Baesweiler: Er war elf, als der Disko-Mörder Egidius Sch. seine Mutter tötete

Baesweiler : Er war elf, als der Disko-Mörder Egidius Sch. seine Mutter tötete

Das Rechnen hat ein Ende, das panische Nachdenken und Vergleichen: „Wie alt ist er, wenn er irgendwann doch noch aus dem Gefängnis kommt? Und wie alt ist dann meine Tochter? Könnte er auch ihr etwas tun?“

Egidius Sch. aus Aachen, den man den Disko-Mörder nannte, weil er in der Zeit zwischen 1983 und 1990 fünf junge Frauen im Raum Aachen vergewaltigt und ermordet hat, ist in der Justizvollzugsanstalt Bochum an einem Herzschlag gestorben — verursacht durch einen Stromschlag.

Ab 2008 saß er dort ein. In Aachen hatte ein Schwurgericht ihn zu lebenslanger Haft verurteilt. Erst 17 Jahre nach dem Verbrechen konnte er durch einen DNA-Abgleich überführt werden. Sabine Neumann aus Heinsberg-Randerath war sein letztes Opfer.

Die damals 30-jährige alleinerziehende Mutter hatte einen Sohn. Robert, elf Jahre alt, heute ein 39-jähriger Mann, den Angst und Schmerz nie verlassen werden. Er erstarrt, wenn er daran denkt, wie lange der Täter mit den sadomasochistischen Neigungen vor der Entdeckung noch in seiner Umgebung gelebt hat und dass im Urteil keine Sicherheitsverwahrung vorgesehen war. Das ist nun vorbei. Der Mörder ist tot.

Die panische Angst ist erloschen

„Klar fühle ich eine Art von Erleichterung“, sagt Robert Neumann, der in Baesweiler lebt. „Ein irgendwie makabrer Tod, das passt.“ Nun erlischt zumindest die panische Angst, dass der Mann weitermachen könnte. „Meine Tochter ist 15 Jahre alt, mein Sohn ist neun. Ich habe sogar daran gedacht, dass es meine Enkel noch treffen könnte.“

In sozialen Medien hat Neumann offengelegt, was geschehen ist, hat seine Geschichte erzählt, alles, was in den Zeitungen dazu stand, Fotos gezeigt, das zarte Gesicht seiner Mutter Sabine mit glänzenden halblangen Locken — der Versuch einer Bewältigung und Abrechnung.

„Die Kindheit war schlagartig zu Ende, ich bin bei den Großeltern aufgewachsen“, erinnert er sich. „Nie mehr Nähe, nie mehr die Fröhlichkeit, die ich an meiner Mutter so mochte.“ Die Frau, die damals eine Umschulung zur Erzieherin durchlief, wollte ein bisschen Spaß, tanzen. Doch es wurde spät, dann war sie zur falschen Zeit am falschen Ort.

Den Vater hat er nie gefunden

Von Roberts Vater gab es keine Spur. Ob der zuvor in Geilenkirchen stationierte US-Soldat vom Verbrechen gehört hat, weiß man nicht. „Alle Versuche, ihn zu finden waren vergebens“, berichtet der Sohn. „Es gab mal Zahlungen, aber da ich bei meinem Großvater ausgezogen bin und nur noch sporadisch Kontakt hatte, konnte ich keine Unterlagen mehr finden.“

Neumann scheint ruhig, sachlich, manchmal fast ironisch, wenn er davon erzählt, wie zunächst die Kleidung und ein Jahr nach der Tat die skelettierte Leiche der Frau gefunden wurde. Anhand von Zahnabdrücken konnte man beweisen „dass das mal meine Mutter war“.

Der Schmerz vergeht nicht, auch nicht die Erinnerung, dass er zunächst in Pflegefamilien untergebracht wurde, bis man die Großeltern im Italienurlaub finden und nach Deutschland zurückholen konnte. „Sie haben das nie verkraftet, besonders meine Großmutter, das hat ihr das Herz gebrochen.“

Die Folgen des Verbrechens waren und sind weitreichend, kaum auszuloten. „Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, es gibt immer neue Kreise...“, sagt Neumann. Narben? „Wo in meinem Leben ist keine?“ lautet seine Rückfrage. Heute reflektiert er deutlich, was ihm als Jugendlicher geschehen ist. Sein Leben geriet in Schieflage. „Du hast keinen Bezugspunkt, keinen, dem du vertrauen kann“, stellt er fest. „Wenn andere bei Problemen die Eltern anrufen konnten, war bei mir alles leer.“

Den Prozess gegen Egidius Sch., der viele Jahre nach den Taten stattfand, hat der Sohn des Opfers vor zehn Jahren aktiv verfolgt, alles angehört, jede grausame Einzelheit. „Es ist ein Teil meines Lebens, ich musste das tun“, sagt er heute. „Ich wollte wissen, wie dieses Puzzle vervollständigt wird.“ Er kann sich genau daran erinnern, wie die Ehefrau des Täters von den Praktiken im Keller der Familie Sch. berichtete, wo sich Egidius peitschen und quälen ließ. „Das war unfassbar, ich begreife es bis heute nicht“, sagt er.

Die ausgeblendete Erinnerung

Er habe damals schnell gelernt, erwachsen zu sein, zwei Gesichter zu entwickeln. „Eins nach außen und eins, das niemand sehen wird“, sagt er bekümmert. „Das Private zeige ich der Gesellschaft nicht.“ Die Schulzeit war bereits ein Spießrutenlauf. „Ich wurde gehänselt, man wollte mich ausfragen.“ Endlich begleitete ihn der Schulleiter durch alle Klassen, wo Robert überall sagte, was Sache war. Vorgeführt? „Na ja, danach war Ruhe“, meint er.

Teilbereiche habe er aus seinem Leben inzwischen gestrichen, ausgeblendet. Als Angehöriger eines Opfers wurde er von den Behörden kaum wahrgenommen oder betreut. Einmal hat er einen Psychologen getroffen: Man saß sich schweigend gegenüber, das war‘s.

Mehrfach nahm er Anlauf, um eine Lehre zu absolvieren — Kaufmann im Einzelhandel, dann eine Umschulung im Computerbereich, schließlich Bürokaufmann. „Wenn etwas nicht klappt, weil eine Firma pleite macht, denkt man beim Arbeitsamt: Aha, der schmeißt jede Ausbildung...“, schildert er die Erfahrungen. Sein Leben blieb überschattet. Endlich ein Angebot als Lkw-Fahrer, obwohl er nicht den passenden Führerschein hatte. Neumann: „Ich habe einen Vorvertrag bekommen, den Führerschein gemacht, und jetzt bin ich bis zu 55 Wochenstunden unterwegs.“

Dann muss er los — einkaufen, zu Hause kochen, das tut er gern. Entspannung? „Nicht viel Zeit“, murmelt Neumann, und schließlich erzählt er doch von den beiden schönen Norweger-Katzen und seinen seltenen Chinchillas, eine Leidenschaft aus Jugendtagen. Jetzt gönnt er sich wieder welche.