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Aachen: Einer, der wissen will, was im Kopf los ist: Professor Frank Schneider wird 60

Aachen : Einer, der wissen will, was im Kopf los ist: Professor Frank Schneider wird 60

Auf seinem Arztschild steht: „Univ.-Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider“. Gleich zwei akademische Titel haben nicht viele Universitätsprofessoren vorzuweisen. Dass Frank Schneider, der am Montag seinen 60. Geburtstag feiert, seine wissenschaftlichen Qualifikationen — einen Doktor der Psychologie (rer. soc. = rerum socialium) und einen Doktor der Medizin (med. = medicinae) mehr oder weniger auf einen Schlag erworben hat, ist ebenfalls bemerkenswert.

Schneider hatte schon früh ein Ziel — anderen Menschen helfen, Sachen wissen. Die Psychiatrie ist dabei für ihn das spannendste Fach überhaupt. So sagte er mal in einem Interview: „Ich wollte schon immer wissen, was im Kopf vor sich geht, warum es Menschen mit psychischen Krankheiten gibt. Ich fand es daher naheliegend, Psychologie und Medizin zusammen zu studieren.“

Konsequenz als Markenzeichen

Es verwundert also nicht, dass dem jungen Studenten aus Wetzlar, der sich 1977 an der Universität Gießen für das Fach Psychologie einschrieb, die Inhalte des Studiums schon bald nicht mehr reichten und er parallel ein Medizinstudium an derselben Universität begann. Das war 1980, und es war anstrengend, aber es machte auch Spaß im Sinne von „etwas machen, was man wichtig findet“, wie Schneider es nennt. Dass er sechs Jahre später beide Studien mit je einem Doktortitel abschließen würde, könnte man durchaus als folgerichtig bezeichnen.

Nicht nur in seinem Fachgebiet, auch in seinem äußeren Erscheinungsbild zeigt der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik Aachen gerne Konsequenz: ein Mehr-als-Dreitagebart, inzwischen eher weiß als grau, und eine klassische Panto-Brille im Stil der 1920er Jahre sind seit vielen Jahren Frank Schneiders Markenzeichen.

Doch wen interessieren Äußerlichkeiten, wenn ein Wissenschaftler vom Kaliber eines Frank Schneider sein Werk in die Waagschale wirft: über 500 wissenschaftliche Arbeiten, zahlreiche Fachbücher und Ratgeber. Gerade in zweiter überarbeiteter Auflage erschienen ist Schneiders Standardwerk für angehende Psychiater: „Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie“.

Einen für den Fachbereich der Psychiatrie lange überfälligen Schritt vollzog Schneider, als er 2010 in seiner Funktion als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) bei einem Kongress das Thema Euthanasie im Dritten Reich auf die Agenda brachte und damit die Aufarbeitung der damaligen Rolle der Psychiatrie anstieß.

Schneiders Leitsatz zu diesem Thema lautet: „Wir sind schuldig, wenn wir heute nicht darüber reden.“ Schneider brachte einen Stein ins Rollen, es wurde eine öffentliche Diskussion geführt und eine viel beachtete Ausstellung konzipiert. Die Wanderausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ wurde national und international an über 30 Standorten gezeigt, 2015 auch im Aachener Centre Charlemagne.

Doch das Hauptthema seines wissenschaftlichen Handelns hat nichts mit Geschichte zu tun, es ist zeitlos und allgegenwärtig: die Depression und ihre Anerkennung als „ganz normale Krankheit“. Diesbezügliche Vorbehalte und Vorurteile sind Schneider ein Dorn im Auge: „Ich gehe jeden Tag in die Psychiatrie, und ich bin auch nicht irre. Jemand, der als Patient in die Psychiatrie kommt, ist natürlich auch nicht irre.“ Jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens eine Depression bekommen, „das kommt über einen wie eine Grippe“, sagt Schneider. Seinen besonderen Fokus hat er dabei auf Depressionen im Alter und bei Spitzensportlern gelegt und vor allem mit letzterem ein bis dato in Forschung und Öffentlichkeit weitgehend vernachlässigtes Thema angepackt.

Im Jahr 2012 etablierte er in Zusammenarbeit mit der DGPPN an der Aachener Uniklinik das Referat „Sportpsychatrie“ — das erste von bundesweit acht „Zentren für seelische Gesundheit im Sport“, das als Kontakt- und Hilfsangebote für Sportlerinnen und Sportler mit psychischen Erkrankungen bietet. 2013 folgte Schneiders Ratgeber-Buch „Depression im Sport“.

Dass der Name von Frank Schneider und sein Spezialthema letztlich einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind, hat auch mit Robert Enke zu tun. Der ehemalige Nationaltorhüter litt unter Depressionen und nahm sich 2009 das Leben. Plötzlich war das Thema Depression im Sport in aller Munde und Frank Schneider als Fachmann ein gefragter Mann. Seit Enkes Witwe Teresa 2010 die Robert-Enke-Stiftung ins Leben rief, um auf das Thema aufmerksam zu machen und betroffenen Sportlern zu helfen, ist Schneider Mitglied im Kuratorium. Aufbau und Arbeit des Referats für Sportpsychatrie an der Aachener Uniklinik wurden und werden von der Stiftung unterstützt.

Die Uniklinik gilt heute als eine der Top-Adressen für psychische Erkrankungen, und das darf sich Frank Schneider getrost als Verdienst anrechnen. Im aktuellen Klinik-Ranking des Magazins „Focus Gesundheit“ belegt die Klinik erneut Platz 16 von bundesweit 1000 bewerteten Kliniken. Schneider selbst wird in der „Focus“-Ärzteliste 2018 wieder als Top-Mediziner in den Bereichen Depression, bipolare Störung und Schizophrenie ausgezeichnet.

Als Frank Schneider 2003 nach Aachen kam, um die beiden Unikliniken für psychiatrische Erkrankungen zu übernehmen, hingen solche Lorbeeren noch hoch für ihn. Er hatte Stationen als Arzt in Tübingen hinter sich und war sieben Jahre lang Leiter der Psychiatrie an der Uniklinik Düsseldorf gewesen. Zu Beginn seines Berufslebens hatte er im Rahmen eines Forschungsaufenthalts zwei Jahre in den USA an der University of Pennsylvania verbracht, der er als Adjunct Professor of Psychiatry bis heute verbunden ist.

Wissen, was im Kopf vor sich geht — diesem Credo bleibt Frank Schneider auch mit einem weiteren, inzwischen zehnjährigen Projekt treu: „Jara-Brain“, die „Jülich-Aachen-Research-Alliance“. In diesem bundesweit einzigartigen Hirnforschungsverbund forschen Wissenschaftler aus über 20 Kliniken und Instituten der RWTH Aachen und aus fünf Instituten des Jülicher Forschungszentrums gemeinsam daran, wie psychische und neurologische Erkrankungen besser diagnostiziert und therapiert werden können.