Die Auferstehung in Gold und Gemälden: Eine österliche Spurensuche in der Aachener Domschatzkammer

Die Auferstehung in Gold und Gemälden : Eine österliche Spurensuche in der Aachener Domschatzkammer

Die Gemälde und Goldschmiedearbeiten in der Domschatzkammer Aachen erzählen von Kreuzigung und Auferstehung, der „unbeschreiblichen Botschaft“. Wir gingen mit der Leiterin der Schatzkammer auf österliche Spurensuche.

„Der Akt der Auferstehung bleibt ein Geheimnis, das sich nicht darstellen lässt“, betont Dr. Birgitta Falk, Leiterin der Schatzkammer des Aachener Doms und zuständig für alle Kostbarkeiten im Kirchenraum. „In der christlichen Kunst hat man es dennoch versucht.“ Die Ergebnisse sind beeindruckend – und wollen aufgespürt werden. Wir haben uns mit der Expertin auf die Suche begeben und die „unbeschreibliche Botschaft“ in Gemälden und Goldschmiedearbeiten gefunden.

Zuvor ein Blick in die Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes berichten alle vom leeren Grab, vom auferstandenen Christus und jenen, die ihm nach der Grablegung begegnet sind. Jeder beschreibt das Geschehen aus einer anderen Perspektive. Während Matthäus (28, 1-6) schildert, wie „Maria Magdalena und die andere Maria“ zum Grab gehen, davor auf den Engel treffen, der ihnen die Botschaft von der Auferstehung bringt und sie damit zu den Anhängern schickt, berichtet Markus (16, 1-15) von einer dritten Frau, „Salome“, die mit zum Grab geht.

Bei ihm betreten die Frauen sogar die leere Grabeshöhle und treffen gleichfalls auf den Engel. „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist auferstanden und ist nicht hier“, sagt der ungewöhnliche Bote schlicht. Lukas (24, 1-10) spricht von zwei Engeln und einer ganzen Gruppe der Anhänger, die mit kostbaren Ölen den Leichnam salben wollen. Nur bei Johannes (20, 1-18) wird die Szene angereichert: Als Maria Magdalena weinend am Grab steht und gerade gehen will, steht Jesus vor ihr. Sie glaubt aber im ersten Moment, es sei der Gärtner.

Mit der Schaufel auf der Schulter

Das Gemälde (1,58 x 2,27 Meter, Öl auf Leinwand) eines unbekannten Künstlers greift vor den Räumen der Schatzkammer diese Szene lebensnah auf. Wer an den Schließfächern vorbei, auf den Kreuzgang trifft, sollte sich zunächst nach rechts wenden. Mit der imposanten Schaufel über der Schulter steht Christus, eingehüllt in helles Tuch, stolz und kraftvoll vor der andächtig knienden und staunend zu ihm aufschauenden Maria Magdalena. Das Werk entstand um 1730. „Im Rokoko, das sieht man vor allem an der Maria, sie ist in der flämischen Rubens-Tradition gemalt, trägt einen kostbaren Brokatmantel“, erläutert Birgitta Falk.

Der „Aachener Altar“ oder „Passionsaltar“ in der Schatzkammer des Aachener Doms entstand vermutlich 1515/1520 in Köln und stand bis 1642 in der Kölner Karmeliterkirche. 1872 kam er nach Aachen. Foto: Andreas Steindl.

Bemerkenswert ist nicht nur der naturalistische Spaten, sondern auch die Tatsache, dass der Künstler sich anatomisch auskannte. Jesus der „Gärtner“ ist athletisch gebaut, Wundmale wie die Spur des Nagels am Fuß oder der Lanzenstich in die rechte Körperseite sind sichtbar – aber deutlich verheilt. „Sein Blick ist verklärt, er schaut über die Frau hinweg in die Weite“, regt die Domschatzkammer-Leiterin zum genauen Hinsehen an.

Wer die Domschatzkammer betritt, steht nach wenigen Schritten vor einer Vitrine. Im mystischen Dämmerlicht leuchtet golden ein Buchdeckel, der im Zentrum eine Elfenbeinarbeit mit dem für die damalige Ostkirche üblichen Madonnentyp der „Hodegetria“, der „Wegweiserin“ trägt. Maria zeigt auf Christus als Erlöser. Rundum und im Inneren des Buchdeckels sind Edelsteine und Emaillearbeiten angeordnet, die die Fläche mit den vier größeren, aus Goldblech getriebene Motiven und den Symbolen für die Evangelisten umgeben: Geburt und Himmelfahrt oben, Kreuzigung und Auferstehung unten.

„Vermutlich war das Evangeliar Teil einer von gestifteten Altarausstattung Kaiser Heinrichs II., um das Jahr 1020“, erläutert Birgitta Falk. Das Motiv des Engels, der auf der schräg gestellten Grabplatte vor dem Mausoleum sitzt, in der ein Tuch als letzte Spur des Auferstandenen schwebt, war offenbar unter den Goldschmieden bekannt. „Man brauchte Vorlagen für solche Szenen und benutzte sie natürlich mehrfach“, erläutert die Expertin. Denn was hier den Buchdeckel des Evangeliars schmückt, taucht erneut bei der goldenen Altartafel, der „Pala d’Oro“, am Hauptaltar des Doms auf, der in der Fastenzeit verhangen ist und erst wieder in der Feier der Osternacht als Zeichen der Auferstehung enthüllt wird. „Vielfach sind Goldschmiede von einem Hof zum anderen gereist. Sie hatten ein bestimmtes Kontingent von Vorlagen im Gepäck.“

Ein Aachener Goldschmied

Auch der Aachener Goldschmied Hans von Reutlingen (1465-1547), der berühmt war für seine Kunst, dem Material Gold große Leichtigkeit zu verleihen, hat das Thema Leiden, Tod und Auferstehung sensibel umgesetzt. In einer Seitenvitrine der Domschatzkammer steht das von ihm geschaffene feuervergoldete Reliquiar „Agnus Dei“ („Lamm Gottes“, 1515), etwa 40 Zentimeter hoch, in Form einer Monstranz, die von einem Reliquienbehälter – vermutlich aus Bergkristall – gekrönt wird. „Darin ist ein Kreuzessplitter aufbewahrt“, erklärt Birgitta Falk. „Es könnte sich um ein Kussreliquiar handeln, das zum Friedenskuss gereicht wurde. Vom Bergkristall glaubte man, dass er durchlässig für die Heilswirkung der Reliquie ist, sie quasi abstrahlt.“

Lamm mit der Siegesfahne

Auf der Vorderseite der Monstranz steigt Christus aus dem Grab, die Rückseite, für die man sich bei der Präsentation in der Vitrine entschieden hat, zeigt das Lamm mit der Siegesfahne, eines der ältesten Symbole für die Auferstehung. „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt“, heißt es im Johannes-Evangelium (Joh. 1,29), das sich damit auf das „vollkommene und endgültige Opfer“ bezieht, wie es in kirchlichen Erklärungen heißt. Die Kreuzigung Jesu fand nach dem Johannes-Evangelium zu der Zeit statt, als die Pessach-Lämmer geschlachtet wurden – daher das Lamm in der Kirchenkunst. Hans von Reutlingen hat das Tier, das den rechten Huf anmutig hebt, lebensnah, dynamisch und mit wolligem Fell im Goldblech geformt. „Die Monstranz stand außerhalb der Gottesdienste im Reliquienschrank der Sakristei, so ein wertvolles Stück ließ man schon damals nicht ungesichert“, erzählt Birgitta Falk.

Frei zugänglich, zumindest bis 1642 für Besucher der Kölner Karmeliterkirche, war der „Passionsaltar“ oder „Aachener Altar“, geschaffen 1515-1520 vom unbekannten „Meister des Aachener Altars“. Das Kunstwerk konnte nach einigen Umwegen durch verschiedene Sammlungen 1872 schließlich für den Aachener Dom erworben werden. Zunächst stand der „erzählende“ Altar in der Chorhalle. Längst schmückt er als eines der großen farbintensiven Prachtstücke eine ganze Wandbreite in der Domschatzkammer. „Eine echte Bilderbibel, man entdeckt immer neue Episoden und Kleinigkeiten neben dem großen Geschehen“, meint die Schatzkammer-Chefin.

In einer Höhe von 1,43 Metern berichtet der Altar von Leiden, Sterben, Auferstehung und Himmelfahrt Christi – und zwar in allen Details, lebhaft wie in Filmszenen. Der linke Seitenflügel (1,14 Meter) zeigt die Dornenkrönung, der mächtige Mittelteil (2,42 Meter) mit einer Vielzahl von Menschen und Tieren die Kreuzigung, der rechte Seitenflügel (1,14 Meter) schildert eher zurückhaltend und mit sehr zarten Bildern die Auferstehung.

Im Vordergrund erkennt man die Grablegung, darüber Christus, der dem Grab entsteigt sowie „Christus als Gärtner“ wie er Maria Magdalena begegnet und ganz fern, „entrückt“ die Himmelfahrt. Die Menschen tragen zeitgenössische Kleidung, die Landschaft erinnert an das Rheintal, auf dem linken Altarflügel gibt es sogar einen Blick in die Stadt Köln mit dem unvollendeten Dom. „Interessant ist unter anderem eine kleine Szene im Mittelteil, in der Christus bereits im Moment seines Kreuzestodes ein paar Seelen aus der Vorhölle rettet, umschwirrt von Teufeln“, regt Birgitta Falk zu Entdeckungen an. Bei diesem Bild lohnt sich sogar die Mitnahme eines Opernglases.

Das kann gleichfalls bei der „Pala d’Oro“ nützlich sein, die den Hauptaltar des Doms im gotischen Chor schmückt und bei der die Besucher respektvollen Sicherheitsabstand halten müssen. Der Altarraum ist mit Alarm gesichert. Die „Pala d’Oro“ wurde – wie der kostbare Buchdeckel des Evangeliars – um 1020 geschaffen. Die insgesamt 17 Reliefs aus getriebenem Goldblech, die als Meisterwerke der ottonischen Goldschmiedekunst gelten, hat man 1951 mit einem schlichten Holzrahmen zusammengefügt und als Antependium (Vorsatz) aufgestellt. Rechts unten als letzte der Einzeltafeln, die sich um den thronenden Christus, dargestellt als Erlöser der Welt in einer Mandorla (ovales Medaillon) gruppieren, sieht man die Auferstehung.

Das Motiv ist vertraut: Es wurde bereits beim Evangeliar benutzt, das in der Schatzkammer ausgestellt wird und ist am Altar spiegelverkehrt umgesetzt. Zudem war links noch etwas Platz für die nach der Engelserscheinung vor Schreck ohnmächtigen Soldaten. Sie fehlen auf dem Buchdeckel. Herstellungsort: vielleicht Fulda, vielleicht Trier. Genau können es selbst Experten nicht sagen. „Die Szenen der Leidensgeschichte Jesu lassen sich lesen wie in einem Buch, von links nach rechts“, beschreibt Herta Lepie, Autorin eines Schatzkammerführers und von 1978-1986 Direktorin der Schatzkammer, die Bildgeschichte.

Vermutet wird, dass die „Pala d’Oro“ Teil einer großen Altaranlage war. Als 1794 die französischen Revolutionstruppen anrückten, wurde sie abgebaut und versteckt. Im 19. Jahrhundert holte der damalige Kanonikus Franz Bock die Tafeln aus den hintersten Fächern eines Schatzschrankes der Ungarnkapelle hervor und konnte Kaiser Wilhelm I. davon überzeugen, zum 25. Jahrestag des Karlsvereins 1872 eine neue Rahmung zu stiften.

„Das Grab erinnert an Gebäude der römischen Antike und an die späteren Grabeskirche in Jerusalem“, wirft Birgitta Falk einen Blick auf die Szene der letzten Tafel. Die Strahlen der aufgehenden Sonne verbinden Grab, Engel und Frauen. Birgitta Falk nennt das „den Laserstrahl der Erkenntnis“. Herta Lepie spricht sogar von der „Feier des Heilsgeheimnisses der Kirche“.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ostern in den Schätzen des Aachener Doms

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