Köln: Fitnessmesse in Köln: Muskeln, Glamour und Hashtags

Köln : Fitnessmesse in Köln: Muskeln, Glamour und Hashtags

Wenn Köln seine Muskeln spielen lässt, dann geht es bei Weitem nicht nur um Sport. Die Fibo auf dem Messegelände präsentiert sich als Rundum-Sorglos-Paket: Es gibt Essen, Klamotten, Accessoires - und sogar einen Friseurstand. Hauptsache, es sieht gut aus, scheint der Tenor zu sein. Und Hauptsache, es bringt Likes und Shares. Hashtag #Fibo2018.

Auf der weltweit größten Fitnessmesse trifft sich nämlich alles, was in der Szene Rang und Namen hat - Trainer, Sportler und Youtube-Stars mit Tausenden Followern. Es wird fleißig fotografiert und präsentiert, die Fans stehen Schlange. Fitness-Bloggerin, Youtuberin und Bodybuilderin Sophia Thiel etwa steht ihren Anhängern den ganzen Tag Rede und Antwort und kommt vor lauter Fotos aus dem Lächeln gar nicht raus. „Hier geht es nicht nur um Fitness, Ernährung und Produkte, sondern auch um das Zusammenkommen“, sagt sie.

Gymnastik mal anders: Im Swimminpool auf einer Luftmatratze. Foto: dpa

Vito Pirbazari von der „Hardgainer-Crew“ — eine Bodybuilding-Gruppe, die auf Youtube knapp 230.000 Abonnenten hat — steht muskelbepackt mit schwarzem Tanktop an seinem Stand und posiert mit reichlich Coolness und einer ebenso großen Portion Humor. Die Fibo, sagt er, sei für ihn vor allem Arbeit. „Aber man freut sich, die ganzen Fans und Follower mal live treffen zu können - das sind so die einzigen Tage im Jahr, wo man sich mal Zeit für die Fans nehmen kann.“ Sagt er und wendet sich der nächsten kleinen Menschentraube zu, die gerne ein Foto mit ihm haben möchte. Das Konzept der Fitness-Stars scheint zu funktionieren.

Aus aller Welt gut besucht

Natürlich gibt’s auf der Fibo auch das zu sehen, was eigentlich der Kern der Messe sein sollte: neue Geräte und Trainingskonzepte. Mehr als 1000 Aussteller aus 44 Ländern sind nach Köln gekommen, ebenso international ist das Publikum. Die meisten Veranstaltungen sind auf Englisch. 150.000 Besucher werden in Köln erwartet, Trainer, Studiobesitzer, Physiotherapeuten und am Wochenende auch viele Privatbesucher. Präsentiert wird ihnen etwa ein System, mit dem klassische analoge Fitnessgeräte auf ein digital vernetztes Konzept umgerüstet werden können. Viele Kurse gibt es etwa zur Selbstverteidigung oder zum Fitness-Konzept „Zumba“. Dazu kommen Vorträge zu sportmedizinischen Themen.

So richtig ausgefallene Sachen gibt es auf der diesjährigen Fibo nicht. Zu den ungewöhnlicheren Sportarten gehört es zum Beispiel, an einer Art Bungeeseil — Sling-Trainer lautet der korrekte Name — befestigt zu sein und geradeaus gegen den Widerstand anzurennen. Digitaler wird’s ein paar Stände weiter: Auf einem Bildschirm werden virtuelle Hindernisse eingeblendet, der Sportler steht vor dem Fernseher und muss sich wahlweise ducken, springen oder schnell laufen. Eine Kamera erkennt die Bewegungen und übersetzt sie in das Videospiel.

Hoch im Kurs steht auch das Karrenschieben: Auf einem grünen Teppich muss ein Wagen möglichst schnell und gerade geschoben werden, je nach Muskelkraft lässt sich der Widerstand stufenfrei anpassen. Wer zwei Strecken auf dem Teppich geschafft hat, bekommt zur Belohnung ein T-Shirt und darf ab dann Werbung für den Hersteller laufen.

Rührbesen lockern die Verspannung

Wer es weniger stressig möchte, ist in der Physio-Halle gut aufgehoben: Verschiedene Massagegeräte versprechen Erleichterung für die Muskulatur. Eins davon erinnert an einen Rührbesen mit einer Bürste dran. Drei Damen vom Messestand demonstrieren jedem, der will, was das Gerät alles kann — die Gesichter der Massierten sagen: Es scheint so gut zu sein, wie es aussieht. Für mehrere hundert Euro Kaufpreis möchte das aber auch sein.

Verschiedene EMS-Gurt-Systeme - das sind Fitnessgeräte, die mit elektrischer Muskelstimulation arbeiten - versprechen, zu Hause, unterwegs und im Fitnessstudio endlich dem Bauchspeck den Garaus zu machen. Den Trend gibt es zwar schon länger, aber vorher waren es meistens große, teure Anzüge, die nur für extra EMS-Studios geeignet waren. Jetzt sind die Geräte deutlich handlicher geworden - und können eben auch zu Hause benutzt werden.

Wer nicht nur Fett zum Schmelzen, sondern auch noch seine Muskeln zum Wachsen bringen möchte, kann sich in zwei riesigen Hallen mit allerhand Essen und Trinken eindecken. Eiweißriegel und —shakes in allen Variationen, dazu kohlenhydratarme Cookies für den süßen Heißhunger und sogar Pizza, die besonders eiweißhaltig und zugleich fettarm ist, gibt es - und der Selbstversuch zeigt: Sie schmeckt gut. Instagram-Follower zu sein, lohnt sich auf der Fibo: An einem der Stände bekommen sie sogar gratis eine große Portion Eiweißgemisch, das an Frozen Yogurt erinnert - lecker.

Für die ganz strebsamen Kaloriensparer gibt es sogar Wasser mit Proteinzusatz. Bei all den Kostproben, die die unverschämt durchtrainierten Männer und Frauen an ihren Ständen anbieten, fällt es schwer, Nein zu sagen. An ein Kaloriendefizit ist am Messetag trotz Sportlerernährung ohne eisernen Willen kaum zu denken.

Generell gilt für die Messe: Es gibt (fast) nichts, das es nicht gibt. Alles ist auf die Branche umgepolt, überall schwingt das Versprechen mit, dem Traumkörper und dem eigenen Trainingsziel ein bisschen näher zu kommen. Der klassische Kuscheltierangel-Automat vom Jahrmarkt etwa steht auf der Fibo ebenso, statt plüschigen Tierchen fischt man aber nach Getränkeflaschen fürs Training und nach Eiweißriegeln. Und auch vor der Kleidung macht die Digitalisierung nicht halt: Manche der Sportsachen sollen den Angaben zufolge den Puls messen oder die Sitzhaltung verbessern.

Glitzer und Glamour übertüncht den eigentlichen Sport

Bei so viel Glamour und Inszenierung rückt der Sport zuweilen in den Hintergrund. Trotzdem kann in den Hallen alles ausprobiert werden — daran dürften sowohl alte Hasen als auch Fitnessneulinge Spaß haben. Denn: Die Fibo scheint den Zeitgeist zu treffen. Generell ist die Fitnessbranche im Aufschwung, bundesweit gibt es fast 9000 Studios mit gut 10,6 Millionen Kunden. Tendenzen sagen weiteres Wachstum voraus — ähnlich wie bei den Muskeln der Bodybuilder.

Fragt man Sophia Thiel oder Vito Pirbazari nach den Tendenzen und Trends, klingt das bei beiden ähnlich: „Das Motto ist: Je natürlicher, desto besser“, sagt Thiel. Und: „Die Leute wollen wissen, was in den Produkt drinsteckt - ich finde es schön, dass das Bewusstsein für Ernährung steigt.“

Auch Pirbazari sieht ein „Back to the Basics“, wie er sagt. „Fitness ist für mich eine altbewährte Geschichte — da kann man das Rad nicht neu erfinden.“ Das, was sich lange bewährt habe, funktioniere auch in der Zukunft. „Ich denke, da wird es auch weiter hingehen“, sagt der Bodybuilder. Auch er spricht den Bereich Ernährung an, der nun auch auf der Fibo eine große Rolle spielt: „Da hat sich viel getan. Es gibt so viel ohne Kohlenhydrate und mit viel Eiweiß - Diät halten ist heute eigentlich gar nicht mehr schwierig.“

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