Meteorologe Sven Plöger warnt vor Naturschauspiel: Extreme Wetterereignisse werden wegen des Klimawandels zunehmen

Meteorologe Sven Plöger warnt vor Naturschauspiel : Extreme Wetterereignisse werden wegen des Klimawandels zunehmen

Wenn es draußen stürmt, blitzt und hagelt, ist Sven Plöger, WDR-Wetterexperte und Meteorologe, in seinem Element. „Ich finde das super“, sagt er im Gespräch mit Katharina Menne. Doch bei aller Begeisterung für das Naturschauspiel warnt er auch davor, dass solche extremen Wetterereignisse wegen des Klimawandels zunehmen werden.

Herr Plöger, in Aachen ist in der Nacht von Sonntag auf Montag gefühlt die Welt untergegangen — Starkregen, Hagel, Sturmböen. Was war da los?

Sven Plöger: Ein Tief war los (lacht). In der aktuellen Stunde am Sonntag hatte ich ja bereits darauf hingewiesen, dass das passieren wird, und — das ist jetzt die Freude des Meteorologen über die gute Vorhersage — sogar das betroffene Gebiet war korrekt. Was ist passiert? Sehr, sehr warme Luft aus dem Süden ist auf sehr kalte Luft aus dem Westen gestoßen. Während im Süden Deutschlands 29 Grad gemessen wurden, hatte es gleichzeitig in Madrid gerade einmal 14 Grad. Nordrhein-Westfalen lag genau auf der Kante. Dieser Luftmassengegensatz ist mit dem Tiefdruckgebiet zusammengetroffen und hat sich über Aachen entladen. Dazu kam, dass das Unwetter nicht von West nach Ost über Aachen hinweggezogen ist, sondern in einer langen Linie von Süd nach Nord. Es lag deshalb die ganze Zeit über der Region.

Haben Sie persönlich auch etwas von dem Unwetter mitbekommen?

Plöger: Ich war in München, also nein. Ich habe hier 28 Grad und Sonnenschein erlebt. Aber ich habe das Ganze natürlich ab den Mittagsstunden intensiv verfolgt und stand die ganze Zeit mit den verschiedenen Sendern in Kontakt. Die Wetterstation in Aachen-Orsbach hat tatsächlich das Maximum erreicht. Über sechs Stunden aufsummiert sind in Aachen bis zwei Uhr nachts 56 Liter Regenwasser pro Quadratmeter gefallen. Das reicht in etwa an die Regenmenge heran, die sonst über den ganzen Monat April herunterkommt.

Vielen Menschen machen Gewitter ja durchaus Angst. Was empfinden Sie als Meteorologe, wenn es draußen blitzt, stürmt und hagelt?

Plöger: Also bei mir ist tatsächlich von Kindesbeinen an die Begeisterung für Gewitter ganz groß. Ich finde das super. Ich liebe es, rauszuschauen und zu gucken, was da kommt. Besonders interessiert mich dann natürlich, ob meine Vorhersage mit der Realität übereinstimmt — was dieses Mal präzise der Fall war. Ich habe selbst überhaupt keine Angst vor Gewittern, aber man sollte sich natürlich vernünftig verhalten und sich keiner unnötigen Gefahr aussetzen. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, drinnen zu bleiben und vielleicht sogar ratsam, elektrische Geräte auszustecken, denn wenn der Blitz einschlägt, ist die Gefahr groß, dass sie kaputtgehen.

Was, wenn man trotz aller guten Ratschläge vom Gewitter überrascht wird und ungewollt draußen ist?

Plöger: Wenn es einem passieren sollte, dass man auf freier Fläche ist, wenn es gewittert, dann ist das Schlechteste, was man tun kann, sich unter einen Baum zu stellen. Das weiß aber eigentlich jeder. Ein Blitz ist ein Kurzschluss. Der sucht sich den kürzesten Weg, also den höchsten Punkt, in dem Fall den Baum, um die aufgebaute Spannung zu entladen. Die beste Maßnahme auf freier Fläche ist, in die Hocke zu gehen und die Beine ganz nah zusammenzubringen. So bietet man einem Blitz die geringste Angriffsfläche.

Die Hagelkörner waren enorm groß. Wie entstehen solche natürlichen Eiswürfel?

Plöger: Zunächst einmal muss es dafür kalt sein, die Temperaturen findet man oben in der Höhe. Zusätzlich braucht man viele senkrechte Luftbewegungen — Auf- und Abwinde, die wie in einer großen Waschmaschine die Eiskristalle hoch- und runterschleudern. So werden die Eiskristalle immer größer bis sie so schwer sind, dass sie als Hagelkörner runtersausen.

In der Quarks-Sendung „Endlich Mai!“, die heute um 20.15 Uhr im WDR ausgestrahlt wird, geht es um das Frühlingswetter und die Kapriolen zwischen letztem Frost und erster Wärme. War ein solches Gewitter eher typisch oder untypisch?

Plöger: Das ist schwer zu sagen. Wir hatten in den vergangenen Jahren sehr oft überraschend warme Aprilmonate. Dadurch entstehen um diese Jahreszeit besonders große Gegensätze zwischen Norden und Süden. In Skandinavien ist es meist noch winterlich kalt und am Mittelmeer herrschen bereits hochsommerliche Temperaturen. Normalerweise ist der April aber noch gar kein Sommermonat, dazu ist er erst durch den Klimawandel geworden. Ich werde in der Sendung erzählen, dass der diesjährige April der wärmste war, den wir im deutschlandweiten Mittel seit den Wetteraufzeichnungen hatten, dicht gefolgt von den Jahren 2007, 2009 und 2011. Es gibt also zusätzlich zu einer Abweichung von über vier Grad vom langjährigen Mittelwert noch eine Häufung. Das ist extrem und sehr beunruhigend, weil es in Zukunft noch häufiger passieren wird.

Warum lässt sich von solchen extremen Wettererscheinungen auf den Klimawandel schließen?

Plöger: Natürlich kann das immer auch Zufall sein. Auch früher gab es schon starke Gewitter, keine Frage. Wetter entsteht, weil es irgendwo warm und irgendwo kalt ist und die Atmosphäre das ausgleichen will. Die gesamte Wetterlage verändert sich zurzeit aber sehr deutlich, weil zum Beispiel das Eis in der Arktis zurückgeht und es daher dort immer wärmer wird. Der sogenannte Jetstream, der die Temperaturunterschiede zwischen Arktis und Äquator ausgleicht, wird schwächer und dadurch störanfälliger. Die Hochs und Tiefs bleiben immer öfter stehen. Das führt zu einer starken Häufung dieser extremen Wetterereignisse. In der Sendung heute wird genau das und mehr auf humorvolle Weise erklärt.

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