Englerthring in Alsdorf: Lange Haftstrafen für Serienbrandstifter

Urteil im Prozess : Nachts, wenn die Serienbrandstifter kommen

Eine Brandserie, zwei Einsätze am Englerthring, 33 versuchte Morde: Andreas P. und seine Lebensgefährtin Martina R. sind vor dem Aachener Landgericht verurteilt worden. Noch können sie Revision einlegen.

Als der Großeinsatz in der Nacht des 20. Januar so gut wie zu Ende war und die Feuerwehrleute ihre Sachen fast wieder zusammengepackt hatten, schlich Andreas P. sich noch mal in den Keller des Mehrfamilienhauses am Englerthring und legte, wenige Stunden nachdem er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin im Flur desselben Hauses das erste Feuer gemacht hatte, schnell noch einen zweiten Brand.

So viel Spektakel war lange nicht mehr im Leben von Andreas P. gewesen, so viel Aufmerksamkeit hatte er schon lange nicht mehr erhalten. Von der Polizei hatte er gar einen Platzverweis erhalten, nachdem er mehrere Feuerwehrmänner angepöbelt hatte. Im Keller brannte es innerhalb kurzer Zeit erneut, die Feuerwehr musste ihre Sachen wieder auspacken, der zweite Einsatz begann und dauerte bis in den frühen Morgen.

Übernachtung in der Sporthalle

Andreas P. (45) und seine Lebensgefährtin Martina R. (38) sind am Montagnachmittag vor dem Aachener Landgericht zu achteinhalb beziehungsweise acht Jahren Haft verurteilt worden. Andreas P. erhielt wegen dieses zusätzlich gelegten Feuers am 20. Januar ein halbes Jahr mehr als seine Freundin.

Doch die Länge der Haftstrafen erklärt sich hauptsächlich damit, dass das Paar genau zwei Wochen nach den Brandstiftungen am 20. Januar das Mehrfamilienhaus am Englerthring, in dem sie selbst lebten, erneut angezündet hatten, das war am 3. Februar.

Wieder mussten die Einsatzkräfte stundenlang gegen Feuer und Rauch kämpfen, wieder mussten die Bewohner des Hauses evakuiert werden und zum Teil in der Sporthalle der Gesamtschule übernachten. Die Tat am 3. Februar wertete die Schwurgerichtskammer des Vorsitzenden Richters Roland Klösgen als versuchten Mord an den 33 Bewohnern, die zum Tatzeitpunkt im Haus waren. Die übrigen vier Brände, die Andreas P. und Martina R. am 14. und 15. Februar in Alsdorf nachts gelegt hatten, fielen kaum mehr ins Gewicht.

Brauchte nur drei Prozesstage, um sechs Brandstiftungen in Alsdorf aufzuarbeiten: Roland Klösgen (60), Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer am Landgericht Aachen. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Das Motiv war offenbar die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation, so hatten es die Verurteilten während des Prozesses selbst dargestellt. Die Brandstiftungen sollten dabei dem Frustabbau dienen, und wer weiß, wie lange die Brandserie noch weitergegangen wäre, hätten nicht zwei Flüchtlinge Andreas P. und Martina R. dabei beobachtet, wie sie einen Altpapiercontainer am Denkmalplatz in Alsdorf angezündet hatten. Kurz darauf konnte die Polizei das Paar festnehmen.

Die erste Version

Die fünf Richter der Schwurgerichtskammer hatten das Problem, dass Martina R. und Andreas P. dem Gericht mehrere Versionen der Tatabläufe angeboten hatten, Andreas P. hatte Richter Klösgen gar gesagt, er solle sich eine Version aussuchen. Ungewöhnlich.

Letztlich entschieden sich die Richter für die Version, die das Paar am 20. Februar in getrennten Befragungen bei der Polizei erzählt hatte. Richter Klösgen war der Überzeugung, das Martina R. ihrem Partner keineswegs nur „hinterhergedackelt“ war, wie sie selbst und auch eine Psychiaterin vor Gericht erklärt hatten. Sondern dass sie die Brandstiftungen gemeinsam geplant und gemeinsam begangen hatten.

Das Haus am Englerthring Nr. 3

Dafür sprach auch ein Briefwechsel zwischen Martina R. und Andreas P. vergangenen Sommer, als sie beide in unterschiedlichen Gefängnissen in Untersuchungshaft saßen. Sie hatten postalisch versucht, sich auf eine gemeinsame andere Aussage zu verständigen, derzufolge Andreas P. der Alleintäter sein sollte. Ein naives Vorhaben, da kein Brief ein deutsches Gefängnis verlässt, ohne dass der zuständige Richter den Inhalt der Post überprüft.

Der Alsdorfer Stadtteil Kellersberg, in den das in West- beziehungsweise Ost-Berlin aufgewachsene Paar ab 2018 zusammen lebte, war ab 1906 entstanden, als der Eschweiler Bergwerks-Verein Hunderte, später Tausende Bergleute aus allen Teilen Deutschlands und aus vielen Ländern Europas einstellte.

Franz Schneider, Alsdorfer Rechtsanwalt und Regionalhistoriker, sagte dieser Tage im Gespräch mit unserer Zeitung, das Haus am Englerthring Nummer 3 sei ab 1912 errichtet und zusammen mit drei weiteren, ähnlich dimensionierten Mehrfamilienhäusern ursprünglich für ledige, meist jüngere Bergleute gebaut worden.

Man kann also davon ausgehen, dass das Haus mit 48 Wohnungen in seiner etwa 100-jährigen Geschichte einiges gesehen hat. Dass es aber innerhalb von zwei Wochen zwei Mal von Bewohnern angezündet wurde, ist nach allem, was bekannt ist, noch nicht vorgekommen.

Beide Verurteilte haben nun die Möglichkeit, in Revision zu gehen und den Bundesgerichtshof mit dem Fall zu befassen. Die Frist beträgt eine Woche.

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