Aachen/Düsseldorf: Erst Realschule, dann Hauptschule und jetzt Abitur

Aachen/Düsseldorf: Erst Realschule, dann Hauptschule und jetzt Abitur

In Hassan El Moussaouis kleiner Wohnung stapeln sich Schulbücher. Englisch, Mathematik, Deutsch, Biologie — der 29-Jährige lernt für sein Abitur, das er am Euregiokolleg in Würselen nachholt. Als Fünfjähriger ist er mit seinen Eltern vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen.

Nach dem Abitur will er studieren und Sozialarbeiter werden. Wenn er das erzählt, wird er oft gefragt: „Warum machst Du Dein Abi erst jetzt?“ Es sei schwierig, dafür einen einzigen Grund auszumachen, wo es doch gleich eine ganze Reihe gebe, sagt er. „Aber sicher kann ich sagen, dass ich lange nicht wusste, was in mir steckt. Ich dachte immer, ich sei zu dumm für die Schule. Ich musste viele Hürden nehmen.“

Hassan El Moussaoui ist ein Paradebeispiel. Jedenfalls laut der Studie „Bildung, Migration, Milieu“. In dieser Studie untersucht die Universität Düsseldorf noch bis Ende 2014, welche Erfahrungen Migranten im deutschen Bildungssystem machen. Auftraggeber sind die beiden Stiftungen Mercator und Vodafone. Ein erstes Zwischenergebnis stellten die Sozialwissenschaftler kürzlich vor: Menschen mit Migrationshintergrund verlieren auf dem Weg durch das deutsche Bildungssystem oft viel Zeit. Wenn sie höhere Bildungsabschlüsse erreichen, dann kommen sie meist erst auf Umwegen dazu.

Als er Anfang der 90er Jahre in die erste Klasse kommt, ist der kleine Hassan seit zwei Jahren in Deutschland. Die Sprache des immer noch so neuen, fremden Landes beherrscht er kaum, aber in der Schule muss er schnell mithalten können. Er beendet die Grundschule, seine Klassenlehrerin empfiehlt ihm, auf die Hauptschule zu gehen. Gegen diesen Rat schicken die Eltern den Sohn auf die Realschule. Dort wachsen ihm die schulischen Probleme schnell über den Kopf. Er ist der einzige Migrant in seiner Klasse und sein Deutsch holpert immer noch. Die Lehrer zeigen kein Verständnis. Er gibt den Klassenclown und bringt die anderen zum Lachen. Weil er nicht aufhört, den Unterricht zu stören, fliegt er in der siebten Klasse von der Schule. „Heute glaube ich, dass ich mit meinem Verhalten kompensieren wollte, die schulischen Anforderungen nicht erfüllen zu können.“

Hassan El Moussaoui landet auf einer Hauptschule, die zu der Zeit als schlimmste Schule Aachens verschrien ist. Der Anteil an Schülern aus sogenannten sozial schwachen Familien ist enorm hoch. Ein sehr großer Teil stammt aus Migrantenfamilien, dem überwiegenden Teil fehlen ausreichende Deutschkenntnisse. Gewalt, Drogen und Kriminalität gehören an der Schule zum Alltag. Mit seinen Freunden schwänzt Hassan den Unterricht. Er kifft in der Pause, randaliert und beleidigt die Lehrer.

„Dort ist mein Leben wirklich den Bach runtergegangen“, sagt Hassan El Moussaoui. Die Lehrer tun ihm inzwischen leid. „Sie waren eigentlich total nett und versuchten nur ihr Bestes.“ Sich als Lehrer für Schüler mit Migrationshintergrund einzusetzen, ist trotzdem nicht umsonst. Auch das zeigt die Studie. Ob diese Kinder und Jugendlichen in der Schule Erfolg haben, hängt in hohem Maße von den einzelnen Lehrern ab. Übrigens auch im negativen Sinne: Fühlen sich Schüler diskriminiert, wirkt sich das auf ihre Motivation aus.

Einige der früheren Freunde und Klassenkameraden von Hassan El Moussaoui sitzen heute im Gefängnis. „Wir waren viel zu jung, um zu verstehen, was wir da eigentlich tun, und ließen uns zu allem Schlechten hinreißen“, sagt er. Dass man ihn damals ohne Wenn und Aber von der Realschule sofort auf die Hauptschule geschickt hat, und dann auch noch auf diese spezielle, sieht er sehr kritisch. „Ich glaube nicht, dass es eine Lösung sein kann, jemanden wegen seiner sozialen Herkunft und weil er noch nicht so funktioniert, wie er das aus gesellschaftlicher Sicht sollte, dahin zu stecken, wo sich ohnehin alle Probleme und der ganze Frust konzentrieren.“ Schrecklich demotivierend sei diese Zeit für ihn gewesen. „Da bleibt einem als Kind oder Jugendlicher kaum ein Chance rauszukommen. Und die Eltern können einem auch nicht helfen, weil sie selber keine Ahnung vom Bildungssystem haben.“

Für ihre Studie haben die Sozialwissenschaftler der Universität Düsseldorf 120 Eltern mit Migrationshintergrund intensiv befragt. Welche Erfahrungen haben sie mit dem deutschen Bildungssystem gemacht? Was erwarten, hoffen und verbinden Sie mit den Bildungskarrieren ihrer Kinder? Die Studie zeigt: Diese Eltern unternehmen oft große Anstrengungen, um ihren Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen. Dabei stoßen sie aber häufig an ihre Grenzen. Vielen von ihnen fehlt nicht nur das Geld für Nachhilfe. Sie wissen auch nicht, wie sie ihren Kindern in der Schule am besten helfen können und wünschen sich dabei mehr Unterstützung.

„Eltern spielen für den Bildungserfolg ihrer Kinder eine entscheidende Rolle und alle Eltern wollen diese bestmöglich ausfüllen“, sagt Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung. Manche Eltern hätten aber nun einmal schwierigere Ausgangbedingungen. „Deshalb ist die Förderung dieser Eltern eine der wichtigsten Aufgaben für uns als Gesellschaft wie auch für die neue Bundesregierung.“

„Meine Eltern haben immer erwartet, dass meine drei Brüder und ich Überflieger in der Schule sind. Dabei waren wir froh, wenn wir einen korrekten deutschen Satz hinbekamen“, sagt Hassan El Moussaoui. In Deutschland schlägt sich sein Vater zu Beginn mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitet als Koch und Maler. Später wird er Autohändler. Die Mutter putzt. Seine Eltern, sagt El Moussaoui heute, hätten nicht die Chance auf eine gute Ausbildung gehabt. Im Libanon hätten sie nur ein paar Jahre zu Schule gehen können und mussten so schnell wie möglich Geld verdienen. In Deutschland sei es dann nur noch darum gegangen, die Familie zu ernähren. „Wenn wir im Libanon geblieben wären, hätten meine Brüder und ich vermutlich ein ähnliches Schicksal wie unsere Eltern erlitten.“

Nach seinem Hauptschulabschluss besucht Hassan El Moussaoui ein Berufskolleg und macht den Realschulabschluss. Sein Wille, mehr aus seinem Leben zu machen, treibt den 19-Jährigen an. Dann lernt er eine Frau kennen und wird schon bald Vater. Jetzt heißt es: Geld für die Familie verdienen. Er arbeitet als Autohändler und in Fabriken, liefert Pakete aus und fährt Taxi. „Es war erst einmal Schluss mit Weiterbildung.“ Als die Beziehung in die Brüche geht, bleibt die Tochter bei der Mutter. El Moussaoui sieht das Kind bis heute mindestens einmal die Woche. Ihren schulischen Werdegang will er mitentscheiden. „Ich möchte alles anders machen als meine Eltern. Ich möchte ein Vorbild für meine Tochter sein und nicht bloß Leistung von ihr erwarten.“

Vor vier Jahren lernt Hassan El Moussaoui seine Freundin Angelina kennen. Sie steckt gerade in den Abiturprüfungen, inzwischen studiert sie an der Universität Düsseldorf. Dank Angelina, sagt er, habe er gesehen, dass er nicht sein Leben lang Taxi fahren will. „Ich möchte mit 80 Jahren auf mein Leben zurückblicken und sagen, dass ich den Großteil meines Lebens das gemacht habe, was mich seelisch erfüllt.“ Wenn er Sozialarbeiter ist, möchte er Jugendlichen helfen, die vor den gleichen Problemen stehen, die ihm zu schaffen gemacht haben. „Ich habe einen Draht zu den Jugendlichen. Ich spreche ihre Sprache.“ Und er macht ihre Musik: Seit seinem 15. Lebensjahr ist er als Hip-Hop-Künstler Elmo unterwegs. Sein jüngerer Bruder ist der erfolgreiche Rapper MoTrip, der seit Ende 2011 bei Universal unter Vetrag steht. Auch Elmo hat sich in der Szene längst einen Namen gemacht „Man deine Herkunft ist egal — ernsthaft. Alles was jetzt zählt, ist, ob Du ein gutes Herz hast“, rappt er in seinem Song „Neue Generation“.

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