Elternverband in NRW kritisiert teure Abibälle

Abschlussfeiern in der Kritik : „Die Kosten für Abibälle explodieren“

Der Aachener Dieter Cohnen von der Landeselternschaft NRW bemängelt den Trend zu exklusiven Abschlussfeiern. Er glaubt, dass die Abibälle für viele Familien nicht finanzierbar sind. Nicht selten kosten Karten knapp 50 Euro. Das findet er zu viel.

Schöner, pompöser und teurer – das ist seit Jahren der Trend bei Abiturfeiern. Ein Wermelskirchener Gymnasium schaffte es mit seiner Abschlussfeier 2016 bundesweit in die Medien, weil es gleich das Kölner Fußballstadion mietete. Mit Essen, DJ und Shuttle-Service von der Stadt im Bergischen nach Köln mussten die Schüler 40.000 Euro zahlen. Am Ende kostete die einzelne Abiballkarte aber dann 30 Euro. Das ist sicher das untere Ende der üblichen Preisspanne.

„Die Kosten für Abibälle sind in den vergangenen Jahren explodiert und für viele Familien eine finanzielle Belastung geworden“, sagt Dieter Cohnen. Der Aachener ist Vorstandsmitglied der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. Den Trend zu schickeren Feiern beobachte er seit den 2000ern. „Das geht in eine völlig falsche Richtung.“

Tatsächlich erinnern viele Abiturfeiern heute an Hochzeiten. Die gemieteten Festsäle sind in weiß eingedeckt, es gibt Dekoration, Blumengestecke, einen Partyfotografen und einen DJ. Das kostet natürlich. Hinzu kommt das Outfit: Wer im Frühling Geschäfte für Abendmode betritt, findet sich nicht selten zwischen 18-Jährigen wieder, die das perfekte Ballkleid für ihre Abifeier suchen. „Und wer schlägt der Tochter die Bitte nach einem Friseurtermin für den Abiball ab?“, fragt Cohnen. Sicher befeuern auch Soziale Medien den Trend. Jugendliche sind es gewohnt, dass Ereignisse inszeniert werden. Fotos von einer Abifeier im Schloss Vaals haben sicher mehr Potenzial auf Instagram als die von einem Fest in der Schulaula wie früher einmal üblich.

Eine Aachener Abiturientin, die den Ball an ihrer Schule mitorganisiert, erklärt, dass ihre Stufe auch gern in der Schulaula gefeiert hätte. „Allerdings ist die viel zu klein, weil die Stufe so groß ist und wir von mindestens 700 Gästen ausgehen.“ In der Region seien nur wenige Hallen in Frage gekommen. Beim Aachener Eurogress oder dem AEC in Würselen hätte die komplette Party mindestens 30.000 Euro gekostet. „Das war uns zu teuer, denn wir wollten unbedingt unter 50 Euro pro Karte bleiben“, sagt die junge Frau. Nun habe man einen Raum der RWTH Aachen gemietet. Da könne die Stufe an den Getränken mitverdienen. Die Abiballkarte koste 46 Euro, aber man gehe davon aus, dass am Ende Geld übrigbleibe, das an die Schüler ausgezahlt werden soll. „Wir wollten es nicht ganz minimalistisch, aber auch nicht zu teuer.“

Gebauer: „Abiball ist kein Opernball“

Zwei bis drei Abibälle pro Jahr finden im Eurogress statt. Über die Saalkosten will Valeria Di Rita, zuständig für Veranstaltungen, nicht sprechen. Nur so viel: „Zusätzlich zur Saalmiete kommen Kosten für Personal, Technik und sonstige Ausstattung auf die Abiturienten zu. Es ist aus Sicherheitsgründen und aufgrund gesetzlicher Bestimmungen verpflichtend, vom Eurogress eingewiesenes Personal zu buchen.“ Die Preise könnten dann noch steigen, wenn die Abiturienten, einen DJ und Dekoration über den Eurogress buchen. Die Schüler müssen sich zudem für einen Caterer entscheiden, mit dem der Eurogress kooperiert.

Cohnen sieht die Situation im Raum Aachen noch nicht so dramatisch wie in größeren Städten, trotzdem finde er die Kosten der Abibälle generell zu hoch. Das könnten sich viele Familien schlichtweg nicht leisten. Seine ältere Tochter hat 2017 an St. Ursula in Aachen das Abitur gemacht. Die Karten für die Feier im Technologiezentrum hätten 30 Euro pro Person gekostet. „Das klingt nach wenig, aber bei einer vierköpfigen Familie ist man da schnell bei 120 Euro.“ Auch NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) rät zur Mäßigung. „Ich persönlich würde dazu raten, nicht die Bodenhaftung zu verlieren, damit alle unbeschwert mitfeiern können. Ein Abiball ist kein Opernball“, sagte sie der dpa.

Da es sich um eine private Veranstaltung handelt, werden Familien in der Regel auch nicht unterstützt. Es mag zwar Hilfen von Fördervereinen an Schulen geben, aber von staatlicher Seite ist keine Unterstützung zu erwarten. Eine Kostenübernahme für Hartz-4-Empfänger sei nicht geboten, entschied etwa das Sozialgericht Düsseldorf Ende Oktober 2018 (Az.: S 43 AS 221/18).

Die Schulen haben tatsächlich mit der Planung des Abiballs nichts zu tun. Das erledigen die Schüler – meist gibt es ein Abiball-Komitee – selbst. An vielen Schulen wird im Vorfeld durch „Vorfinanzierungs-Partys“ oder durch Kuchenverkauf Geld eingesammelt. Die Einnahmen decken aber nicht die Kosten für die Feier. Ein Abiturient vom St. Leonhard Gymnasium in Aachen erzählt, dass seine Schule beinahe 4000 Euro durch verschiedene Aktionen eingenommen habe. Jeder Schüler habe eine festgelegte Stundenzahl an Arbeit in die Stufe investieren müssen. Neben Veranstaltungen habe man auch Geld über das Internet gesammelt. „Wir haben Gedichte für ein Abi-Gewinnspiel geschrieben, viele Likes bekommen und gewonnen.“ Der Schüler will seine Stufe nicht loben, glaubt aber schon, dass sie ziemlich „strukturiert vorgegangen sei“. Der Abiball im Technologiezentrum in Aachen koste 22.000 Euro. Die Eintrittskarte gebe es dann für 35 Euro.

Cohnen erklärt, dass Eltern in einem Zwiespalt stecken. Die Kinder übernähmen mit der Organisation der Abibälle Verantwortung, das sei löblich. „Wenn ein 18-Jähriger aber einen Vertrag zur Miete einer Location über 15.000 Euro unterschreibt und im Endeffekt dafür haftet, ist das schon bedenklich.“ Die Schülerin des anderen Aachener Gymnasiums erklärte jedenfalls, dass die Organisation der Feier eine Herausforderung gewesen sei. „Man vertut sich bei den ganzen Kosten, die neben der Saalmiete auf einen zukommen, leicht, wenn man das als Schüler allein auf die Beine stellt.“

Cohnen setzt Hoffnung in die Jugend, die jetzt im frühen Teenageralter ist. „Wenn ich als Vater die ,Fridays for Future’-Bewegung sehe, bin ich positiv gestimmt, dass sich der Trend zum Übertriebenen von allein erledigt und die Kinder nachhaltiger werden.“

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