Interview mit Ayre Sharuz Shalicar: „Es gibt nicht wenige No-Go-Zonen“

Interview mit Ayre Sharuz Shalicar : „Es gibt nicht wenige No-Go-Zonen“

Ayre Sharuz Shalicar sagt, er hätte für sein Jüdisch-Sein fast mit dem Leben bezahlt. In seinem Buch über Antisemitismus in Deutschland beschreibt er die Rückkehr eines Tabuthemas.

Antisemitismus ist in Deutschland nicht mehr tabu, sagt der ehemalige Sprecher der israelischen Armee, Arye Sharuz Shalicar (41). Im Interview mit Annika Thee spricht er über seine Kindheit in Deutschland, den Zusammenhang zwischen der medialen Berichterstattung, dem Nahost-Konflikt und Antisemitismus sowie sein neues Buch „Der neu-deutsche Antisemit“.

Herr Shalicar, was war der ausschlaggebende Grund für Ihr Buch?

Arye Sharuz Shalicar: Der ein oder andere Journalist hat das Buch eine Wutschrift genannt, weil ich tatsächlich wütend war und mir den Frust von der Seele geschreiben habe. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren – aus der Ferne in Israel, aber auch hier vor Ort – mitbekommen, dass Antisemitismus plötzlich gar nicht mehr tabu ist. Und zwar nicht nur bei extremen Gruppen. Wenn vor dem Brandenburger Tor in Berlin israelische Flaggen verbrannt werden und es plötzlich wieder heißt „Juden ins Gas“. Oder wenn jüdische Kinder auf Schulen angepöbelt werden. Das hat mich sofort in meine Jugend zurückversetzt.

Wer ist dieser „Otto-Normal-Verbraucher-Antisemit“, von dem Sie in Ihrem Buch sprechen?

Shalicar: Es soll nicht falsch verstanden werden, dass ich komplett alle über einen Kamm schere. Ich habe in meinem Buch bewusst kein Kapitel dem Mensch der Mitte gewidmet, sondern links- und rechtsextremen Gruppierungen sowie radikalen Muslimen. Aber es gibt eine bestimmte Atmosphäre, die weit verbreitet ist.

Wie zeigt sich Antisemitismus in Deutschland?

Shalicar: An vielen Schulen kann man beobachten, dass Kinder das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzen. In einigen Bezirken großer deutscher Städte kann man sich als Jude nicht öffentlich zu erkennen geben. Es gibt meiner Meinung nach in Deutschland nicht wenige „No-Go-Zonen“, auch wenn andere behaupten, dass das Quatsch sei. Aber ich bin in so einer Gegend aufgewachsen und hätte für mein Jüdisch-Sein fast mit dem Leben bezahlt.

War der Antisemitismus in Deutschland nie weg, oder ist er zurückgekehrt?

Shalicar: Das frage ich mich jeden Tag. Und mein persönliches Gefühl ist, dass der Antisemitismus damals nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weg war. Es war ein Tabuthema. Jahrzehntelang hat man sich vor dem Thema gedrückt, denn es war unangenehm. Aber in den vergangenen Jahren ist es wieder hochgekommen, vielleicht wegen des Streits um Migration, der Flüchtlinge, die herkommen, und des erstarkten Rechtspopulismus. Mittlerweile ist Antisemitismus wieder ein zentrales Thema. Aber kein Deutscher sagt von sich selbst, dass er Antisemit ist. Stattdessen üben viele starke Kritik an Israel.

Wann schlägt Ihrer Meinung nach Kritik an der israelischen Regierung in Antisemitismus um?

Shalicar: Wenn jemand vier oder fünf Länder kritisiert und eines davon ist Israel, dann ist das vollkommen okay. Ich kann nachvollziehen, dass bestimmte Dinge, die in Israel passieren, als falsch aufgefasst werden. Dann muss man im gleichen Atemzug sagen, was andere Staaten tun, ist auch nicht in Ordnung. Aber wenn jemand nur die israelische Regierung kritisiert, dann wirft das bei mir Fragen auf. Worum geht es ihm? Natürlich hat das mit der Vergangenheit zu tun.

Wie meinen Sie das?

Shalicar: Ich habe das Gefühl, dass die jüdische Seite die Vergangenheit besser bewältigt hat, als die deutsche Seite. Die Juden kommen gerne nach Berlin, sprechen gerne deutsch, empfangen die Deutschen gerne in Israel. Aber für die Juden, die hier leben, ist es anders. Synagogen brauchen Polizeischutz, man kann nicht einfach eine Israelflagge in sein Fenster hängen. In manchen Bezirken kann man nicht mal laut hebräisch reden. Und ich bin der Meinung, dass die Verarbeitung der Vergangenheit in Deutschland, obwohl das Land viel mehr getan hat als alle anderen Europäer, irgendwie nicht funktioniert hat. Es gibt viel Judenfeindlichkeit, die an die Kinder und Enkel weitergegeben wurde.

In Ihrem Buch stellen Sie sich die Frage „Gehören Juden zu Deutschland?“. Dadurch trennen Sie doch das Jüdisch-Sein vom Deutsch-Sein.

Shalicar: Natürlich gibt es deutsche Juden. Die gab es auch vor dem Zweiten Weltkrieg. Eigentlich sollte das „jüdische Thema“ in Deutschland gar kein Thema mehr sein.

Sie kritisieren besonders die Rolle der Medien bei dem Wiedererstarken des Antisemitismus

Shalicar: Ich habe auf meiner Facebookseite von jungen Menschen schon so oft gelesen, dass Israelis „Kindermörder“ sind. Wo kriegen die das denn her? Bestimmte Medien haben über viele Jahre hinweg dieses Bild verbreitet. Das liegt auch an dem Weltbild der 68er. Eigentlich ist links sehr viel besser als rechtspopulistisch. Aber links in Bezug auf Israel ist problematisch, denn der Staat wurde immer als der riesige Goliath wahrgenommen, statt als der kleine, sich wehrende David in einer Region, die seine Existenz bedroht.

Also sagen Sie, dass die Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt zu Antisemitismus führt?

Shalicar: Ich habe das Gefühl, dass die Medien in Deutschland beides sehr auseinanderhalten. Wenn Juden in Deutschland angegriffen werden, dann berichten die Medien darüber als ein Thema. Und was in Israel passiert, ist ein anderes Thema, über das anders berichtet wird. Aber die Medien verstehen nicht, dass das eine Auswirkungen auf das andere hat. Wenn Juden hier in der Schule angegriffen werden, hat das auch mit einem bestimmten Image zu tun, dass die Jugendlichen unter anderem auch über die Medien wahrnehmen. Selbst in der Süddeutschen Zeitung wird der Jude in einer Karikatur mit krummer Nase und Geldbeutel in der Hand dargestellt.

Was kritisieren sie genau an der Berichterstattung?

Shalicar: Der Gesamtkontext fehlt mir. Den gab es nie. Meist wird gar nicht erwähnt, dass nicht nur Israelis und Palästinenser an dem Konflikt beteiligt, sondern auch andere Staaten involviert sind. Im Nahen Osten passieren unfassbar viele Dinge, da ist der israelisch-palästinensische Konflikt ein Nebenschauplatz. Es gibt keine Meldung in den Medien, wenn aus Gaza Raketen auf Israel geschossen werden. Aber wenn Israel darauf reagiert, dann wird über die Luftschläge berichtet. Ursache und Wirkung werden da oft vertauscht.

Buchautor Arye Shariz Shalicar. Foto: Andreas Herrmann

Ist es nicht normal, dass sich Konfliktparteien von Medien aus Drittstaaten ungerecht dargestellt fühlen?

Shalicar: Das ist richtig. Ich verlange nicht von den deutschen Medien, die israelischen oder palästinensischen Narrative anzunehmen. Aber es gibt Narrative, die in der deutschen Medienlandschaft breite Anerkennung finden. Vor allem wenn es um Israel als Akteur in der Region geht und seine Beziehung zu den Palästinensern. Und das spiegelt nicht immer die Realität wider. Man muss den Gesamtkontext erklären und Terror auch beim Namen nennen. In Beiträgen geht es immer wieder um Opfer auf palästinensischer Seite, aber dass dem Raketen oder andere Formen des Terrors vorausgingen, kommt nicht vor.

Es gibt auf palästinensischer Seite aber mehr zivile Opfer.

Shalicar: Ja, das stimmt. Weil das die Strategie der Terroristen ist.

In Ihrem Buch schlagen sie vor, öffentlich-rechtlichen Medien die finanziellen Mittel zu kürzen, wenn diese unausgeglichen über den Konflikt berichten.

Shalicar: Ja, das klingt drastisch. Aber die Medien in Deutschland müssten viel öfter zugeben, dass sie sich in ihrer Berichterstattung getäuscht haben. Diejenigen, die komplett falsch berichten, sollten zur Verantwortung gezogen werden.

Das wäre ein massiver Eingriff in die Pressefreiheit.

Shalicar: Ja. Demokratie und Pressefreiheit sind wichtig. Aber wo­rüber berichtet wird, hat direkt damit zu tun, was in Deutschland auf den Straßen passiert. Das heißt, die Medien müssen verstehen, dass sie daran teilhaben. Ich habe aber auch noch andere Maßnahmen genannt. Man muss besonders in die Jugend investieren.

Sie sehen die Stellen der Antisemitismusbeauftragten eher kritisch. Warum?

Shalicar: Ich habe das Gefühl, dass das mehr Schein als Sein ist, nach dem Motto „Jetzt haben wir die Stelle und jetzt ist Ruhe.“ Es muss eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen werden, um klarzustellen, dass Aggressivität gegen Juden härter geahndet wird.

Trotz aller Wut endet Ihr Buch mit einem recht positiven Fazit.

Shalicar: Ich bin prinzipiell optimistisch. Ich habe aber auch meine pessimistischen Momente und Ängste so wie jeder Mensch.

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