„Fest der Begegnung“: Eine Feier als Protest gegen die Ausgrenzung Behinderter

„Fest der Begegnung“ : Eine Feier als Protest gegen die Ausgrenzung Behinderter

Am Samstag findet das 20. „Fest der Begegnung“ statt. Angestoßen wurde es durch die Klage eines Anwohners gegen eine Kreuzauer Behindertenwohngruppe und das folgende „Maulkorb-Urteil“ eines Gerichts.

Gärten sind Orte der Entspannung und Erholung. In Gärten kann man Sonne tanken und die Seele baumeln lassen, spüren, wie wunderschön es sich anfühlt, im weichen Gras zu liegen. Kleine große Freuden. Die allen Menschen jederzeit zugänglich sind. Möchte man meinen.

Ende der 1990er fühlte sich ein Musiklehrer aus Kreuzau durch „unartikulierte“ Laute gestört. Sie kamen vom Nachbargrundstück, wo sieben geistig behinderte Männer in einer Wohngruppe des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) lebten.

Der Musiklehrer klagte gegen den LVR als Träger. In erster Instanz wurde die Klage vom Landgericht Aachen abgewiesen. Vor dem Oberlandesgericht Köln bekam der Kläger in Teilen recht: „Lärmwirkungen wie Schreien, Stöhnen und Kreischen“ sollten fortan nur noch zu festgesetzten Jahres- und Tageszeiten“ erlaubt sein. Außerhalb dieses Rahmens war der Garten fortan Sperrgebiet für die Bewohner. Die als „Maulkorb-Urteil“ bekannt gewordene OLG-Entscheidung gab den Anstoß zum ersten „Tag der Begegnung“, der noch im gleichen Jahr, 1998, stattfand.

Zehntausende Besucher

Erst in Xanten, dann in Essen, seit 2013 in Köln kommen dabei Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, um gemeinsam zu feiern. 1998 waren es noch überschaubare 5000 Besucher, inzwischen ist der „Tag der Begegnung“ mit über 40.000 Gästen zum europaweit größten Fest im Zeichen der Inklusion geworden.

Am Samstag findet es zum 20. Mal statt. Von 11 bis 20 Uhr wird der Rheinpark in Deutz zum Schauplatz der Jubiläumsausgabe. Auf vier Bühnen gibt es neun Stunden lang Programm mit Konzerten, Tanz und Artistik, Theater, Poesie und Comedy, Talkrunden, Vorträgen und Mitmachaktionen für die ganze Familie.

Zu Gast auf der Tanzbrunnenbühne aus Aachen der Gebärdenchor Hands Up (im Finale nach 18 Uhr) und ein Kinder-Musical-Ensemble der LVR-Schule Linnicher Benden zusammen mit der Mühlenbachschule Hückelhoven (ab 13.45 Uhr). In einer Zeltlandschaft stellt der LVR seine Arbeit in den Bereichen Jugendhilfe, Schulen, Kultur und Vielfalt vor. Mehr als 160 Aussteller präsentieren ihre Angebote – darunter die LVR-Johannes-Kepler-Schule aus Aachen und der Rheinische Blindenfürsorgeverein 1886 Düren.

„Als der Tag der Begegnung erstmals stattfand, war er ein Protest. Wir wollten dem Urteil des Oberlandesgerichts aktiv etwas entgegensetzen“, sagt Ulrike Lubek, seit November 2010 Direktorin des Landschaftverbands Rheinland, „wir haben uns gefragt: wie reagieren wir darauf? Um was geht es dabei eigentlich? Es geht uns bis heute um Verstehen und Vertrauen. Verstehen und Vertrauen entwickelt sich am besten durch Begegnung. Es geht darum, über Begegnung Vorurteilen entgegenzuwirken, Ängste oder gar Vorbehalte vor Unbekanntem oder Fremden abzubauen.“

Hat der „Tag der Begegnung“ tatsächlich etwas verändert? „Ich denke schon, dass sich da was verändert hat. Aber es gibt noch viel zu tun. Inklusion ist ein ganz großes Ziel, dafür braucht man einen langen Atem.“ Was die 55-Jährige darin bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein: „Es sind so unglaublich viele, die mitmachen. Da gibt es ganz viele Ehrenamtler, die sich engagieren, Netzwerke und Kooperationen werden gebildet. Das, was uns eint, ist das Prinzip der Solidarität.“

Als positiv wertet Lubek auch, „dass die UN-Behindertenrechtskonvention seit dem 25. März 2009 als völkerrechtlicher Vertrag von Deutschland ratifiziert und damit Bundesgesetz ist.“ In der Bevölkerung entstehe zwar Bewusstsein, aber es gelte, so schwierige Begriffe wie „Inklusion“ zu übersetzen. Insofern sei auch der „Tag der Begegnung“ eine Übung im Miteinander-Um- und Aufeinander-Zugehen: „Entwickelt in einem Rahmen, der Spaß macht. Als Festival, das zugleich eine Messe ist, in jeder Hinsicht vielfältig und bunt.“

Bei aller Buntheit besteht diesmal auch ein politischer Grund, um gemeinsam etwas zu feiern: „Am 26. Mai ist Europawahl. Zum ersten Mal dürfen Menschen mit Behinderung, die eine gesetzlich angeordneten Betreuung haben, wählen. Dass sie das vorher nicht durften, finde ich beschämend.“

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