Betrug an Senioren: Extrem lukrativ und nahezu ohne Risiko

Betrug an Senioren : Extrem lukrativ und nahezu ohne Risiko

Der Betrug an Senioren nimmt dramatisch zu. Die Banden arbeiten hochprofessionell – und die Polizei kommt kaum hinterher.

Es ist 12.30 Uhr an einem Montag im Juni, als bei Waltraud Krings (Name geändert) zu Hause das Telefon klingelt. Die 84 Jahre alte Seniorin, die im Frankenberger Viertel in Aachen lebt, denkt an nichts Böses und nimmt ab. Am anderen Ende der Leitung hört sie eine Frauenstimme, die kundtut, man werde sie nun zur „Pfändungsstelle des Gerichts in Stuttgart“ verbinden. Dann ist eine männliche Stimme zu hören. Man wolle ihren Ehemann sprechen, wird Waltraud Krings gesagt. Sie antwortet, dass dieser bereits vor einigen Jahren gestorben sei. Der Mann am anderen Ende, der wie zuvor die Frau akzentfrei Deutsch spricht, kommt zur Sache: Am 16. Januar 2016 sei von ihrem Telefonanschluss ein Gewinnspiel abgeschlossen worden. Es seien nun ausstehende Zahlungen in Höhe von 15.000 Euro aufgelaufen. Die solle die Senioren begleichen, sonst werde ihr Girokonto gepfändet. Es sei denn, sie setze sich mit der Rechtsanwaltskanzlei Graf & Bremen in Berlin unter einer Handynummer in Verbindung. Im Falle einer Einigung würden nur 4000 Euro fällig, die sie dann auf ein Konto überweisen solle. Die schockierte Frau handelt goldrichtig. Sie werde die Angelegenheit ihrem Sohn weitergeben, sagt sie und legt auf.

Von 50 auf 1390 Fälle

„Ich habe von oben bis unten gezittert“, erinnert sich Waltraud Krings. Tatsächlich ruft sie später ihren Sohn an. Der war jahrzehntelang Polizist in Aachen: „Meine Mutter klang, als wäre etwas Schreckliches passiert“, sagt er. Er weiß sofort: Seine Mutter sollte Opfer einer der vielen Betrugsmaschen werden, mit denen Banden insbesondere Senioren um ihr Vermögen bringen wollen und bringen. Im Namen seiner Mutter erstattet er Strafanzeige.

Diese Strafanzeige landet auf dem Tisch von Ben Hamacher. Wie so viele. In seinem Büro in der Polizeiwache in Eschweiler stapeln sich die roten Akten zu Bergen. Hamacher ist im Kriminalkommissariat 13 der Aachener Polizei für derartige Bertugsfälle  – ob Versuch oder vollendete Tat – zuständig. Vor neun Jahren übernahm er diese Aufgabe. Da hatte es in der Städteregion gerade einen für damalige Verhältnisse starken Anstieg der Fallzahlen im Bereich des Betrugs an Senioren gegeben – auf 50 in einem Jahr. Und heute?

Hamacher nennt eine im Vergleich dazu schier unglaubliche Zahl: 1390 Taten wurden im Jahr 2018 in der Städteregion zur Anzeige gebracht. Und im laufenden Jahr sieht es keinen Deut besser aus: 698 waren es bis Ende Juni. „Die Zahlen sind geradezu explodiert“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Bei den Polizeibehörden in Düren und Heinsberg sieht das auch nicht anders aus. In Heinsberg wurden 2017 207 Fälle angezeigt, im Jahr 2018 waren es 748. Zwar sei die Zahl 2019 rückläufig, aber immer noch deutlich über dem Wert von 2017, heißt es dort. In Düren werden zwecks Vergleichbarkeit Halbjahreszahlen genannt. Im ersten Halbjahr 2017 registrierte man 45 Anzeigen, im ersten Halbjahr 2018 waren es dann schon 198 und im ersten Halbjahr 2019 sogar 243.

Wobei man allerorten davon ausgeht, dass die Dunkelziffer bei weitem höher ist. „Wir gehen davon aus, dass es mindestens doppelt so viele Fälle gibt“, sagt Kriminalhauptkommissar Alfred Wings, Leiter des Aachener KK 13. Würde heißen, dass rund 3000 Senioren allein in der Städteregion Opfer übler Betrugsmaschen werden. „Die älteren Leute, die Opfer geworden sind, schämen sich oft dafür“, sagt Wings. Mehr noch: Sie hätten bisweilen sogar Angst, dass ihre Verwandten sie entmündigen lassen, statt ihnen beizustehen. Schließlich ist es manchmal so, dass sie den Tätern weite Teile ihres Ersparten oder ihres Vermögens gegeben und damit für immer verloren haben. Die Täter lässt das natürlich völlig kalt. Im Gegenteil müssten die Senioren bisweilen sogar noch Häme – Sätze wie „Mit deinem Geld machen wir uns jetzt ein schönes Leben“ – über sich ergehen lassen.

Die Akten stapeln sich: Die Kriminalkommissare Alfred Wings (l.) und Ben Hamacher sowie ihre Kollegen von der Aachener Polizei haben alle Hände voll zu tun. „Das kann die ganze Dienststelle lahmlegen“, sagt Wings. Foto: Stephan Mohne

Ihren Ursprung hätten die Taten meist im Ausland, sagt Hamacher. Insbesondere in der Türkei würden hochspezialisierte Callcenter betrieben, die für die „Akquise“ der Opfer zuständig seien. Die Täter dort gingen der Erfahrung nach meist nach dem Telefonbuch vor. Man suche sich Menschen heraus, die heute eher unübliche Vornamen tragen, die in früherer Zeit jedoch üblich waren. „Oft gehen an einem Tag Strafanzeigen von Personen ein, deren Nachnamen den gleichen Anfangsbuchstaben haben. Oder sie wohnen alle in derselben Straße. Es gibt Tage, da gehen bei uns 30, 40 Anzeigen ein“, erzählt Hamacher. Und Wings ergänzt: „Das kann die ganze Dienststelle lähmen.“ Die Anzeigen müssen aufgenommen werden, und es gibt die Maßgabe, mit jedem Opfer persönlich zu reden. Denn eine gehörige Portion Psychologie ist hier angesichts völlig geschockter und verzweifelter Opfer auch gefragt. Unter einer halben Stunde pro Fall ist das kaum zu machen. Bei 40 Fällen an einem Tag sind das schon 20 Arbeitsstunden. Allein ist das für Ben Hamacher nicht mehr zu stemmen, weswegen die Kolleginnen und Kollegen, die aber auch noch andere Fälle bearbeiten, mit einspringen müssen.

Nur kleine Fische geschnappt

Die Ermittlungsarbeit ist da natürlich noch gar nicht eingerechnet. Doch da wird es für die Kripo ohnehin schwer und bisweilen auch frustrierend. „Ab und zu schnappen wir jemanden“, erzählt Alfred Wings. Aber das seien eben keine führenden Köpfe der Banden, sondern die kleinen Fische, die vor Ort die Beute einsammeln. Diese „Läufer“ wüssten selbst meist nicht, wer hinter den Taten stecke. Sie hätten Handys mit Prepaid-Karten, mittels derer sie ihre Anweisungen „von oben“ erhalten.

Die mit Abstand meisten Fälle fallen unter die Rubrik „Polizisten-Masche“. Hamacher: „Die macht ungefähr 70 Prozent aus.“ Die Täter gingen dabei bis ins kleinste Detail extrem professionell vor. Das Opfer erhält einen Anruf, der vermeintlich von der Aachener Polizei kommt. Im Display ist auch tatsächlich die Nummer 0241-110 zu sehen. Die wird aber vom Anrufer mit einer handelsüblichen Software gefälscht und gesendet. Dem Opfer wird erzählt, dass man eine Einbrecherbande dingfest gemacht habe. Bei den Verhafteten seien Listen mit potenziellen Einbruchsopfern gefunden worden, auf denen auch seine Adresse stehe. Leider seien einige der Einbrecher entkommen, so dass nun zu befürchten sei, dass sie das Opfer doch heimsuchen. Dessen Haus werde bereits von Polizeibeamten observiert. Zur Sicherheit sollten jedoch alle Wertgegenstände und sämtliches Bargeld in die Obhut der Polizei gegeben werden. „Das ist so professionell gemacht, dass Namen von tatsächlich in Aachen arbeitenden Polizisten verwendet werden und man im Hintergrund sogar Funkgeräusche hört“, so Hamacher. Und die vermeintlich observierenden Beamten werden sogar währende des Telefonats angeblich über Funk gerufen und gefragt: „Ist an der Adresse XY alles in Ordnung?“ Das suggeriere den Opfern, dass hier tatsächlich ein Polizeieinsatz im Gange sei.

„Sind die Opfer jetzt noch am Telefon, bauen die Täter immer mehr Druck auf“, sagt Ben Hamacher. Das könne über Stunden oder gar Tage gehen. Gleichzeitig werde den Opfern größte Verschwiegenheit auch gegenüber Verwandten auferlegt. Sind die Opfer „weichgekocht“, werden die Übergabemodalitäten festgelegt. Mal sollen Polizisten in Uniform das Geld abholen, mal wird eine „diskrete“ Übergabestelle irgendwo in der Stadt angegeben. Haben die Opfer tatsächlich ihr Bargeld und den Schmuck aus der Wohnung abgeliefert, muss das längst nichr das Ende der Fahnenstange sein. Im nächsten Schritt werde mitgeteilt, dass es sich bei den Scheinen offenbar um Falschgeld handele. Damit die Polizei es gegen echtes Geld tauschen könne, müsse die Summe als Sicherheit nochmals hinterlegt werden.

Mit diesen perfiden Methoden haben die Täter in der Städteregion  schon enorme Summen erbeutet. In Würselen waren es in einen Fall 350.000 Euro, in Aachen 355.000 Euro. Ganz aktuell gab es zwei Fälle mit der Beutesumme von 79.000 beziehungsweise 21.000 Euro. In Dortmund hat dieser Tage eine Seniorin gar rund eine Million Euro in Form von Goldbarren und Schmuck verloren. „Die Täter haben es in einigen Fällen sogar so weit gebracht, dass die Opfer Kredite bei der Bank aufgenommen haben“, berichtet Alfred Wings.

75.000 Euro unter der Matratze

Um an die Haupttäter heranzukommen, bedürfe es einer unglaublich aufwendigen internationalen Zusammenarbeit. Jüngst seien mehrere Behörden einmal konzertiert gegen eine Bande vorgegangen. Dafür habe man allein 2000 Gerichtsbeschlüsse erwirken müssen. „Wir haben es hier eindeutig mit organisierter Kriminalität zu tun. Das macht man nicht mal eben mit zwei Mann im Aachener Präsidium und einem Staatsanwalt. Dazu braucht man enorme Manpower“, sagt Ben Hamacher.

Und so schwingt nicht gerade Optimismus in der Stimme des Hauptkommissars mit, wenn er sagt: „Diesem Problem wird man nicht Herr. Für die Täter ist das fast risikolos und extrem lukrativ. Einfacher kann man kaum Geld verdienen.“ Insbesondere, wenn Opfer, wie in einem Fall, 75.000 Euro zu Hause quasi unter der Bettdecke liegen haben. Mit den Banken arbeite man derweil gut zusammen und bekomme bisweilen Hinweise, wenn es den Verdacht eines möglichen Betrugs gebe. Ansonsten müsse man vor allem auf Prävention setzen. Eine große Aufklärungskampagne haben die Behörden vor einiger Zeit gestartet. Zum Beispiel in Düren hat sich die Polizei auch an Pflegedienste gewandt mit der Bitte, von ihnen betreute Senioren zu warnen. Auch hat man Info-Blätter in die „Apotheken-Umschau“ gelegt. Explodiert sind die Zahlen trotzdem. „Möglicherweise weicht im Alter gesundes Misstrauen stärker der Gutgläubigkeit“, meint Wings. Vielleicht würde es auch schon helfen, solche Betrugsdelikte statt als Vergehen als Verbrechen einzustufen, wie der Gesetzgeber es bereits bei Wohnungseinbrüchen getan habe.

Bei Waltraud Krings ist indes wieder Ruhe eingekehrt. Bei ihr haben sich die Täter nicht mehr gemeldet, nachdem sie sagte, sie werde das mit ihrem Sohn besprechen. Währenddessen haben die Kriminellen bei vielen anderen Senioren das Telefon klingeln lassen. Nicht nur in Aachen.

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