Aachen/Geilenkirchen: Fall Böken: Werden Ermittlungen angeordnet?

Aachen/Geilenkirchen: Fall Böken: Werden Ermittlungen angeordnet?

Am 12. April dieses Jahres ist die schlechte Nachricht für die Eltern der Gorch-Fock-Kadettin Jenny Böken per Post gekommen. „Kein Verfahren im Fall Böken” titelte unsere Zeitung, die Generalstaatsanwaltschaft in Kiel hatte endgültig entschieden, keine weiteren Ermittlungen in diesem tragischen Todesfall der 18-Jährigen aus Geilenkirchen, aufzunehmen.

Der tödliche Vorfall in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 auf dem Marine-Segelschulschiff sollte ungeklärt zu den Akten.

Doch die Generalstaatsanwaltschaft hat die Rechnung ohne die Familie Böken gemacht: Beim 1. Senat des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts liegen seit Ende April beziehungsweise Anfang Mai zwei sogenannte Klageerzwingungsverfahren.

Das bestätigte OLG-Sprecherin Christine Milczewski am Dienstag gegenüber unserer Zeitung. Nun warten die Bökens auf eine Entscheidung des Oberlandesgerichts. Als weitere Maßnahme prüft der Anwalt derzeit, die Kieler Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt zu belangen.

Mit den Klageerzwingungsverfahren wollen die Bökens ihre bereits gegen den damaligen Kapitän der Gorch Fock, Norbert Schatz, und gegen den Schiffsarzt, Dr. Wolfgang Fohr, gestellten Strafanzeigen wegen fahrlässiger Tötung der Kadettin Jenny Böken behandelt sehen. Das juristische Begehren ist streng formuliert. So soll das Oberlandesgericht die „Erhebung der öffentlichen Klage” gegen die Beschuldigten wegen fahrlässiger Tötung „anordnen”.

Die Kieler Staatsanwaltschaft hatte im Oktober 2011 abgelehnt, die Ermittlungen in der Sache Jenny Böken wieder aufzunehmen, als ein entsprechendes Ansinnen aus Teveren in juristischen Schriftsätzen ankam. Es ist nicht nur ein juristischer Seekrieg, der da tobt. Die Eltern wären, so schätzt ihr Anwalt Rainer Dietz, durchaus zufrieden, wenn ein „seriöses und überprüfbares Verfahren” am Ende zu einem Ergebnis gekommen wäre. Derzeit aber entstehe der Eindruck, dass da „vertuscht und unter den Teppich gekehrt” werden solle.

Immer neue Details

Und es tauchen immer neue Details auf, die laut Anwalt eines belegen: Niemals hätte die Auszubildende Kadettin in dieser Nacht auf dem „Ausguck Back” der deutschen Dreimastbark Dienst tun dürfen. Inzwischen hat man herausgefunden, dass Starkwind herrschte (Stärke 7 Beaufort) und die Wassertemperatur bei nur 15 Grad Celsius - nicht bei 17 Grad, wie es in den Akten steht - lag. Ab diesem Wert ist laut Dietz das Tragen von Schwimmwesten, das der Kapitän anzuordnen hat, zwingend vorgeschrieben. Jenny hatte keine an, obwohl sie an einer sehr niedrigen Reling Dienst tat.

Zweitens habe sie der Schiffsarzt trotz akuter Unterleibsbeschwerden und wiederholt auftretender Schlafattacken (Narkolepsie) „verwendungsfähig” an diesem Tag geschrieben. Zu allem Überdruss hätten alle übersehen, so Dietz, dass das Mädchen nach den Musterungsbestimmungen für Sanitätsoffiziere als „untauglich” eingestuft hätte werden müssen. Der Musterungsarzt habe sogar entsprechende Ziffern handschriftlich abgeändert, fand man heraus. Fazit: Jenny Böken hätte niemals dort, wo sie angeblich mit einem Schrei verschwand, sein dürfen.

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