Aachen: Ein „Stachel im Fleisch der Mächtigen” Russlands

Aachen: Ein „Stachel im Fleisch der Mächtigen” Russlands

Die russische Zeitung „Novaja Gazeta” („Neue Zeitung”) ist am Donnerstagabend im Aachener Rathaus mit der Karlsmedaille für europäische Medien ausgezeichnet worden. Das Kuratorium ehrte die „Novaja Gazeta”, da sie sich trotz staatlicher Restriktionen und schwieriger Bedingungen für die demokratischen Grundwerte der Meinungs- und Pressefreiheit einsetze.

„Die Zeitung stellt Öffentlichkeit her und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung Russlands mit Westeuropa”, sagte die Kuratoriumsvorsitzende des Vereins „Medaille Charlemagne pour les Médias Européens”, Frauke Gerlach, bei der Preisverleihung.

Chefredakteur Dmitri Muratow nahm den Preis stellvertretend für seine Redaktion entgegen. „Die Medaille ist ein Gedenken an unsere getöteten Kollegen. Aber sie ist auch eine moralische Unterstützung für die rund 100 jungen Journalisten, die für uns tätig sind”, sagte Muratow in seiner Dankesrede. Er berichtete von Korruptionsfällen, die die Zeitung in den vergangenen Monaten aufgedeckt habe, und betonte, dass die russische Gesellschaft endlich Freiheit und Respekt wolle.

Regimekritisch, furchtlos und investigativ berichtet die Redaktion über die Machenschaften der Regierung und schreibt, was die regimetreuen Medien verschweigen. Sie versteht sich als „Stachel im Fleisch der Mächtigen”. Ihr mutiges Eintreten für die Presse- und Meinungsfreiheit mussten bereits fünf Redaktionsmitglieder der „Novaja Gazeta” mit dem Leben bezahlen. Andere Mitarbeiter wurden überfallen oder zusammengeschlagen. Durch den Mord an der bekannten Journalistin Anna Politkowskaja, die über Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenien-Krieg berichtet hatte, erlangte die „Novaja Gazeta” traurige Berühmtheit weit über die Grenzen Russlands hinaus.

Die Zeitung, deren Mitbegründer und Teilhaber Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow ist, nehme in der russischen Medienlandschaft eine Sonderstellung ein, sagte der Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Karl-Heinz Lambertz, in seiner Laudatio. „Indem Sie an Ihrem bisherigen Kurs festhalten und die Menschen unabhängig und neutral informieren, tragen Sie maßgeblich zur Demokratisierung Ihres Landes bei”, sagte Lambertz dem Chefredakteur. Der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp betonte, dass ein mutiges Medium, eine kämpferische Zeitung ausgezeichnet werde, „die sich engagiert und unter großen Opfern für europäische Werte einsetzt”.

Seit dem Jahr 2000 verleiht der Verein „Medaille Charlemagne pour les Médias Européens” die undotierte Auszeichnung im Vorfeld des Karlspreises. Geehrt werden europäische Personen und Institutionen, die sich auf dem Gebiet der Medien in besonderer Weise um die europäische Vereinigung verdient gemacht haben. Im vergangenen Jahr ging der Preis an die deutsch-italienische Verlegerin Inge Schönthal-Feltrinelli.