Mayersche und Thalia fusionieren: Ein neues Kapitel für die Buch-Branche

Mayersche und Thalia fusionieren: Ein neues Kapitel für die Buch-Branche

Für die Buchbranche bahnt sich eine Elefantenhochzeit an. Die Mayersche Buchhandlung aus Aachen und Thalia aus Hagen haben das Aufgebot bestellt und wollen sich zum größten familiengeführten Sortimentsbuchhändler in Europa zusammenschließen.

Am Donnerstagmorgen wurden die Mitarbeiter an den vielen Standorten über die dann doch überraschende Entwicklung informiert. Thalia ist mit seinen etwa 300 Filialen die größte Buchhandelskette im deutschsprachigen Raum, die Mayersche ist mit ihren 55 Filialen der stärkste Anbieter in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Mayersche bringt ihre Tochter Best of Books (B.O.B.), mit zum Standesamt. Über den Shop-in-Shop-Anbieter vertreibt sie Bücher in über 1000 SB-Warenhäusern, Verbrauchermärkten, Supermärkten und Drogerien. 

„Die beiden Unternehmen werden voneinander lernen und die jeweiligen Stärken zum Nutzen der Kunden einbringen“, sagt Hartmut Falter, der Inhaber und Geschäftsführer der Mayerschen, der künftig auch zweiter geschäftsführender Gesellschafter bei Thalia wird. Falter wird eng mit Michael Busch, dem CEO des Unternehmens, zusammenarbeiten. Die Männer kennen sich seit einem Vierteljahrhundert. „Durch den sportlichen Wettbewerb ist im Laufe der Jahre eine Vertrauensbasis geschaffen worden“, findet Falter.

300 Thalia-Buchhandlungen gibt es im deutschsprachigen Raum, unter anderem in Düren. Foto: Sandra Kinkel

Schon häufiger haben sie in den letzten Jahren über Kooperationsmodelle gesprochen. Finanziell zwingend war der Entschluss nicht, das Aachener Unternehmen ist kerngesund. Vielmehr hat sich die Familie im Laufe der letzten Monate entschlossen, das Unternehmen größer und damit zukunftssicherer zu machen. „Da schließen sich zwei Familienunternehmen mit viel Kompetenz, aber auch unterschiedlicher Expertise und Schwerpunkten zusammen“, sagt Busch.

Thalia engagiert sich seit Jahren erfolgreich im Online-Handel. Der „Omni-Channel-Ansatz“ des Unternehmens, für das etwa 5000 Mitarbeiter arbeiten, ermöglicht den Kunden Zugang zu den Produkten über unterschiedliche Vertriebswege. Die Filialkette gehörte einst zum Douglas-Konzern und ist heute mehrheitlich im Besitz der Freiburger Verlegerfamilie Herder.

Die Fachzeitschrift buchreport“ schätzte die Brutto-Umsätze von Thalia zuletzt auf 950 Millionen Euro, die Mayersche ohne ihre Tochter „Best of Books“ auf 155 Millionen Euro. Beide Unternehmen haben sich zu einer strategischen Veränderung in einem „nicht gerade paradiesischem Umfeld“ entschlossen, sagt Falter, einem Markt, in dem Unternehmen wie der Onlineriese Amazon mittelständische Unternehmen mit seinen „nicht nachvollziehbaren Wettbewerbsvorteilen“ durchaus bedrohen. „Eine kluge Allianz hat einen Mehrwert“, sagt Busch. „Das ist auch ein Signal an die Branche: Wir lassen uns die Butter nicht vom Brot nehmen, wir glauben an den stationären Buchhandel.“

Der Buchhandel in Deutschland leidet unter einem deutlichen Rückgang der Kundenfrequenz in den Innenstädten. Längst verfügen die großen Buchhandelsketten über eigene Online-Shops und haben sich in der so genannten „Tolino-Allianz“ zusammengeschlossen, um dem elektronischen Lesegerät Kindle von Amazon mit dem Tolino ein Konkurrenzprodukt entgegenzusetzen. Das Projekt hat Erfolg: Der deutschsprachige Markt ist der einzige auf der Welt, auf dem der Kindle keine dominierende Marktstellung hat, hielt die Frankfurter Allgemeine Zeitung jüngst fest. 

Zunächst werden sowohl Thalia als auch die Mayersche ihre Namen beibehalten. Eine interne Arbeitsgruppe wird überlegen, ob einen Namenswechsel sinnvoll wäre.

Thalia ist im Besitz von vier Familien, die Handelskette wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Das Aachener Traditionsunternehmen, das seit 1950 von der Familie Falter geführt wird, feierte im Jahr 2017 bereits das 200-jährige Bestehen. Für die Mitarbeiter beider Häuser soll sich mit der Zusammenlegung nichts ändern. Diese Botschaft sendeten Falter und Busch gestern aus. Kurzfristige Kostenersparnis durch Entlassungen sei nicht geplant, betonen die beiden Chefs. Im Gegenteil: „Unser Know-how ist die Kompetenz der Mitarbeiter. Die wollen wir behalten, weil wir von unserem Service und unserer Beratung leben“, sagt Falter.

Das Filialnetz wird nicht verändert, auch an Standorte, an denen beide Unternehmen bislang Buchhandlungen betreiben, ist keine Schließung geplant, kündigt Busch an. Vielmehr solle das Filialnetz „weiter verdichtet“ werden. Die Mayersche baut gerade in Heinsberg und Rödinghausen die nächsten Buchhandlungen. „Eine stationäre Präsenz vielleicht mit kleinerer Verkaufsfläche oder veränderten Sortiment ist zwingend“, sagt Busch. Er sei offen „für jegliche Zusammenarbeit“ mit regionalen Buchhändlern.

Mit der Fusion zeichnet sich ab, dass ohnehin bestehende Druck auf eigentümergeführte und unabhängige Buchhandlungen weiter steigen wird. Von der Fusion ausgenommen ist das Mutterhaus der Mayerschen in Aachen. Das Geschäft bleibt auch aus traditionellen Gründen weiter im Familienbesitz und wird als „Versuchslabor“ genutzt, um erfolgreiche Ideen dann innerhalb der neuen Gruppe anzuwenden.

Für Manuel Herder, Verleger aus Freiburg und Mehrheitsgesellschafter bei Thalia, ist der Zusammenschluss „genau der richtige Schritt. Damit setzen wir ein Zeichen des Aufbruchs gegen die Marktmacht globaler Online-Händler und für die innerstädtische Lesekultur.“

Mehr von Aachener Nachrichten