Eine neue TV-Dokumentation erzählt die Geschichte des Westwalls

Neue TV-Doku über gigantisches NS-Bunkersystem : Wenn der Westwall Geschichte(n) erzählt

Schon viele Geschichten sind über den Westwall, diese 630 Kilometer lange Verteidigungslinie der Nationalsozialisten, mit seinen Bunkern und Barrieren geschrieben worden. Der renommierte Dokumentarfilmer Manfred Ladwig zeigt nun Blicke auf das gigantische Bauwerk, wie man sie noch nicht gesehen hat.

Sanft gleitet die Kamera über moosbedeckten Beton. Es ist still hier mitten in der Natur. Szenenwechsel: Das Bild wird schwarz-weiß, Flammenzungen schießen durch den Wald. Feuer hüllt einen Bunker ein. Man ahnt: Dessen Insassen haben keine Überlebenschance. Szenenwechsel: Eine Drohne zieht ihren Flugweg über endlos scheinende Linien mit tausenden „Drachenzähnen“, umgeben und bewachsen mit saftigem Grün. Szenenwechsel: Schwitzende Männer schaufeln Sand in Betonmischer, andere ziehen mit bloßen Händen kilometerlange Stacheldrahtzäune, um das zu erschaffen, was Hitlers Wunsch ist: eine Verteidigungsanlage, die sich über hunderte Kilometer von Basel über die Eifel und Aachen bis nach Kleve am Niederrhein ziehen soll.

„Limes-Programm“ nannten das die Nationalsozialisten. „Führer-Linie“ oder „Hitler-Linie“ waren anfangs ebenfalls Namen dafür. Heute kennt es quasi jedes Kind nur noch als Westwall. Schon viele Geschichten sind über diese 630-Kilometer-Blockade mit Bunkern und Barrieren geschrieben und erzählt worden. Jetzt kommt eine hinzu, die neue Blickwinkel eröffnet und darüber hinaus noch nie öffentlich präsentiertes Archivmaterial zeigt. „Der Westwall – Geschichte einer Grenze“ ist der Titel einer beeindruckenden Dokumentation, die Manfred Ladwig mit seinem Team vom Südwestdeutschen Rundfunk gelungen ist.

Fragt sich nur, wie man darauf kommt, einen (weiteren) Film übder den Westwall zu drehen. Das haben schließlich auch schon andere vor Ladwig, seines Zeichens einer der renommiertesten Dokumentarfilmer (siehe Zusatzinfo), getan. Zudem ist er normalerweise eher im Themenbereich Umwelt unterwegs. Genau in diesem Zusammenhang kam ihm jedoch die Idee zu diesem 90-minütigen Film. Genauer gesagt auf einer Tagung zum Thema „Naturschutz an NS-Großanlagen“ im Jahr 2016. „Danach war uns klar, dass der Westwall nicht nur als Umweltthema relevant ist, sondern die Geschichte einer Grenze erzählt werden muss“, erinnert sich der SWR-Redakteur.

Also machte man sich an die aufwendige Arbeit. Zunächst stand die Suche nach Experten an. Die fand man unter anderem im international bekannten Antisemitismus- und NS-Forscher Wolfgang Benz, aber auch in regionalen Heimatforschern wie Kabarettist Achim Konejung aus Vettweiß im Kreis Düren, ausgewiesener Experte für die Schlacht im Hürtgenwald – die im Dokumentarfilm ebenfalls eine zentrale Rolle spielt.

Die Natur erobert den Beton zurück: Das war ursprünglich die Idee zu dem Film, der im Zuge der Recherchen jedoch ein ganz anderer wurde.Er zeigt auch viele beeindruckende Luftbilder. Foto: SWR

Oder auch Patrice Wijnands aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet, den der Autor auf einer Exkursion von Süd nach Nord mit einer Gruppe Studenten begleitet. Vor allem ging es für Ladwig jedoch auch darum, möglichst schnell Zeitzeugen in Sachen Westwall zu finden. Auch solche, die am Bau beteiligt waren, mithin aber nun bereits um die 100 Jahre alt sind. Und: „Wichtig war uns, dass wir das Grenzthema nicht nur aus rein deutscher Sicht heraus erzählen. Denn immerhin leben auf der anderen Grenze des Westwalls Franzosen, Luxemburger, Belgier und Niederländer mit ihrer eigenen Grenzgeschichte“, so Ladwig.

Parallel dazu machte man sich auf de intensive Suche nach historischem Filmmaterial. Manfred Ladwig „vergrub“ sich eine Woche lang im Bundesfilmarchiv. Er fand Material, das teilweise noch nie ausgeliehen worden sei.

Letztlich interviewte man rund 30 Protagonisten von Weil am Rhein im Süden bis hin zum Niederrhein. Unter ihnen auch der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, dessen Heimatdorf am Westwall noch in den letzten Kriegstagen dem Erdboden gleich gemacht wurde. Mancher Zeitzeuge habe sich ob seines Alters  nur noch bruchstückhaft an die Erlebnisse erinnert, andere hätten geradezu vor Erzähleifer gesprudelt.

Wobei sich auch die Frage stellt, ob überhaupt noch jeder über die Vergangenheit reden will. Wie wurde das Fernsehteam aufgenommen? „Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Die allermeisten Leute wollten erzählen. Man merkte bei den alten Herrschaften, dass der Westwall und die Erlebnisse an der Grenze im Krieg über Jahrzehnte kein Thema waren, die Erinnerung verdrängt wurde.“

Vom Propagandabauwerk zur Todesfalle: Was zunächst sogar für einen „Bunkertourismus“ sorgte, wurde wenige Jahre später zur Todesfalle für Tausende. Foto: SWR

Andere Menschen wiederum könnten bis heute noch nicht offen über die Geschichten und ihr Wissen erzählen. „Besonders die vielen unehelichen Kinder, die von den Westwallarbeitern gezeugt und nie anerkannt wurden, zwingen die Menschen bis heute dazu, zu schweigen“, so die Erkenntnis des Filmteams. Ein Mann habe im Gespräch gesagt, dass er jetzt nicht mehr weiterreden könne. Weil bis heute eine Frau im Dorf noch nicht wisse, dass sie ein uneheliches Kind eines Westwallarbeiter sei. Und dass bestimmte Bunkernamen darauf hinwiesen, wer damals als Liebschaft eines Westwallarbeiters im Dorf bekannt war.

Emotional tief beeindruckt

Vom Propagandabauwerk zur Todesfalle: Was zunächst sogar für einen „Bunkertourismus“ sorgte, wurde wenige Jahre später zur Todesfalle für Tausende. Foto: SWR

Manches, was er während der Dreharbeiten gesehen und gehört hat, hat auch den erfahrenen Dokumentarfilmer Ladwig, der vom Urwald bis zur Wüste schon überall auf der Welt gedreht hat, emotional tief beeindruckt: „Besonders intensiv bleibt mir natürlich das Schlachtfeld im Hürtgenwald in Erinnerung. Wenn man persönlich vor Ort gewesen ist mit Experten, die einem die Kriegsereignisse vermitteln, ist man schon sehr betroffen von der grausamen Schlacht die stattgefunden hat.“ Und auch die Evakuierung der Aachener Bevölkerung sehe er jetzt ganz anders.

Von Experten habe man erfahren, dass die deutschen Flüchtlinge – die rund eine Million Bewohner der zehn Kilometer breiten „Roten Zone“ entlang des Westwalls mussten während des Krieges mehrfach evakuiert werden – im Reich nicht willkommen gewesen seien. Und diese temporäre Entwurzelung die „Westwallzigeuner“, wie man sie nannte, „viel mehr belastet hat, als mir bewusst war“. Flüchtlinge im eigenen Reich würden genauso abgelehnt, wie Flüchtlinge aus dem Ausland. „Es sind einfach Fremde“, so Ladwig.

Und dann ist da natürlich der militärische Hintergrund des Westwalls, der von den Nazis als reines „Verteidigungsbauwerk“ bezeichnet und sogar als Beleg für die eigene „Friedlichkeit“ propagandistisch ausgeschlachtet wurde. In Wahrheit, so Ladwig, sollte er Hitler bei seinem Angriffskrieg im Osten den Rücken gegen Franzosen und Engländer freihalten. In späteren Jahren, nach der Landung der Alliierten in der Normandie, war das Bauwerk kaum noch zur Verteidigung geeignet. Die Waffentechnik hatte sich im Laufe des Krieges rapide weiterentwickelt, die Bunker konnten ihr nicht standhalten. Und an Soldaten zu ihrer Besetzung mangelte es ebenfalls, weswegen man auch Kinder hineinsteckte und sie damit dem Tod weihte.

22.000 Bunker, MG-Nester, abertausende „Drachenzähne“, Panzergräben, Mauern, die eine halbe Million Menschen bauen mussten und die 3,5 Milliarden Reichsmark kosteten – das ist der Westwall. Todesfalle für unzählige Menschen – das ist der Westwall. Letztlich ein totaler militärischer Flop – das ist der Westwall. Eingebrannt in das historische Gedächtnis  – das ist der Westwall.

„Man sollte annehmen, dass nach so vielen Jahren schmerzhafte Erinnerungen verblasst sind. Dies ist nicht der Fall. Das war insofern beeindruckend, weil wir ja an eine Grenzgeschichte erinnern wollten, die heute gar nicht mehr so gegenwärtig ist“, fasst Manfred Ladwig seine Recherchen zusammen. Entlang des Westwalls von Basel bis an den Niederrhein gebe es Tausende von Menschen, die sagen, dass so etwas nie mehr passieren dürfe. Dass nie mehr eine Grenze gebaut werden dürfe.

Und am Ende: Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Kinder kurz nach dem Krieg, die an einem zerstörten Bunker spielen. Szenenwechsel: Das Bild wird farbig, man sieht Kindergartenkinder, die draußen spielen. Auf dem Gelände stehen noch stählerne Schützentürme. Szenenwechsel: Beeindruckende Luftaufnahmen entlang des denkmalgeschützten Westwalls dokumentieren, wie sich die Natur den Beton zurückerobert, wie sich ein Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten gebildet hat – das ist der Westwall heute.

Also das, was einmal der ursprüngliche Ansatzpunkt für den Film war. Es ist ein anderer Film dabei herausgekommen. Manfred Ladwig zeiht sein persönliches Fazit: „Für mich ist das eine Lehrstunde dafür, wie schnell historisches Wissen verblasst. Und wie schnell sich Geschichte wiederholen kann.“

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