Kalletal: Ein neues Glück nach der Tragödie von Kerkrade

Kalletal: Ein neues Glück nach der Tragödie von Kerkrade

Fünf Jahre nach dem Lkw-Inferno von Kerkrade, das die Region schockte, kommen Petra Makel, der Witwe des Fernfahrers Frank Makel, die schrecklichen Ereignisse wieder in den Sinn: „Die Nachricht, der Schock, die Folgen - alles ist jetzt wieder da”, sagt die 37-Jährige gegenüber unserer Zeitung.

Und fügt hinzu: „Den Leserinnen und Lesern Ihrer Zeitung bin ich immer noch sehr dankbar für die Hilfe - die Zukunft meiner Kinder ist gesichert.” Über unsere Spenden-Aktion „Menschen helfen Menschen” hatten sie insgesamt 110.000 Euro gespendet, die in Ausbildungsfonds angelegt sind.

Rückblende. Am 25. Juni 2004 rast in Kerkrade ein 16 Meter langer Sattelschlepper mit versagenden Bremsen bergab und bohrt sich in einen Supermarkt, in dem eine 55-jährige Niederländerin und ein 34-jähriger Iraker sterben. Frank Makel (41), in Diensten einer Spedition aus Bad Salzuflen, verzichtet auf seine einzige mögliche Rettung und lenkt seinen 40-Tonner nicht auf eine rechts liegende Wiese, weil dort Kinder spielen. Das Schicksal seiner Witwe berührt ungezählte Menschen: Das Ehepaar Makel hatte nur zehn Monate zuvor Sohn Kevin (11) nach einjährigem Wachkoma in Folge eines Badeunfalls verloren.

Juniorchef verurteilt

Zudem war Petra Makel zum Zeitpunkt des plötzlichen Todes ihres Mannes wieder schwanger und stand mit den Söhnen Kenny (damals 9 Jahre alt) und Kim (4) vor einer gänzlich ungewissen Zukunft. Der niederländische Pastor Sjang Schumans und unsere Hilfsaktion nahmen sich des Schicksals der Opfer an. Der Strafprozess gegen die Spedition ist beendet, nur der Juniorchef wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Und das Leben von Petra Makel nahm seinen damals unvorhersehbaren Lauf - der vom Schicksal geschlagenen Frau half eine neue Bekanntschaft: „Seit zwei Jahren habe ich wieder einen neuen Partner, zu dem aus Freundschaft Liebe wurde”, berichtet sie. Er habe ihr „viel geholfen” und „plötzlich sprang der Funke über”. Mit ihm seien ihr Mann Frank und sie schon früher eng bekannt gewesen, zumal er als Fernfahrer einer anderen Spedition ein Kollege ihres Mannes gewesen sei.

Das neue Glück nach drei Trauerjahren bescherte den beiden die kleine Joanna, die mit Kenny (heute 14 Jahre), Kim (9) und der nach dem Unfall geborenen Kira (4) drei Halbgeschwister hat. „Joanna wird von ihnen heiß und innig geliebt, alle drei kümmern sich rührend um sie”, erzählt Petra Makel, die damals wie heute im westfälischen Kalletal lebt.

Regelmäßig besuche sie das Grab ihres Mannes, auch die Kinder würden sie dabei begleiten - obgleich deren Umgang mit dem Tod des Vaters „sehr verdränggend” sei. Kenny, der Älteste, und Kim würden „nicht mehr darüber sprechen wollen”. Petra Makel: „Insbesondere für Kenny, der auch schon den Tod seines Bruders zu verkraften hatte und der bei der Nachricht vom Unfall seines Vaters dabei war, war die Erfahrung unglaublich heftig.” Der jetzt pubertierende Junge liebäugele bereits mit den ersten Freundinnen, höre „seine ganz spezielle” Musik und habe gar schon einen Berufswunsch: „Er will KFZ-Mechaniker werden.”

Kim dagegen könne sich kaum noch an den Vater erinnern. Und Kira? Petra Makel lächelt, die Kleine - sechs Monate nach dem Tod von Frank Makel geboren - würde nun zu ihrem neuen Lebensgefährten „Papa” sagen.

Wirtschaftlich kommt die Familie „so einigermaßen über die Runden”, wie die junge Frau sagt. Mit einer kleinen, lebenslangen Rente aus den Spenden unserer Leser, der Witwenrente der Berufsgenossenschaft, den Halbwaisenrenten für die drei Kinder von Frank Makel sowie dem Kindergeld bewältigt sie den Alltag. Ihr neuer Partner ist nach einem Bandscheibenvorfall und einem Wirbelsäulenschaden arbeitslos und auch nicht mehr arbeitsfähig. „Aber wir machen das Beste daraus, wir schmeißen den Haushalt zusammen, er hilft den Kindern bei den Hausaufgaben, und wir sind ein verschworenes Team.” Schmerzensgeld erhielt sie von der Spedition nicht - im Unterschied zu den Kindern, die insgesamt 15.000 Euro erhielten und dieses Geld ab dem 18. Lebensjahr in Anspruch nehmen dürfen.

Von der Spedition, deren Wartungsfehler an dem Lastwagen ihrem Mann das Leben kostete, habe sie „nie mehr etwas gehört”. Und dennoch ist die Spedition im Leben der Petra Makel weiterhin präsent: „Täglich fahren die Lkw dieser Firma noch an unserem Haus vorbei.”

Speditionschef für defektes Bremssystem am Unfall-Lkw verantwortlich

In der gerichtlichen Aufarbeitung des Dramas von Kerkrade wurde Junior-Speditionschef Kurt S. (58) wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr auf Bewährung sowie einer Geldstrafe von 20.000 Euro verurteilt. Er sei als Speditionschef unmittelbar für das defekte Bremssystem des Unfall-Lastwagens von Frank Makel verantwortlich gewesen und habe darauf bestanden, dass der defekte Lkw auf Tour ging, so das Landgericht Detmold in seinem Urteil.

Gegen die Zahlung einer Geldbuße von 10.000 Euro wurde das Verfahren gegen Kurt S. Schwiegervater und Seniorchef Georg M. (79) eingestellt.

Das erste Urteil gegen Werkstattleiter Gregor O. (55) zu neun Monaten Haft auf Bewährung wurde vom Bundesgerichtshof „wegen geringer Schuld” aufgehoben. Zudem habe er „entscheidend zur Aufklärung des Falles” beigetragen und leide bis heute an den Folgen der Ereignisse, so das Landgericht Detmold im Revisionsverfahren.

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