Aachen: Ernst Schmachtenberg zieht nach zehn Jahren als RWTH-Rektor Bilanz

Aachen: Ernst Schmachtenberg zieht nach zehn Jahren als RWTH-Rektor Bilanz

Wenn Ernst Schmachtenberg von „seiner“ RWTH spricht, tut er das mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der weiß, dass das Feld bestellt ist. Zehn Jahre lang hat er als Rektor die Geschicke der Aachener Hochschule gelenkt, mit 66 Jahren verabschiedet er sich in den Ruhestand. Offiziell geschieht das am Freitag in der Aula des Hauptgebäudes am Templergraben.

Sein Nachfolger wird zum 1. August der in Niedersachsen geborene Physiker Ulrich Rüdiger, derzeit Rektor der Universität Konstanz. Der 51-Jährige hat übrigens auch in Aachen studiert, promoviert und habilitiert. Mit Schmachtenberg sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Herr Prof. Schmachtenberg, Ihr Vorgänger Burkhard Rauhut hat bei seiner Verabschiedung 2008 gesagt: „Mein Nachfolger wird es schwerer haben als ich.“ Hat er recht gehabt?

Schmachtenberg: Jeder hat es anders schwer. Aber ich glaube nicht, dass ich es schwerer gehabt habe. Im Gegenteil: Ich bin ein Glückskind, dass ich in dieser Zeit Rektor dieser Hochschule sein durfte.

Was war denn das größte Glück?

Schmachtenberg: Von heute aus gesehen: Dass die Hochschule ihren Kurs gehalten hat und deshalb jetzt da steht, wo sie steht. Das lässt sich an einigen Ereignissen konkret festmachen und verdeutlichen: das erneute Gewinnen der Exzellenzinitiative 2014, die Auszeichnung im Wettbewerb exzellente Lehre 2009, natürlich auch die Entwicklung der RWTH Aachen Campus GmbH.

In Ihre Amtszeit fallen Themen wie der doppelte Abiturjahrgang, die nicht nur deshalb steigenden Studierendenzahlen, die Exzellenzinitiative, die Schließung der Romanistik, der Campus, die Debatte um das Hochschulzukunftsgesetz der damaligen rot-grünen Landesregierung. War das nicht ein bisschen viel?

Schmachtenberg: Das gehört zum Job. Außerdem: Wir sind doch gut damit klargekommen, oder?

Was war denn die größte Herausforderung?

Schmachtenberg: Der Wechsel zur rot-grünen Landesregierung und die Diskussionen um die Hochschulfreiheit waren tatsächlich sehr schwierig. Die Landesregierung ist selbstverständlich der Träger der Hochschulen. Sie verfolgte aber eine Politik, die dem Wissenschaftssystem Hochschule nicht nur wohlmeinend zugewandt war. Das hatte aus Sicht der Koalition durchaus seine Gründe, führte aber zu Konflikten.

Die Hochschulleitungen haben gut abgestimmt die Positionen der Wissenschaft vehement verteidigt. Das ist nicht einfach, denn man beißt ja nicht die Hand, die einen füttert. Es war für uns aber essenziell, die Verantwortung für die Hochschule zu behalten und nicht an die Politik zurückgeben zu müssen. Das ist uns dann im Kern auch gelungen.

Und mit der schwarz-gelben Landesregierung ist jetzt wieder alles gut?

Schmachtenberg: Es ist jedenfalls ein großer Gewinn für die RWTH, die Landesregierung hinter sich zu wissen.

Welche Baustellen bleiben? Anders gefragt: Was sind die wichtigsten Aufgaben für Ihren Nachfolger?

Schmachtenberg: In Deutschland gilt die politische Übereinkunft „Freie Bildung für freie Bürger!“ Und gute Bildung ist teuer. Das ahnt man, wenn man auf das Budget der exzellenten Hochschulen weltweit schaut. Wir schaffen es, gute Bildung zu leisten, weil wir die Lehre mit der Forschung verbinden. Mit der Grundausstattung vom Staat allein ist das alles nicht zu schaffen.

Die Frage ist also, wie man diese Mischung hinbekommt. Und wie es uns gelingt, einen finanziellen Rahmen zu schaffen, der für unsere exzellente Art der Ausbildung notwendig ist, aber gleichzeitig eine offene Hochschule für eine große Zahl von Studierenden zu bleiben. Das ist und bleibt die spannende strategische Fragestellung, auch für meinen Nachfolger.

Worüber wird man sprechen, wenn man in zehn Jahren über die zehn Jahre unter Rektor Schmachtenberg spricht?

Schmachtenberg: Ich hoffe, dass man dann über Professionalisierung spricht. Darüber, dass die RWTH sich in meiner Zeit so entwickelt hat, dass sie Kraft tanken konnte für die Herausforderungen der Zukunft. Darüber, dass die RWTH gut gewachsen ist. Darüber, dass Kooperationen mit der Fachhochschule und mit den Trägern der beruflichen Ausbildung entstanden sind, die jedem dabei helfen zu entscheiden, wohin er in unserem Bildungssystem gehen kann und sollte, um seinen besten Weg in den Beruf zu finden.

Sie haben immer als Ziel formuliert, die RWTH soll bis 2020 die beste technische Hochschule in Deutschland sein. Wird das funktionieren?

Schmachtenberg: Das sind wir schon.

Woran machen Sie das fest?

Schmachtenberg: Ich empfehle den Blick in den neuen Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Dort ist die Forschungsförderung aufgeführt, die den Universitäten für ihre guten Forschungsideen nach Beurteilung durch die wissenschaftliche Community in den letzten drei Jahren gewährt wurde. Die RWTH springt da in den Ingenieurwissenschaften um 50 Prozent weiter als jede andere Hochschule.

Diese Zahlen sind besonders aussagekräftig, weil alle Wissenschaftler in Deutschland Forschungsgelder bei der DFG beantragen können, und weil die Projekte in einem mehrstufigen Prozess begutachtet werden. Wir freuen uns, dass wir unter den Top Drei in Deutschland sind, was die gesamte Drittmittelforschung angeht, und dass wir bei den Ingenieurwissenschaften so herausragend sind.

Was hat es für Sie so spannend gemacht, Rektor der RWTH zu sein?

Schmachtenberg: Ich habe mich immer gefragt, welchen Rektor ich mir als Studierender und vor allem als Hochschullehrer wünschen würde. Mir wurde klar, dass ein Rektor vor allem für einen Lebensraum sorgen muss, in dem Wissenschaft und Kreativität sich entfalten können. Und das ist eben nicht die Methode Kasernenhof. Ich bevorzuge eher das Prinzip „Sandkasten“. Als Rektor muss ich dafür sorgen, dass da eine große Kiste mit genug Sand drin steht, in der alle kreativ und ohne Störung von außen ihre Burgen bauen können.

Die Frage ist, wie man das organisiert und wie man reagiert, wenn einige anfangen, den anderen mit der Schaufel auf den Kopf zu hauen. Wobei ich mich eigentlich über jeden Streit freue, weil er zeigt, dass Bewegung und Leben im System ist. Als Rektor muss ich dann moderieren und zeigen, wie Probleme durch sozialadäquates Verhalten gelöst werden können.

Welche Jobbeschreibung haben Sie für sich daraus abgeleitet?

Schmachtenberg: Der Rektor als Ermöglicher, bei Bedarf als Verhinderer, als Moderator, als Coach und manchmal auch als Mediator.

Haben Sie Fehler gemacht?

Schmachtenberg: Ich vermute, dass ich viele Fehler gemacht habe. Nehmen wir zum Beispiel die derzeitige Förderphase der Exzellenzinitiative. Wir waren sehr hoffnungsvoll mit acht Projekten in die Begutachtung gegangen und bekamen drei bewilligt. Wir haben also kräftig Federn gelassen. Da haben wir garantiert nicht alles richtig gemacht.

Auch Ihr Vorgänger Rauhut hat auf die Frage, ob er Fehler gemacht hat, die Exzellenzinitiative genannt.

Schmachtenberg: Weil die Hochschule dann auf dem Präsentierteller ist und Fehler gut sichtbar werden. Bei den vielen kleinen Entscheidungen, die jeden Tag anstehen, fallen Fehler wohl gar nicht so auf.

Wie sieht denn Ihre Prognose für die zukünftige Exzellenzstrategie aus?

Schmachtenberg: Wir sind mit fünf hervorragenden Clustern in der Endrunde. Ich frage mich ernsthaft, welches Cluster am Ende rausfallen könnte. Denn alle sind fantastisch, alle repräsentieren die Zukunftsthemen der RWTH. Es wäre aber naiv zu glauben, dass wir mit allen durchkommen. Die Arithmetik dieses Wettbewerbs lässt das im Grunde gar nicht zu.

Zum Schluss: Was macht der Pensionär Schmachtenberg? Lust auf ein Seniorenstudium?

Schmachtenberg: Ich gebe zu: Wenn man lange vorne am Katheder gestanden hat, ändert sich die Perspektive. Das führt schon mal dazu, dass meine Frau zu Hause sagt: „Du bist hier nicht mehr im Hörsaal, du kannst jetzt aufhören zu dozieren.“ Das nennt man wohl „Déformation professionnelle“: Man meint, man müsste die ganze Welt belehren. Insofern stellt sich eher die Frage, welche Vorlesungsreihen ich im Seniorenstudium gebe.

Auf jeden Fall werde ich im Sommersemester eine Vorlesungsreihe in unserem Leonardo-Programm halten. Ausgehend von dem Buch „Homo Deus“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari will ich mich mit der Frage beschäftigen, was es für unsere Zukunft bedeutet, wenn neben unserer eigenen Intelligenz auch eine künstliche steht.

Teilen Sie Hararis Pessimismus?

Schmachtenberg: Nein. Ich glaube, wenn wir alles aktiv gestalten, kann die Zukunft großartig werden. Denn dann schaffen wir eine Welt, in der wir auf einer Basis viel größerer und besserer Erkenntnis entscheiden können als heute. Aber dazu müssen wir uns alle lenkend und denkend als mündige Bürger in die Entwicklung einbringen.

Ernst Schmachtenberg hat sich auch zur aktuellen Debatte um die wissenschaftlichen Publikationen geäußert. Seine Aussagen lesen Sie auf Region & NRW

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