Letzte Zeche in Bottrop schließt: Ein letztes „Glückauf“ unter Tage

Letzte Zeche in Bottrop schließt : Ein letztes „Glückauf“ unter Tage

Reinhold Adam hat am Morgen, als er seine Zechensiedlung in Gelsenkirchen verlassen hat, sein bestes Sakko angezogen. Er trägt eine Anstecknadel mit Schlägel und Eisen, dem Symbol des Bergbaus.

Adam ist 72 Jahre alt und war davon ausgegangen, dass er vor etwa einem Vierteljahrhundert zum letzten Mal unter Tage war. Er hatte abgeschlossen mit dieser „Unterwelt“. Nur aus historischen Gründen hat der ehemalige Zechenelektriker seine Pläne noch einmal geändert, sagt er ein paar Stunden später, als er ein letztes Mal einen Schutzanzug und die Sicherheitsbrille anzieht und sich das Grubenlicht und den CO2- Selbstretter greift. „Das wird meine letzte Grubenfahrt“, sagt er. „Bei der allerletzten ist der Herrgott dabei.“

Festakt am 21. Dezember

Adam fährt ein in die Bottroper Zeche Prosper-Haniel. Er will sich persönlich verabschieden, von der Zeche, aber mehr noch vom Steinkohlenbergbau in Deutschland. Vor ein paar Tagen ist die Produktion hier nach 150 Jahren bereits eingestellt worden. Die Walze gräbt sich nicht mehr durch das Flöz.

Tränen sind geflossen, aus dem Lautsprecher knarzte zum Abschied das alte Bergmannslied: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt…“ Am 21. Dezember gibt es den finalen Festakt, bei dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier symbolisch das letzte Stück Steinkohle erhält, das in ganz Deutschland gefördert wird. Dann ist offiziell Schluss mit dem Abbau unter Tage, der eine ganze Nation geprägt hat.

Über 300 Millionen Tonnen Steinkohle sind im Laufe der Jahrzehnte bei Prosper-Haniel aus der Erde geholt worden. Unter Tage gibt es ein Streckennetz von ehemals 160 Kilometern, das die zahlreichen Schächte verbindet.

Schacht 10, Sohle 7 liegt auf 1229 Metern, der Korb saust mit 43 Stundenkilometern in die Tiefe. Nach 100 Sekunden öffnen sich die Gitter. Ein kräftiger Wetterzug herrscht hier, etwa 30 000 Kubikmeter Frischluft fließen jede Minute in den Schacht. Adam übernimmt die Führung, obwohl er noch nie hier war. Vorbei geht es an einer Statue der heiligen Barbara. Die Schutzpatronin der Bergleute steht hinter einer staubigen Glasscheibe, zu ihren Füßen liegen Plastikblumen. Adam ist kein Romantiker, die Erinnerungen an dreckige, staubige Zeiten in einem kleinen, überhitzten Streb, an einen „barschen Umgangston der Vorgesetzten“ sind nie verflogen.

Die Waschkaue wird bald nicht mehr gebraucht. Foto: Oliver Berg/dpa/Oliver Berg

Die Frühschicht kommt vorbei, der übliche Gruß wird ausgetauscht: „Glückauf!“ Monatelang werden die letzten Grubenleute jetzt hier unten aufräumen und alles Gerät ans Tageslicht bringen, ehe die Schächte zubetoniert und die Gänge geflutet werden.

Unten wartet Reviersteiger Holger Stellmacher, der viele Besuchergruppen in diesen Wochen begleitet. Der Tag, an dem der Bundespräsident Ende des Jahres den Deckel auf den Pütt macht, ist sein letzter Arbeitstag nach 34 Jahren und drei erlebten Zechenschließungen. Der fast 50-Jährige wird ein letztes Mal die Stechkarte einschieben.

Dann ist auch für ihn Schicht im Schacht. Wer 50 Jahre alt ist und mindestens 25 Jahre unter Tage gearbeitet kann, kann die berufliche „Anpassung“ beantragen, mit 62 Jahren beginnt dann der Vorruhestand. Was dann kommt? „Ich habe das ein bisschen verdrängt, dass man bald nicht mehr gebraucht wird“, sagt er. Er werde an diesem Abend die alten Fotoalben durchblättern, vermutet er, ein bisschen in den Erinnerungen schwelgen „und vermutlich ein paar Tränchen kullern lassen“.

Die Arbeit unter Tage hat in seiner Familie Tradition, Stellmachers Vater und Brüder waren aufm Pütt, für seine drei heranwachsenden Kinder stellte sich die Option schon nicht mehr. Sein Opa war Sprengmeister. Als der mit 60 Jahren aufhörte, lebte er noch drei Jahre lang. „Die Staublunge“, sagt Stellmacher und nimmt eine Prise Schnupftabak. „Die Zigarette des Bergmanns“, grinst er.

Es gab mal eine Zeit, als die Zechenärzte das als probate Medizin gegen die Staublunge einstuften. Fatal. Es gab auch mal Zeiten, in denen nahezu jeder Bergmann an dieser Silikose erkrankte. Man stirbt nicht daran, man verreckt, wenn die Lunge langsam abstirbt. Erkrankte Kumpel blieben zu Hause, versuchten frische Luft in ihre Wohnungen zu bekommen. Starb einer, sagten die Nachbarn: „Er ist weg vom Fenster.“ Aber längst wird der Stein­staub vor Ort bei der Gewinnung von Steinkohle sofort mit Wasser gebunden und unschädlich gemacht.

 Der Zechentod in Bottrop kam nicht überraschend, die jetzt noch etwa 1400 Kumpel bei Prosper-Haniel kennen den Schließungstermin seit elf Jahren. Der Ausstieg kommt nicht über Nacht wie zum Beispiel in England, er wird sozialverträglich abgefedert. „Niemand soll ins Bergfreie fallen“, war die Maxime. Der Strukturwandel im Pott ist allgegenwärtig. Inzwischen gibt es mehr Universitäten als Fördertürme.

Verstanden haben die Bergleute das drohende Ende nicht. Der Standort Bottrop gilt als einer der modernsten überhaupt. Hoher Automatisierungsgrad, computergesteuerte Systeme, die weltbesten Sicherheitsstandards. Die Technik für den Bergbau wird weltweit exportiert. Damit ist nun Schluss, obwohl das Vorkommen hier noch für etwa 30 Jahren reichen würde. Es rechnet sich nicht mehr, eigentlich hat es sich nie gerechnet.

Auch in Zukunft wird in Deutschland weiterhin Steinkohle verstromt, aber sie kommt aus China, aus Indonesien oder Südamerika oder Australien, wo man sie im Tagebau abbauen kann. „An jeder Tonne Kohle aus China klebt Blut“, sagt Adam. Die Sicherheitsvorkehrungen dort sind lax, Unfälle sind an der Tagesordnung. In Südamerika schürfen auch Kinder nach dem „schwarzen Gold“. Der deutsche Bergbau ist der teuerste Bergbau der Welt, aber er war auch der sicherste und sauberste. In Bottrop hat es nur zwei Unfälle gegeben – pro eine Million Arbeitsstunden.

Um Abnehmer zu finden, wurde die deutsche Kohle jahrelang mit über 100 Euro je Tonne subventioniert. Der Bergbau verschwindet nicht aus ökologischen, sondern nur aus ökonomischen Erwägungen. Das Zechensterben wurde schon vor 60 Jahren eingeleitet, als Erdöl wichtiger und billiger wurde.

Die Steinkohle aus dem Ruhrgebiet war der Treibstoff für das Wirtschaftswunder nach dem letzten Weltkrieg. Mehr als eine halbe Million Menschen lebten direkt vom Bergbau in der Hoch-Zeit, die lange vorbei ist. Die Kohle hat Generationen zusammengebracht, war sozialer Klebstoff, stiftete Identität. Arbeitsmigranten aus ganz Europa zog es in die Abbaugebiete.

Inzwischen ist eine untergehende Branche mit etwa 200 Milliarden Euro subventioniert worden, sagen Experten. Die Zeche hat die Allgemeinheit bezahlt.

Der Beruf des Bergmannes verschwindet. „Der Beruf ist gelebte Solidarität“, sagt Adam. Bis zuletzt waren etwa 90 Prozent der Kumpel in der IG Bergbau, Chemie, Energie organisiert. Bergleute und Gewerkschaften arbeiteten Hand in Hand, organisierten Protestaktionen gegen die drohenden Schließungen. Der Kampf ist vorbei.

Den Nachlass verwaltet nun die RAG. Das Unternehmen, vormals Ruhrkohle AG, ist die größte deutsche Kohlebergbau-Koorperation. Das Unternehmen wurde vor 50 Jahren gegründet und führte mehrere Kohlebergbauunternehmen zusammen. Inzwischen wurden die Geschäftsbereiche Chemie, Energie und Immobilien auf die neue Geschäftseinheit Evonik Industries übertragen.

 Evonik Industries ist heute mehrheitlich im Besitz der RAG-Stiftung, die mit Unternehmensgewinnen die Kosten finanziert, die durch die ehemaligen Bergbauaktivitäten im Ruhrgebiet entstehen. „Wir übernehmen so die Verantwortung für die Schäden, die wir verursacht haben. Das gibt es nirgendwo sonst“, sagt RAG-Sprecher Christof Beike.

„Mentalität müssen wir erhalten“

Die Stiftung will ab 2019 jährlich rund 250 bis 300 Millionen Euro für die sogenannten Ewigkeitslasten aufwenden. Dabei geht es im wesentlichen um das Pumpen von Gruben- und Grundwasser. Die RAG übernimmt außerdem die „endlichen“ Aufgaben, beispielsweise die Regulierung von Bergschäden, wenn sich Risse an Häusern bilden oder Grundstücke absacken. 200 Jahre Bergbau hinterlässt Spuren. Der Untergrund ist löchrig wie ein Käse. Große Teile des Ruhrgebiets haben sich bereits abgesenkt. Ohne Regulierung würden auch Flüsse in die falsche Richtung fließen.

Unter Tage finde man nicht bessere Menschen, sagt Adam. „Aber praktizierte Solidarität dort war zwingend. Und auch zu Hause warste nie allein, wenn du Hilfe brauchst. Diese Einer-für-alle-alle-für-einen-Mentalität müssen wir uns erhalten.“ Hier zählt nicht, wer du bist, wo du herkommst, welche Religion du bevorzugst. „Wichtig ist, wie du malochst“, sagt der Senior. „Wir sind eine verschworene Gemeinschaft.“ Eine frauenlose Gemeinschaft. Die Kohle hat das Industriezeitalter erst möglich gemacht, jetzt kommt das digitale Zeitalter.

Ein paar Stunden später steht Adam auf einer Bühne in der Zeche Zollverein in Essen. Dort wurde bis 1986 ebenfalls Steinkohle abgebaut. Daraus ist heute ein Architektur- und Industriedenkmal geworden, es gehört zum Welterbe der Unesco. Adam hat eine Einladung bekommen, weil er mit vielen Kumpeln in der sehr sehenswerten, zweiteiligen Dokumentation „Die Steinkohle“ zu Wort kommt.

In 180 Minuten zeigt der preisgekrönte Regisseur Jobst Knigge, wie eng die Steinkohle mit der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Deutschlands verbunden ist. Von der Erfindung der Dampfmaschine und der Eisenbahn bis zur Urbanisierung ländlicher Regionen, vom Entstehen der Klassengesellschaft bis zum Aufkommen der Gewerkschaften, von zwei Weltkriegen über das Wirtschaftswunder bis zur Geburtsstunde der Europäischen Union. Der Film zeigt aber auch die Chancen und Risiken des Strukturwandels am Ende einer Ära. „Dat musse gesehen haben“, sagt Adam, der alte Bergmann, am Ende seines letzten Tages auf der Zeche.

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