Aachen: Eschweiler Rachemord: Ein falscher Verdacht und ein Gewaltexzess

Aachen : Eschweiler Rachemord: Ein falscher Verdacht und ein Gewaltexzess

Kurz bevor er erstochen wurde, hat Christian L. gespürt, dass etwas nicht stimmt, dass vielleicht alles etwas zu glatt gelaufen war. „Komm‘ bis zu McDonald‘s“, schrieb er der Frau, mit der er sich übers Internet zur Nacht seines Lebens verabredet hatte.

„Warum das denn?“, schrieb Marlene M. zurück, die angeblich am vereinbarten Treffpunkt an einem Angelweiher auf ihn wartete, ein paar hundert Meter vom Schnellrestaurant in Eschweiler entfernt.

„Bitte komm‘ bis da“ (zu McDonald‘s, d. Red.), flehte Christian L. per SMS. Marlene M. schrieb: „Nein, geht nicht, komm‘ bis zum Weiher, bitte.“ Und dann, wenig später, den vielleicht entscheidenden Satz:

„Bitte, Mausi.“

Christian L., damals 29 Jahre alt und geistig zurückgeblieben, gab seinem sexuellen Verlangen augenblicklich nach. Marlene M. hatte ihm versprochen, wonach er sich seit Jahren sehnte. Er machte sich zum Weiher auf, ein paar Minuten später war er tot. Es war Freitag, der 14. August 2015, 22 Uhr.

Ein Erpresser namens Binana

Im Prozess um den Mord an Christian L. sind fünf Menschen angeklagt, seit dem 9. Februar wird am Landgericht Aachen verhandelt, aber bislang sieht es nicht danach aus, als werde der Prozess im Sinn der Staatsanwaltschaft Aachen zu Ende gehen. Die Zeugen sind gehört, die Beweise weitgehend präsentiert. Vieles ist geklärt, etwas Entscheidendes aber nicht.

Klar ist, dass Marlene M. (38) das spätere Opfer zum Tatort lockte, indem sie Christian L.s unbefriedigte Sexualität in unzähligen Kurzmitteilungen übers Handy und über Facebook schamlos ausnutzte. Klar ist, dass Karl-Heinz H. (39) Christian L. mit dem Bajonett eines Sturmgewehrs tötete. Klar ist auch, dass verabredet war, Christian L. zu verprügeln, alle Beteiligten wussten Bescheid, wahrscheinlich auch Michael H. (42), der während der Tat auf die Kinder des Ehepaars H. aufgepasst hatte. Doch unklar ist, ob Karl-Heinz H., seine Frau Nadine (32) und Sven L. (26) vorher explizit geplant hatten, Christian L. zu ermorden, wie die Staatsanwaltschaft annimmt.

Für diese Annahme gibt es bislang nur zwei Indizien: In der ersten Vernehmung nach seiner Festnahme hatte Sven L. vermutlich im Drogenrausch Andeutungen gemacht, es sei geplant gewesen, L. zu töten. In derselben Vernehmung hatte er allerdings auch ausgesagt, der alleinige Täter zu sein, eine Lüge. Das zweite Indiz: Sven L. und Karl-Heinz H. hatten besprochen, Stichwaffen und Schlagring zum Tatort mitzubringen. Ob das für eine Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Mordes ausreicht, ist zumindest fraglich.

Nicht ausgeschlossen ist, dass Nadine H. und Sven L. wie Marlene M. und Michael H. lediglich wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung verurteilt werden und nicht, wie die Staatsanwaltschaft in der Anklage fordert, wegen gemeinschaftlichen Mordes. Denn nachdem am Dienstag Rechtsmedizinerin Judith Froch-Cortis ihr Gutachten erstattete und die DNA-Auswertungen des Landeskriminalamtes verlesen wurden, kann man davon ausgehen, dass Karl-Heinz H. das Opfer allein und ohne Hilfe erstochen hat.

Sven L. hockte im Gebüsch und war bereit, Christian L. wieder einzufangen, falls er hätte fliehen können. Nadine H., von der L. dachte, es sei Marlene M., hatte L. zum späteren Tatort geführt, an dem Karl Heinz H. wartete. Aber dass beide wussten, was genau am Tatort passieren würde, ist bislang nicht erwiesen.

In der Anklageschrift steht zudem, dass Christian L. mit einem Schlagring verletzt worden sei. Aber weder Rechtsmedizin noch DNA-Gutachten bestätigen diese Behauptung — eine Nachlässigkeit der Staatsanwaltschaft.

Rechtsmedizinerin Froch-Cortis zählte bei der Obduktion sieben Stiche. Karl-Heinz H. stieß mit derartiger Gewalt zu, dass Christian L. keine Chance hatte, am Leben zu bleiben. Drei Stiche drangen durch L.s Arm in seinen Oberkörper, drei gingen direkt in seinen Oberkörper. L. verblutete innerhalb weniger Minuten. Was trieb Karl-Heinz H. zu einem derartigen Gewaltexzess?

Erst am Dienstag, am elften Verhandlungstag, bekam man eine Ahnung davon, warum Christian L. getötet wurde. Der Vorsitzende Richter Arno Bormann verlas mehrere Facebook-Konversationen zwischen einer damals Zwölfjährigen, deren Eltern ihr das Profil einer 22-Jährigen angelegt hatten, und jemandem, der sich Binana nannte. Die Zwölfjährige mit dem Facebook-Profil einer Erwachsenen ist die Tochter von Nadine und Karl-Heinz H.

Diese Konversationen aus der ersten Jahreshälfte 2015 zeigen, mit welcher Hartnäckigkeit Binana die Zwölfjährige dazu zu animieren versuchte, ihm Nacktfotos zu schicken, selbst dann noch, als sie ihr wahres Alter offenbarte. Er schrieb etwas von einem Modelvertrag, von der Anerkennung und dem vielen Geld, das sie als Model erwarte. Als das nicht funktionierte, versuchte Binana, die Zwölfjährige auf verschiedene Weise zu erpressen.

Offenbar hatte sie ihm zu einem früheren Zeitpunkt tatsächlich ein Nacktfoto von sich geschickt. Während Richter Bormann die Konversationen vorlas, vergrub Karl-Heinz H., der Vater, sein Gesicht in den Händen; Nadine H., die Mutter, schluchzte laut. Man kann davon ausgehen, dass die Eltern diese Konversation kannten. Als dann Christian L. vergangenen Sommer zweimal versuchte, über Facebook Kontakt mit ihrer Tochter aufzunehmen, müssen Nadine und Karl-Heinz H. davon ausgegangen sein, bei Christian L. und Binana handele es sich um ein und denselben Menschen.

Sie zeigten L. an, die Staatsanwaltschaft Aachen nahm Ermittlungen auf. Doch die Akte wurde schnell wieder geschlossen. Es habe keinerlei Hinweise darauf gegeben, dass es sich bei Christian L. und Binana um dieselbe Person gehandelt habe, erklärte die Staatsanwaltschaft damals.

Ob Karl-Heinz H. dies bewusst war, als er L. erstach, ist noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt.