Aachen/Hürtgenwald: Eine Sonntagsfahrt endet vor dem Schwurgericht

Aachen/Hürtgenwald : Eine Sonntagsfahrt endet vor dem Schwurgericht

Es war der Pfingstsonntag 2012, als ein damals 51 Jahre alter Mann mit seinem Rennrad in Hürtgenwald unterwegs war und nicht ahnen konnte, dass er den Tag nur mit viel Glück überleben würde.

Er fuhr auf der B 399 zwischen Kleinhau und Großhau, ein großer dünner Mann, der nicht zu übersehen ist. Doch Jens B., 28, der mit dem Auto seines Vaters auf dem Weg nach Vossenack war, übersah den Rennradfahrer doch. Seit Donnerstag steht er deswegen wegen versuchten Mordes zur Verdeckung einer Straftat vor der Schwurkammer des Aachener Landgericht.

Das Wetter war gut an diesem Tag, es war Mittag, es gab eigentlich keinen Grund, aus dem Jens B. den Rennradfahrer hätte anfahren sollen. Und doch passierte es: Beim Überholen touchierte B. den Radfahrer, der nach einem harten Aufprall auf Kotflügel und Windschutzscheibe in den Straßengraben flog. Der Mann und sein Rad verschwanden im Gestrüpp, und Jens B. fuhr einfach weiter. Später dann fand ein Rollerfahrer fand den Radfahrer, purer Zufall. Der Radfahrer hatte schwere Brüche erlitten — und kann heute von Glück sagen, dass er noch lebt.

Warum Jens B. einfach weiterfuhr? Aus Panik vor seinem cholerischen und gewalttätigen Vater, wie er am Donnerstag vor Gericht erklärte.

Zwei Jahre lang hatte Jens B. den Unfall hartnäckig geleugnet, mehrere Vernehmungen bei der Polizei konnten daran nichts ändern. Donnerstag nun gab Jens B. während der Befragung durch den Vorsitzenden Richter Arno Bormann den Unfall erstmals zu. Jetzt, da Jens B. sich auch angesichts des schweren juristischen Vorwurfs — neben versuchten Mordes sind auch gefährliche Körperverletzung und Unfallflucht angeklagt — einer hohen Strafe ausgesetzt sieht, wollte er auspacken und reinen Tisch machen. Doch das Gerichtsverfahren, in dem der bekannte Kölner Rechtsmediziner Markus Rothschild als Gutachter sitzt, lief von Beginn an schlecht für den Angeklagten. Zum Prozessbeginn um 9 Uhr war er nicht erschienen. Knapp zwei Stunden telefonierten Gericht wie Verteidiger hinter ihm her. Er habe gedacht, sagte Jens B., der Prozess werde erst in einer Woche beginnen, als er endlich gefunden worden war. Er habe wohl die Terminladungen vertauscht.

Wie der Unfall also passieren konnte, wollte Richter Bormann wissen. Jens B. erklärte, er sei an jenem Pfingstsonntag 2012 auf dem Handy angerufen worden, habe sich während der Fahrt nach dem Gerät gedreht und dabei den Radfahrer übersehen — leider, wie er hinzufügte. Doch das stimmte nicht. Es gab keinen eingehenden Anruf, er selber wollte wohl gerade telefonieren, gestand er auf energische Nachfrage des Gerichts. „Denken Sie genau nach, wir können das kontrollieren“, drohte Richter Bormann. Es half.

Den Tatwagen, der seinem Vater gehört, hatte er nach Vossenack bringen wollen. Nach dem Unfall habe ihn, Jens B., Panik übermannt, er habe gebetet, dass dem Radfahrer nichts Schlimmes passiert sei. Der werde schon gefunden, hatte er sich beruhigt — und war einfach weitergefahren.

Der Prozess wird am 26. August ab 9 Uhr fortgesetzt.