Region: Etwas Nostalgie im Historischen Klassenzimmer Immendorf schnuppern

Region : Etwas Nostalgie im Historischen Klassenzimmer Immendorf schnuppern

Wie es sich mit einem Griffel schreibt, wissen nur noch die Älteren. Der Schiefergriffel war nach Feder und Tinte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zwar noch in den Schulen gebräuchlich, ist aber längst im Museum gelandet — etwa im Museum Historisches Klassenzimmer Immendorf.

All das, was früher im Schulunterricht zur Standardausrüstung einer Volksschule gehörte, kann man im Schulmuseum in Geilenkirchen-Immendorf anschauen und auch einmal ausprobieren.

„Bei uns gibt es keine roten Absperrbänder“, scherzt Rudolf Müller, Vorsitzender des Vereins Historisches Klassenzimmer Immendorf. Müller war selber Schulrektor und hat einige schulische Entwicklungen der späten 1900er Jahre noch selber miterlebt. Körperliche Züchtigungen, wie sie vor 100 Jahren noch an der Tagesordnung waren, waren zu seiner Rektorenzeit aber schon passé.

„Da gab es sicherlich auch unschöne Auswüchse bei den körperlichen Strafen“, räumt Rudolf Müller ein. Doch er und seine ehrenamtlichen Mitstreiter, die Schule noch ganz anders erlebt haben als die Kinder der Gegenwart, möchten die Zeit zwar nicht zurückdrehen, würden aber doch gerne das eine oder andere aus der alten Zeit in die Zukunft retten, Respekt zum Beispiel und etwas mehr Zeit für die Dinge, die heute im geballten Unterrichtsprogramm untergehen.

Authentisches Ambiente

Der harte Kern des Schulmuseums besteht neben dem Vorsitzenden Rudolf Müller aus Karin Kappes, Ingrid Müller, Annemarie Veckes, Martha Plum und Helmut Scholz. Sie halten ihr Museum in der Immendorfer Grundschule prima in Schuss. „Es gibt sicherlich größere Schulmuseen als das unsere“, sagt Rudolf Müller, „aber wichtig ist doch, dass die Zeit von vor 100 Jahren lebendig wird. Ich glaube, das kriegen wir hier ganz gut hin.“

Immendorf liegt direkt an der B56, knapp fünf Kilometer östlich von Geilenkirchen. Von der Kirche aus geht es um drei Ecken zur Katholischen Grundschule Immendorf in der Ringstraße 9. In der Grundschule wurde im Jahr 1992 auf Initiative von Karl-Heinz Gast und Peter Kück ein Klassenraum für die Einrichtung eines Historischen Klassenzimmers zur Verfügung gestellt. Das Ambiente ist also authentisch, ebenso die Einrichtung.

Peter Müller ist stolz darauf, dass fast alle Ausstellungsstücke dem Schulmuseum kostenlos überlassen wurden. Müller: „Die Menschen kommen zu uns und wollen einfach nur, dass ihre Sachen nicht verloren gehen. Auch wenn wir manches wegen Platzmangel nur im Archiv verwahren können, sind sie doch froh, dass ihre Zeitzeugnisse erhalten bleiben.“

Die Museumspräsentation ist eine Augenweide. An der Decke hängen alte Schultüten. Darunter steht der mobile Chemiekasten, dessen Inhalt Rudolf Müller erst einmal auf gefährliche Substanzen hat untersuchen lassen, bevor er ins Regal wanderte.

Zu jedem Unterrichtsfach gibt es Schaustücke. Schreibwerkzeuge werden präsentiert und was man damit anstellen konnte: Einträge in Poesiealben oder auch Schriftstücke in Sütterlin. Bedeutsames, das noch in Sütterlin-Schrift aufgesetzt worden war, wird von den Vereinsmitgliedern übersetzt.

Die Sammlung des Schulmuseums wird bis ins Detail liebevoll gepflegt. Annemarie Veckes ist die Archivarin. Sie holt aus einer Vitrine ein kleines, silberfarbenes Döschen hervor. Den Deckel schmückt ein idyllisches Bildchen. Es zeigt ein kleines Mädchen, das in einem Bottich über einen See gondelt. Nach kräftigem Drehen lässt sich die Dose öffnen. Annemarie Veckes präsentiert den Inhalt: ein blaues Schwämmchen.

„Nur aus Aluminium“

Mit dem feuchten Schwamm wurden früher die Schiefertafeln der Kinder nach den Schreibversuchen mit dem Griffel wieder sauber gewischt. Annemarie Veckes: „Ein paar der Döschen haben uns die Kinder schon zerdrückt, weil die nur aus Aluminium sind.“

Jetzt ruhen die verbliebenen Exemplare unter Glas. Jungs hatten übrigens eher weniger idyllische Bilder auf ihren Schwämmchendöschen, eher was mit Cowboy und Indianer. Jungs hatten, wie man im Fundus des Immendorfer Schulmuseums an Beispielen begutachten kann, früher auch andere Schulranzen als Mädchen. Die Ranzen unterschieden sich in der Länge der Lederklappe, die den Schulranzen schloss.

Führungen für jede Altersklasse gehören zum Programm des Schulmuseums. Auf jede Gruppe wird individuell eingegangen. Karin Kappes ist eine echte Immendorferin, die anderen Vorstandsmitglieder kommen inzwischen aus der Umgebung, Peter Müller sogar aus Hückelhoven.

Karin Kappes führt gerne die Grundschulkinder, die im Rahmen des Projektes „Schule gestern und heute“ im Schulmuseum vorbeischauen. Im Hauptraum des Museums, der wie ein Klassenzimmer vor 100 Jahren eingerichtet ist, dürfen die Kinder dann in den Schulbänken von anno dazumal Platz nehmen. Sie lauschen den Geschichten, die Karin Kappes aus ihrer Schulzeit zu berichten hat.

Wie ihre Klasse mit ihrem Lehrer rausging, sich in der Wiese in eine Kuhle setzte. Der Lehrer erklärte draußen, was so blüht, kreucht und fleucht. Und Karin Kappes erzählt, wie der gusseiserne Ofen, wenn der Lehrer nicht hinschaute, im Winter noch mal kräftig nachgefeuert wurde. Denn wenn es zu heiß wurde im Klassenzimmer, durften alle nach draußen.

Das Bruchrechnen

Peter Müller verweist auf die wichtige Besuchergruppe der Senioren, die aus nah und fern, viele aus dem Aachener Raum, das Museum aufsuchen und ein wenig Nostalgie schnuppern. Als einmal zwei Damen den historischen Klassenraum betraten, meinte die eine zur anderen: „Du Dreß, dat is doch dat Ding, mit dem wir dat Bruchrechnen jeliert hann.“ Und so war denn auch geklärt, wozu dieses seltsame Teil der Sammlung einst diente. Besuch macht eben klug. Auch Museumsleiter können nicht alles wissen.