Köln: FH Studenten im Gespräch mit WDR-Fernsehdirektor Schönenborn

Köln : FH Studenten im Gespräch mit WDR-Fernsehdirektor Schönenborn

Jörg Schönenborn (53) empfängt uns herzlich in seinem Büro im 6. Stock des Vierscheibenhauses in Köln. Das Büro des WDR-Fernsehdirektors befindet sich am Ende eines langen Flures. Durch die großen Fenster an den beiden Seiten des Raumes hat man einen faszinierenden Ausblick auf die Dächer der Kölner Innenstadt.

Links fällt der Schriftzug „Liebe deine Stadt“ direkt ins Auge. Wir, fünf Aachener Studenten, treffen ihn zu einem Gespräch im Rahmen unseres Journalistik-Seminars der FH Aachen, Thema, na klar: das Fernsehen!

Durchschnittlich verbringt jeder Deutsche, so eine Studie der Arbeitsgemeinschaft der Fernsehforschung, 221 Minuten täglich vor dem Fernseher, Tendenz weiter steigend. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die privaten Fernsehsender und Online-Streamingdienste wie Netflix kämpfen mit unterschiedlichen Mitteln um die Aufmerksamkeit ihrer aktuellen und potenziellen Zuschauer. Netflix und andere Onlinedienste setzen neue Maßstäbe für die Welt des Medienkonsums.

Schönenborn schlägt das eine Bein über das andere und lehnt sich entspannt in seinem Stuhl zurück. Ebenso locker wie seine Körperhaltung ist sein Blick auf die Konkurrenz zwischen dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und den Streamingdiensten. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sorgen für Informationen, Bildung, Kultur und Unterhaltung für alle. Obwohl, so Schönenborn, bei den Onlineplattformen einige dieser Aufgaben oft zu kurz kämen oder gar nicht vorhanden seien, ist der Aufschwung von Netflix und anderen Streamingdiensten nicht zu bremsen.

Der Leiter des Rechtehändlers WDR Mediagroup sagte der „Wirtschaftswoche“, dass viele amerikanische Fernsehsender bereits sinkende Quoten bei den jungen Zielgruppen hinnehmen müssten. Statt fernzusehen, verbringe besonders die Jugend immer mehr Zeit auf den Streamingplattformen.

Die Mobilität, also die Unabhängigkeit von Zeit und Ort, sowie die wachsende Vielfalt des Angebots begeistern viele Konsumenten. Im Jahr 2017, nur drei Jahre nach der Einführung auf dem deutschen Markt, hatte Netflix bereits fast fünf Millionen Kunden in Deutschland als Abonnenten gewonnen. Dennoch bleibt Jörg Schönenborn weiterhin gelassen. Er glaubt, dass viele Zuschauer nach wie vor die Einfachheit des Fernsehschauens wertschätzen.

Auf die Frage, ob er selbst einen Netflix-Account besitze, antwortet er locker: Er habe einen Account gehabt, als der in Deutschland noch nicht verfügbar war. Aber dafür habe es auch Mittel und Wege gegeben, schmunzelt er. Doch mittlerweile nutzt er diesen nicht mehr und hat das Abo gekündigt.

Mediale Fortschritt

Für Schönenborn wird das altbekannte Angebot durch die neuen Möglichkeiten nicht überflüssig, denn der mediale Fortschritt sei Teil der kulturellen Entwicklung: „Wenn meine Auswahl steigt, dann ist das erst mal ein Reichtum und bietet Chancen“. Einen entscheidenden Nachteil sieht der WDR-Fernsehdirektor jedoch bei Netflix und anderen Streamingplattformen: „Solche Plattformen haben die Eigenschaft, dass viele Teilgruppen der Gesellschaft sich sehr unterschiedliche Inhalte aussuchen und sich am Ende kaum noch Menschen treffen, die das Gleiche gesehen haben.“

Die Verringerung medialer Gemeinsamkeiten beschäftigt ihn. Für Schönenborn ist es wichtig, dass die Leute weiterhin das Gleiche sehen und sich dann am nächsten Tag darüber austauschen können. Dies gelte für Großereignisse wie das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft genauso wie für den sonntäglichen „Tatort“.

Das lineare Fernsehen scheint sein Nutzungsmaximum erreicht zu haben, während viele Online-Angebote wachsen. Liegt daher die Zukunft im selbstbestimmenden Fernsehen über Streamingdienste?

Netflix rüstet sich für den Kampf um Aufmerksamkeit der Zuschauer. Im Jahr 2018 plant Netflix acht Milliarden Dollar für Eigenproduktionen, um seine Reichweite weiter zu erhöhen und mehr Vielfalt zu bieten. Derzeit kommt Netflix auf etwa fünf Millionen Kunden in Deutschland. Die Mediatheken der ARD und des ZDF werden von deutlich mehr Leuten aufgerufen. Gemeinsam kommen sie auf zehn bis elf Millionen Nutzer, wie Jörg Schönenborn zufrieden berichtet. Doch die Mediatheken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden wegen mangelnder Bedienbarkeit und Nutzerfreundlichkeit oft kritisiert. Schönenborn erzählt uns mit einem Lächeln von einem Publikumsvortrag in Siegen. „Eure Mediathek ist so very 2006“, sagte ein Student zu ihm. Viele Streamingdienste haben es hingegen geschafft, benutzerfreundliche und an den User angepasste Lösungen in Form von Websites und Apps zu entwickeln.

Zu schläfrig und altmodisch

Doch auch die Rundfunkanstalten ergreifen Maßnahmen. Der WDR sieht die Online-Konkurrenz als Herausforderung, besser zu werden. In der Entwicklung ihrer Mediathek seien sie „vielleicht ein bisschen zu schläfrig und altmodisch“ gewesen, gibt Schönenborn zu. Das Ziel und die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei es, dass junge Leute sagen: „Netflix schön und gut, das gönn ich mir, aber ich hab das Bedürfnis, auch zu sehen und zu hören, was der WDR macht“.

Er gibt zu, dass das Angebot für die junge Generation deutlich verstärkt werden müsse. Das deutsche Fernsehen lässt sich von den von Netflix produzierten Serienknallern inspirieren. „Babylon Berlin“ ist ein ambitionierter Versuch der ARD in Co-Produktion mit Sky. Es ist das Projekt mit dem bisher höchsten deutschen Produktionsbudget von 40 Millionen Dollar. Doch diese Serie würde es ohne „House of Cards“ wahrscheinlich nicht geben, sagt Jörg Schönenborn.

Er glaubt, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gut konkurrieren könnten, wenn sie einen vernünftigen Player hätten. Im Moment seien sie in dieser Hinsicht nicht konkurrenzfähig, aber ein neuer Player ist in der Entwicklung. Alle Sendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die ausgestrahlt werden dürfen, sollen dort zu finden sein. Auch die Benutzeroberfläche soll angepasst werden. Wenn es der Benutzer möchte, soll auch eine Anpassung an seine Interessen möglich sein. Das alles soll im September in der Beta-Version und zum Jahresende als fertiges Produkt erscheinen, wie der 53-jährige berichtet.

Mit diesem Schlusswort beenden wir unser Gespräch mit dem Fernsehdirektor des WDR. Für Zuschauer hätte es wahrscheinlich wie ein Konflikt zwischen den Generationen gewirkt. Die ältere Generation, die das Altbewährte schätzt und die jüngere, die begeistert von den neuen Möglichkeiten ist. Der WDR beobachtet Netflix — und damit auch die Entwicklungen, die ihm angeblich keine Sorgen bereiten, denn, so Jörg Schönenborn, beide agierten „auf unterschiedlichen Spielfeldern”.

Mehr von Aachener Nachrichten