Aachen/Hambach: Fotoprojekt zeigt Menschen und Dörfer im Umfeld des Tagebaus Hambach

Aachen/Hambach: Fotoprojekt zeigt Menschen und Dörfer im Umfeld des Tagebaus Hambach

Der schwindelerregende Blick hinab auf eine Welt, die dem Untergang geweiht zu sein scheint. Die maximale Entschleunigung eines Dorfes, dessen Bewohner schon vor Jahren umgesiedelt wurden. Das idyllische Szenario eines jahrhundertealten Landhauses, dem ein unspektakuläres Verschwinden droht.

Diese und viele weitere Perspektiven auf die Wirklichkeiten im Umfeld des Tagebaus Hambach vereint ein Fotoprojekt, für das der Aachener Künstler Andreas Magdanz mit rund 30 Studenten tagelang in der Region unterwegs war, die ihr Aussehen in den vergangenen Jahren maximal verändert hat. Das Projekt „Hambacher Forst/Manheim/Haus Bochheim“ fängt den Zustand der Veränderung im Jahr 2018 ein — nur wenige Monate, bevor im Oktober eine weitere Rodungssaison beginnen soll und auch der Rest des ehemals 12.000 Hektar großen Hambacher Waldes zu Gunsten der Braunkohlebagger zu verschwinden droht.

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Aktivisten verschiedener Couleur — gesellschaftlich wie politisch — versuchen dies seit Jahren zu verhindern. Was definitiv bleiben wird, ist eine bildgewaltige Dokumentation, die Menschen, Dörfer und Landschaften im Umfeld des Tagebaus anno 2018 zeigt und auch die Ästhetik des Verfalls menschlicher Errungenschaften zu vermitteln weiß. Dabei geben auch die Waldbesetzer, die zum Teil seit Jahren zur Verteidigung des Waldes in Baumhäusern ausharren, Einblicke in ihre Lebenswirklichkeit — und betätigten sich sogar selbst als Fotografen.

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Derzeit sind die Ergebnisse des Projekts bereits im Internet zu sehen, geplant ist aber auch eine Veröffentlichung als Bildband. „Die Teilnehmer lernen hier mehr als nur bildnerische Gestaltung, oder wie man mit einer Kamera umgeht“, sagt Magdanz, dessen Fotoarbeiten weltweit hoch gehandelt werden. „Sie legen Zeugnis über die Vernichtung einer Landschaft ab“, sagt Magdanz über das Projekt, das er im Rahmen seiner Dozentenarbeit an der RWTH angeschoben hat. „Ihre Arbeit spiegelt etwas wider, das bald unwiederbringlich verschwunden sein könnte“.

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Bereits im Jahr 2015 hat der 54-Jährige mit Studenten im und um den Hambacher Forst fotografiert. Damals entstand das Ausstellungsprojekt „Hambacher Forst — eine forensische Bestandsaufnahme“ mit 100 Teilnehmern, die am Ende 10.000 Bilder zusammentrugen. „Eigentlich war ich mit dem Thema danach durch“, sagt Magdanz, und meint damit allein die fotografische Auseinandersetzung mit dem Bürgewald, wie das heute als Hambacher Forst bekannte Grüngebiet über Jahrhunderte hieß. „Für mich war es die x-te Rückkehr in ein Themengebiet, das mich seit beinahe 40 Jahren beschäftigt.“

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Der Rodungsstopp als Triebfeder

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Seit Jugendtagen beobachtet und begleitet Magdanz den Braunkohleabbau im Rheinischen Revier und seine Begleiterscheinungen. Über zwei Jahrzehnte hinweg hat er sich internationale Reputation als Fotograf erworben, besonders seine spektakulären Gebäudemonografien sorgten für Aufsehen: Der ehemalige Regierungsbunker, die geschlossene Welt des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, die ehemalige belgische Kaserne in der NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel — Magdanz´ komplexe zeit- und materialaufwendigen Arbeiten sind buchstäblich um die Welt gegangen, in Ausstellungen und Bildbänden. Zuletzt hatte sich der gebürtige Mönchengladbacher am ehemaligen RAF-Gefängnis in Stuttgart-Stammheim über Monate geradezu abgearbeitet.

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Der jüngste Stopp der Rodungen nördlich der beiden bereits geräumten Dörfer Manheim und Morschenich habe ihn zu einer Neuauflage des Fotoprojekts bewogen, sagt der Wahl-Aachener, der sich seit vielen Jahren vehement gegen die Fortführung des Tagebaus einsetzt. Wer sich immer wieder ein und demselben Thema widmet, der muss sich früher oder später den Vorwurf der Obsession gefallen lassen. Damit kann Magdanz in diesem Fall gut leben. Ebenso mit der Tatsache, dass er seine Arbeit immer wieder auch als Transportmittel von Haltung und Einstellung nutzt. Parolen sind ihm dabei fremd, für parteipolitische Agitation habe er (noch) keine passende Heimat gefunden, sagt er.

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Magdanz macht keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Waldbesetzer, zeigt Verständnis für die mitunter drastischen Mittel eines Teils der Aktivisten zum Widerstand gegen Räumungen. „Aktive Gewalt geht mir ab, egal von welcher Seite“, sagt er, „mich ärgert es, wenn die Besetzer pauschal als vermummte Steinewerfer über einen Kamm geschoren werden.“ Einigen seiner Nachwuchsfotografen gelang ein seltener Einblick in die Lebenswirklichkeit derer, die in noch immer einigen Dutzend Baumhäusern für den Erhalt des verbliebenen Waldrestes ausharren. Einige zeigen sich vor der Kamera unvermummt, brechen so mit der Tradition ihrer Anonymität. Einer der Studenten stattet die Waldbewohner mit Einwegkameras aus, macht sie so zu Beteiligten des Projekts. So sind spektakuläre Aufnahmen in bis zu 20 Meter Höhe entstanden.

Maximale Entschleunigung: Die Dorfstraße von Manheim ist verwaist, der Teer bröckelt. Zuletzt wurden hier noch Flüchtlinge angesiedelt. Foto: lea Rappke/Marica Witt

Der Charme des Verfalls

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Andere Teilnehmer widmen sich dem Charme des Verfalls — in Manheim etwa, wo heute kaum noch Einheimische, dafür aber Kriegsflüchtlinge leben. Kein Spur hingegen vom Protest, der etwa im Wald herrscht. „Die Fotos sollen die Trostlosigkeit der verlassenen Straßen dokumentieren und die besondere Atmosphäre der leeren Gebäude vermitteln“, schreiben die Macherinnen in ihrem Kapitel. Das gelingt. Die Atmosphäre ist schlicht bedrückend. Die meisten Häuser sind verlassen, die Leere ist gespenstisch, weil gegenläufig zum allgemeinen Szenario menschlicher Siedlungen. Ein Eindruck, der ganz nach dem Geschmack des Initiators ist, wenn es um hintersinnige Botschaften und um die Bildgewalt verlassener Orte geht.

Mit der Bestandsaufnahme am jahrhundertealten Gutshof Haus Bochheim gelingt den Studenten schließlich die fotografische Bewahrung eines historischen Ortes — der allerdings weniger prominent ist als andere in der Tagebau-Region. „Der Immerather Dom ist ikonisch, weil er eine große Kirche war“, sagt Magdanz. „Haus Bochheim ist einfach kaum sichtbar, hat aber ebenfalls eine uralte Geschichte. Bis ins achte Jahrhundert sind Siedlungsspuren nachgewiesen.“

Neutral, objektiv, umfassend — Worte, die Andreas Magdanz im Zusammenhang mit dem Fotoprojekt und der vorliegenden Dokumentation wählt. Die Aufnahmen aus dem Wald, vom Rand des Tagebaus, aus dem Dorf und schließlich dem Haus Bochheim zeugen für den Initiator auch von einem essenziellen Ansatz des Projekts: „Es geht um das Auge, nicht um die Technik“, sagt Dozent Magdanz. Zufrieden sei er mit der Rückkehr in die Welt rund um den Tagebau, für die Studenten wie für sich. „Die Leute haben sich in die Arbeit verbissen. So entsteht etwas Wertvolles.“

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