Alles für die Umwelt: Eine neue Bewegung aus Protestler, Kläger, Vereine und Geschäftsleute

Alles für die Umwelt : Eine neue Bewegung aus Protestler, Kläger, Vereine und Geschäftsleute

Protestler, Kläger, Vereine, Geschäftsleute: So unterschiedlich sie auch sind, sie gehören alle zu einer neuen Bewegung. Einige Beispiele.

Die Demonstranten rennen über die Autobahn, vorbei an Hundertschaften und Wasserwerfern der Polizei. Es geht einen steilen Hang hinunter. Zweitausend weiß gekleidete Menschen setzen sich dann, johlend wie ein Schwarm Möwen, auf die Gleise des Stromkonzerns RWE, die den Braunkohle-Tagebau Hambach mit Kraftwerken verbinden. Die Kohle-Gegner verbringen dort eine kalte Oktobernacht 2018. Lara Eckstein ist eine von ihnen.

„Dieses Gefühl, wenn wir da sind, können die Kohlezüge nicht mehr fahren, dann können die Bagger nicht mehr baggern“, sagt die 28-Jährige aus Berlin, um zu erklären, wa­rum sie Urlaub nimmt für den Protest. „Ende Gelände“ nennen sich die Aktivisten, „Kohleausstieg jetzt“ lautet ihre Forderung. „Das Gefühl, weil wir da sind, steigt weniger CO2 an diesem Wochenende in die Luft.“

Bilder aus einer anderen Zeit

Die Bilder der Aktionen scheinen aus einer wilderen Zeit zu stammen: aus Jahrzehnten wütender Kämpfe um ein Atommüll-Lager im Wendland, im niedersächsischen Gorleben, etwa und um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in Bayern. Es wirkt wie ein Déjà-vu der Umweltbewegung, die in den Jahrzehnten des ausgehenden 20. Jahrhunderts das Image Deutschlands als Öko-Vorreiter mitprägte.Die Namen Wackersdorf und Wyhl in Baden-Württemberg, wo ein Atomkraftwerk geplant war, stehen für Orte, an denen Landesregierungen Bauprojekte nach langen Kämpfen zwischen Polizei und Demonstranten aufgaben, weil sie politisch verbrannt waren.

Heute nun der Streit um die Rodung im Hambacher Forst und um die Kohle: Bis in die „New York Times“ schaffte es im Herbst die Räumung der Baumhäuser der Besetzer, die seit Jahren dort ausharrten. Zehntausende demonstrieren in den folgenden Wochen und Monaten für Kohleausstieg und Klimaschutz etwa in München, in Köln und Berlin. Parteipolitisch erlebten die Grünen 2018 in Umfragen einen Höhenflug.

„Ich glaube, da gärt gerade etwas“, sagt Frank Uekötter. Der Westfale, der im britischen Birmingham lehrt, ist 48 und Umwelthistoriker. „Es gibt ein Rumoren in der Gesellschaft, da fühlt man sich ein bisschen an die späten 70er und frühen 80er Jahre erinnert.“ Damals zogen Zehntausende durch die Straßen mit Transparenten wie „Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“, weil Schwefeldioxid aus Abgasen zu saurem Regen wurde und Bäume schädigte. Die Sorgen erzeugten einen Druck in der Gesellschaft, der die Grünen 1983 in den Bundestag einziehen ließ. Die schwarz-gelbe Regierung verschärfte die Vorschriften zum Entschwefeln bei Kraftwerken. 1984 folgte ein Gesetz für Auto-Katalysatoren.

Und jetzt? Wenn man in einem Jahrzehnt zurückblicke, werde man vielleicht sehen, dass etwas begonnen habe, sagt der Historiker. „Ich glaube, da passiert gerade etwas.“

Die Aktivisten

Am Tag vor der Gleisbesetzung lehnt Lara Eckstein, braune Augen, rote Mütze, pragmatische Art, hinter einem Polizeigitter am Bahnhof Düren, wenige Kilometer vom Tagebau und dem Hambacher Forst entfernt. „Ich fände es ja auch schöner, wenn wir uns einfach zum Spaziergang treffen könnten“, sagt sie.

Seit Stunden warten Hunderte eingezäunt auf dem Asphalt zwischen Parkplatz und Dönerbude. Die Polizei will die Personalien der Gruppe prüfen, die mit einem eigens gemieteten Zug angereist ist. Straftaten seien angekündigt. Zivilen Ungehorsam nennen es die Aktivisten, den Ansatz, aus moralischen Beweggründen auch Gesetze zu verletzen.

Folge man immer nur den Anweisungen der Polizei, hätte man Bürgerrechte und Gleichberechtigung auch nicht erkämpft, argumentiert Eckstein. Jetzt geht es um Deutschland als Braunkohleförderer und um die Zerstörung des Klimas. „Wir haben hier einfach eine Verantwortung, etwas dagegen zu tun“, sagt Lara Eckstein.

Ebenfalls angereist sind ein 52-Jähriger, der sich an die Proteste im Wendland erinnert, ein Autonomer, der in einem Bauwagen lebt, und eine junge Versicherungsverkäuferin, die einen erfundenen Namen nennt. „Ich komm’ vom Dorf“, lacht sie. „Wenn die wüssten, dass ich hier bin ...“ Rund 6000 Menschen zählen die Organisatoren insgesamt an diesem Wochenende.

Aktivistin: Lara Eckstein ist mit einem Sonderzug angereist, um an Protestaktionen im Hambacher Forst teilzunehmen. „Ich fände es ja auch schöner, wenn wir uns einfach zum Spaziergang treffen könnten“, sagt sie. Und weiter: „Die Bäume sind mir wichtig, die Fledermäuse auch. Aber mir geht es vor allem um die Menschen.“. Foto: dpa/Christophe Gateau

Lara Eckstein wurde in Bangladesch zur Aktivistin. Dort traf sie während eines Praktikums Dorfbewohner, denen der ansteigende Meeresspiegel die Felder versalzt. „Wenn du uns helfen willst, sorg’ in Deutschland dafür, dass der Klimawandel aufhört“, hörte sie dort. Dann sah sie die Tagebaue, kaum eine Autostunde von ihrem Geburtsort entfernt. Notierte, dass das – unter anderem wegen Beschädigungen umstrittene – Bündnis aus Kapitalismuskritikern und Klimaschützern Proteste organisierte. Irgendwann machte Eckstein mit. Neben ihrem Bürojob beteiligt sie sich an der Berliner Ortsgruppe von „Ende Gelände“.

Ist Lara Eckstein Teil einer Umweltbewegung? „Ich verstehe mich als Gerechtigkeitsaktivistin, aber deshalb eben auch als Klimaaktivistin“, sagt sie. „Die Bäume sind mir wichtig, die Fledermäuse auch. Aber mir geht es vor allem um die Menschen.“

Die Kläger

Fragt man Jürgen Resch, ob er Teil einer Umweltbewegung ist, sagt er: „Ja, natürlich.“ Er sagt es so, als fände er die Frage absurd. Der 58-Jährige mit den weißen Haaren und der kantigen schwarzen Brille ist gerade zur Tür seines Büros in einem Altbau am Hackeschen Markt hineingeeilt, den Rollkoffer in der Hand. In weniger als einer Stunde muss er zum Flieger nach Stuttgart, am Tag darauf nach Mainz.

Wie in Reschs Kalender taucht auch in den Medien-Schlagzeilen eine Stadt nach der nächsten auf: Orte, an denen Fahrverbote für Dieselautos drohen oder angekündigt werden, weil die Deutsche Umwelthilfe – kurz DUH – vor Gericht gezogen ist. Resch ist seit rund 30 Jahren Geschäftsführer des Vereins mit rund 350 stimmberechtigten Mitgliedern, der Kommunen verklagt, weil dort mehr Schadstoffe in der Luft gemessen werden, als erlaubt sind.

Kläger: Jürgen Resch ist der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). „In einer lebendigen Demokratie müssen klageberechtigte Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe dazu in der Lage sein, rechtswidriges Verhalten des Staates vor Gericht zu bringen“, sagt er. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Seit im Raum steht, dass Hunderttausende Autobesitzer bald ganze Stadtteile und sogar Autobahnteile nicht mehr befahren können, wird die DUH scharf angegriffen. Das Geschäftsmodell und die Spender werden in Frage gestellt. Aber in vielen Jahren Luftreinheitsklagen – zu Feinstaub, zu Stickoxiden – urteilten Gerichte bis zur höchsten Instanz: Der Verein hat angesichts der Gesetze und Obergrenzen Recht.

So wie Resch die Rolle seines Vereins beschreibt, klingt es nach Notwehr. „Wenn der Staat sich nicht mehr an seine eigenen Gesetze hält, dann gerät etwas ins Wanken.“ Von seinem Konferenztisch blickt er auf den Berliner Fernsehturm. Manchmal dreht er beim Reden am Ehering. „In einer lebendigen Demokratie müssen klageberechtigte Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe dazu in der Lage sein, rechtswidriges Verhalten des Staates vor Gericht zu bringen.“

Die Besetzer und die Kläger: Umweltgeschichtler Uekötter sieht in ihnen zwei Seiten einer Medaille. Das lange umstrittene Recht, als Verband vor Gericht zu ziehen, ist eigentlich der Inbegriff dessen, wie erfolgreich die Umweltbewegung war. Und jetzt markiert es für manche auch ein Ende der Fahnenstange.

„Das wäre nicht unser Modell, in jeder Stadt zu klagen“, sagt zum Beispiel Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Deutschlands. Der Nabu ist in mancher Hinsicht ein Gegenentwurf zur DUH: 1899 als Bund für Vogelschutz gegründet, über 600.000 Mitglieder, lange unpolitisch verglichen mit dem 1975 gegründeten BUND. Und erst recht mit anderen, für teils krasse Aktionen bekannten internationalen Organisationen wie Greenpeace. Aber auch Tschimpke mahnt: „Wenn man Gesetze oder Grenzwerte einführt, dann muss man die auch einhalten oder sich zumindest sichtbar darum bemühen. Und niemand kann ihnen verbieten, das einzufordern.“

35 sogenannte Verbandsklagen pro Jahr reichten deutsche Umwelt- und Naturschutzverbände im Schnitt von 2013 bis 2016 ein, für den Schutz von Sumpfpflanzen beim Straßenbau etwa und gegen die Auswirkungen von Kraftwerken oder Nutztieranlagen. Rund jedes zweite Verfahren endete ganz oder teilweise erfolgreich, wie eine Auswertung zeigt.

„Die Dosis macht das Gift“, sagt Uekötter. Rechtlich sei eine große Klagewelle wie beim Diesel auch im Naturschutz möglich. Aber die meisten Verbände gingen diesen Weg „klugerweise“, wie er findet, nicht: „Eine Umweltbewegung, die nur noch auf rechtliche Bedingungen und Experten starrt und nicht mehr die Gesellschaft überzeugen will, die ist nicht zukunftsfähig.“

Die Gesellschaft

Geht man auf die Suche nach dem, was die Gesellschaft denkt, kann man auch beim Umweltbundesamt nachhören. Alle zwei Jahre stellen Forscher im Auftrag der Behörde die offene Frage, was die zwei wichtigsten Probleme Deutschlands sind. 2016 antwortete jeder Fünfte mit Umwelt- oder Klimaschutz, nur Zuwanderung und Sicherheit wurden öfter genannt. 2012, nach dem Atomdesaster von Fukushima, war es jeder Dritte, der sich Sorgen machte. Die Zahlen für 2018 stehen noch aus.

„Eigentlich sind es immer Katastrophen und Skandale, die da wirken“, sagt der 63-jährige Nabu-Chef Tschimpke. 2015 erreichte der Dieselskandal die Schlagzeilen, 2016 wurde der Streit um das Unkrautmittel Glyphosat lauter. 2018 brachte der Dürresommer den Deutschen einen Vorgeschmack, was Klimawandel bedeuten könnte.

Die Mitgliederzahlen der beiden größten Umweltvereine Nabu und BUND wuchsen zuletzt um mehrere Zehntausend pro Jahr – auf über eine Million kamen sie zusammen 2017. Hinzu kommen noch Förderer und Spender. 2000 Ortsgruppen zählt jeder der beiden.

Die Umweltbewegung lasse sich jedoch heute nicht nur an Mitgliedern festmachen, sagt Historiker Uekötter. Wenn sie einen Aufschwung erlebe, dann nicht nur in Form von Protesten. Aktivisten organisieren auch Kleidertausch-Aktionen und Reparaturwerkstätten. Einander helfen und selber machen statt zu konsumieren, lautet das Motto. Ob Klima, Insektensterben oder Plastikmüll: Meist geht es nicht nur um Grenzwerte, sondern um Grundsätzliches in Wirtschaft und Leben.

„Ich glaube, Umwelt als eine soziale Bewegung ist längst auch ein Lebensgefühl, eine Art sich zu ernähren und mit anderen Menschen umzugehen. Verständnisvoller, sanfter, solidarischer“, sagt Uekötter. „Eine neue Umweltbewegung wird vielleicht gar nicht so sehr als Umweltbewegung erkennbar sein, sondern eher eine Art Bewegung für ein besseres Leben, wo ökologische Qualität Teil ist von einem viel größeren Programm.“

Die Öko-Unternehmerin

Milena Glimbovski hat eine Theorie: Der wiederverwendbare Kaffeebecher ist die Keimzelle der Revolution. „Es fängt an mit einer Bambus-Zahnbürste und endet damit, dass man Forderungen stellt“, sagt die energische 28-Jährige mit der hellen Stimme. Der Berliner Senat kürte sie Ende 2018 zur Unternehmerin des Jahres.

Vor der Feier sitzt sie in ihrem kleinen Kreuzberger Lebensmittelladen. Kaum öffnen sich die Türen, kommt ein stetiger Strom von Kunden, um sich unverpackte Nudeln, Mehl oder Olivenöl in eigene Gläser und Kunststoff-Boxen abzufüllen.

Glimbovski steht für die Zero-Waste-Bewegung: Menschen, die Müll so gut wie möglich vermeiden, aus Sorge um Plastik im Meer, um Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß. Beim Start ihres Ladens 2014 musste sie noch erklären, warum Verpackungsmüll ein Problem ist. Heute gibt es in Deutschland 80 Geschäfte nach dem Vorbild von „Original Unverpackt“, dazu Nachahmer weltweit.

Manche Stimmen in der Umweltbewegung sehen im „grünen“ Konsum nur eine Scheinlösung, die Leute im wohligen Glauben wiege, sie hätten das Nötige getan. Wissenschaftler Uekötter argumentiert anders: „Was immer da kommt an Umweltaufschwung, wird nur zum Teil politisch geleitet sein. Er wird sehr stark auch durch Lebensentscheidungen, Konsumentscheidungen gesteuert sein.“ Und Unternehmerin Glimbovski sagt: „Sobald die Leute anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, stellen sie weitere Fragen.“ Das sei der Anfang: „Man fängt Schritt für Schritt an, die Nachhaltigkeit von allem, was wir konsumieren, in Frage zu stellen. Dann merkt man, es reicht nicht, und man muss etwas tun. Da wird es politisch.“

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