Aachen/Jülich: Energie günstig speichern: Innovationspreis für einen Aachener Querdenker

Aachen/Jülich : Energie günstig speichern: Innovationspreis für einen Aachener Querdenker

Bugra Turan aus Aachen war ein Gralssucher. Er gehörte zu den vielen Wissenschaftlern, die den heiligen Gral der Energieforschung gesucht haben: eine Speichermöglichkeit, die die Menschen mit Strom versorgt, wenn die regenerativen Energien Pause haben, weil kein Wind weht und keine Sonne scheint.

Für seine Arbeit erhält der 33-Jährige am Montag in Düsseldorf aus der Hand von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart den mit 50 000 Euro dotierten Innovationspreis in der Kategorie Nachwuchs. „Ich bin schon ein wenig aufgeregt. Ich stehe nicht so gerne im Mittelpunkt“, sagt Turan mit Blick auf Montag. Das Labor, da, wo er in Ruhe arbeiten kann, liegt ihm mehr als eine Bühne.

Turan war ein Gralssucher — die Betonung liegt auf „war“ — weil er mittlerweile nicht mehr am Forschungszentrum Jülich arbeitet, sondern im Herbst zum Aachener Unternehmen Streetscooter gewechselt ist. Den Preis erhält er für seine Arbeit in Jülich. Mit seinen Kollegen hat an einer Vision gearbeitet. Die besteht aus einem Park voller Photovoltaikanlagen, die oben Sonnenlicht speichern und auf der Rückseite mit der gewonnen Energie Wasserstoff herstellen.

„Wasserstoff ist der einfachste Speicher, den es gibt“, sagt Turan, der aus Wuppertal stammt, in Aachen Elektrotechnik studiert und selbigem Fach in Jülich den Doktortitel erlangt hat. Es braucht Energie, um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten. Eben die Energie, die die Solarzellen der Photovoltaikanlage gerade gewonnen haben. Die Energie wird verbraucht, um Wasser zu spalten. Und sie kann zurückgewonnen werden, wenn Wasserstoff danach wieder mit Sauerstoff reagiert. Deswegen haben Turan und seine Kollegen am Forschungszentrum eine Solarzelle mit einem sogenannten Elektrolyseur kombiniert, mit dem die Spaltung passiert.

Das Prinzip sei schon lange bekannt. „Aber die Forschung wird immer nur im Labormaßstab betrieben. Das Blatt ist meistens gerade mal so groß wie ein Fingernagel“, erklärt Turan. Mit Blatt meint er die Kombination aus Solarzelle und Elektrolyseur. Turan hat in anderen Dimensionen gedacht, an einen Baum sozusagen. „Unser Ziel war es, zu zeigen, dass das auch in einem deutlich größeren Maßstab möglich ist. Und zwar mit Materialien, sind reaktiv günstig sind.“

Massenkompatibel weil günstig und technisch nicht kompliziert soll die Speichermöglichkeit sein. Daran hat das Team um Turan in den vergangenen Jahren gearbeitet. Der Baum ist geplant in Form eines Demonstrators mit einer Fläche von zehn Quadratmetern. Das Helmholtz-Zentrum Berlin will den Baum bald in Jülich bauen.

Turan ist dann nicht mehr dabei, seine Arbeit hat aber den Weg bereitet. Das betont auch Minister Pinkwart in einer kurzen Begründung, warum der Aachener Elektrotechniker den renommierten Preis erhält. „Damit der Umbau unseres Energiesystems hin zu den Erneuerbaren gelingt, brauchen wir Speicher, die umweltfreundlich und bezahlbar sind. Dr. Turan hat am Forschungszentrum Jülich ein Konzept zur großflächigen künstlichen Photosynthese entwickelt, um Sonnenenergie direkt in Wasserstoff umzuwandeln. Diese innovative und kostengünstige Lösung bringt die Energiewende einen großen Schritt voran.“

Jülich tickt interdisziplinär

Bei dem Baum soll es nicht bleiben. Die zuerst beschriebene Vision von einem Solarpark, der gleichzeitig ein riesiger Speicher ist, würde dann aus dem Baum einen Wald machen. Turan ist davon überzeugt, dass das möglich ist. Und er betont, dass im Forschungszentrum der ideale Nährboden sei, um den Baum zum Wachsen zu bringen. Jülich tickt nämlich interdisziplinär. „Die Chance, dass man die Geräte und das Wissen der anderen Disziplinen nutzen kann, ist nur an einem Ort wie dem Forschungszentrum so groß“, sagt Turan.

Davon habe er schon immer viel Gebrauch gemacht. Seine interdisziplinäre Denkweise, man könnte auch von einem Querdenker sprechen, bringt er jetzt wo anders ein. Der Preis geht — legt man den Text über ihn in der Broschüre zu Grunde — auch deswegen an ihn, weil er dazu neige, „sich immer wieder in neue Bereiche einzuarbeiten und sich für Themen zu begeistern, die abseits seiner eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit liegen“. „Dass das gewürdigt wird freut mich sehr“, sagt Turan.

Die Gralssuche setzt er bei Streetscooter auf einem anderem Feld fort, dem der Künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen. Ob er noch zum Finder des Grals wird, der die Energiewende mit neuen Speichern möglich macht, kann Bugra Turan nicht abschätzen. „Aber irgendwer muss ihn finden. Sonst ist die Energiewende nicht zu schaffen.“

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