mal hat Kemperman seine Ideen schon in Brüssel vorgetragen. Er kann sich zum Beispiel vorstellen, dass Jugendliche aus allen Teilen des Kontinents in der Turnierwoche nach Aachen kommen. Die Begeisterung war groß, aber gehört hat er dann trotz einiger Nachfragen nichts mehr aus Brüssel.

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