Aachen: Ein Lehrer mit Leib und Seele und Visionen

Aachen: Ein Lehrer mit Leib und Seele und Visionen

Hätte er es vorher gewusst - er würde es wieder so machen. Abitur am Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen, Englisch- und Philosophiestudium an der RWTH auf Lehramt, ein Jahr als Assistant Teacher in Reading nahe London, 1. Staatsexamen, und dann „mal gucken, was passiert”.

Passiert ist das Naheliegende: Referendariat, 2. Staatsexamen, heute ist Stephan Richter Lehrer aus Leidenschaft am Aachener Couven-Gymnasium. Ein Lehrer mit Thermoskanne, Lederarmband und Visionen. Großen Visionen für schulpädagogische Reformen und mit konkreten Empfehlungen an die deutsche Bildungspolitik.

Dafür schätzen ihn seine Schüler: für sein Engagement, den Mut zu Neuem und dafür, „dass er spannenden Unterricht macht, der so ganz anders ist als bei vielen anderen Lehrern”. Denn nicht nur Inhalte lernen die Schüler bei Stephan Richter; von reiner Wissensvermittlung hält er rein gar nichts. Seine Schüler sollen Selbstständigkeit erlernen und reif werden für das Leben außerhalb der behüteten schulischen Übersichtlichkeit. „Lehrer neigen zu Gutmenschentum. Sie vermitteln ihren Schülern häufig einen nicht ganz ehrlichen Eindruck davon, wie das Leben tatsächlich läuft. Aus der Schule sollen die Schüler aber mehr mitnehmen als Noten und Wissen. Erlerntes ist nur das Produkt von Schule, das am besten messbar ist. Ich will aber vor allem die Lust an Bildung und die Fähigkeit zur Selbstreflexion bei den Schülern wecken”, erklärt der 46-Jährige seinen pädagogischen Anspruch.

Interesse wecken, das kann er: Unkonventionelle Unterrichtsmethoden und eine „authentische Beziehung” zu den Schülern begleiten ihn durch seinen Schulalltag. Er dreht Filme mit seiner Klasse, holt sich die Inspiration für die Klärung des Kausalitätsprinzips beim Wackelturmspiel der eigenen Kinder und begrüßt die Schüler locker mit „Hey folks” - „Hey Leute”.

Seine Klasse ist zufrieden

Das kommt an. „Herr Richter meint es ehrlich mit uns und macht nicht nur einfach irgendeinen Job”, sagt Livia; Luisa und Santiago stimmen ihr zu. Die drei gehen in Richters 9c. Dass dieser sich wohlfühlt in seiner Haut als Lehrer, kauft man ihm ab. Auch für seine Schüler wünscht Richter sich, dass sie sich im Klassenverband und ihrer sozialen Rolle darin wohlfühlen. Im aktuellen Schulsystem - dreigliedrig und strikt sortiert nach Klassen und Jahrgängen - sei dies jedoch schwierig, findet der Pädagoge. „Die Kinder werden mit der Einteilung in Klassen in Gruppen gezwungen. Darin nehmen sie unweigerlich eine Rolle an, aus der sie oft für viele Jahre nicht mehr hinaus kommen.”

Klassenclown bleibe Klassenclown, der Streber aus der Fünften mache als Streber der Oberstufe Abitur und wer beim Völkerball als Letzter in die Gruppe gewählt wird, werde sein Image als „Sportloser” so schnell nicht wieder los. „Schule selektiert und bewertet sehr stark. Und wer nicht gerade zu den Top-Schülern gehört, erlebt viele schulische Prozesse als permanente Demütigung”, meint Richter. Was dabei vor allem zu denken geben müsste, sei die Tatsache, dass „die Topschüler nur die Spitze des Eisbergs sind”. Die anderen gingen unter. Nur wenigen gute Schüler seien bei Mitschülern beliebt, erzielten gute Leistungen und fühlten sich entsprechend wohl im Schulsystem, so wie es ist. Auf den großen Rest der Schüler passten die jahrzehntealten Strukturen hingegen nicht.

Richter will ein „Haus des Lernens”. Dreigliederung und Klasseneinteilung haben darin ebenso wenig Platz wie Noten, Klausuren und Zwänge aller Art. Prinzip freie Waldorfschule? Das nicht; Richter würde es eher so machen wie Briten, Niederländer oder Skandinavier und auf ein breit gefächertes Bildungsangebot setzen: „Ich finde, dass jeder Schüler eine Sportart in der Schule betreiben und ein Instrument lernen sollte. Das ist gemeinschaftsbildend, stärkt den Charakter und fördert die persönliche Reife der Schüler.”

Wie man Stärken fördern könnte

Das Fundament der idealen Schule aber wäre eine Kursstruktur: Schüler würden dann je nach ihren individuellen Kompetenzen schwerpunktmäßig solche Kurse wählen, die ihre Stärken fördern. „Jüngere und ältere Kinder könnten zusammen lernen, einfach, weil sie sich für das Thema ihres Kurses interessieren.” Echtes Interesse, nachhaltiges Lernen - doch was wäre mit unliebsamen, mit „langweiligen” Fächern? Um die käme wohl auch im Kurssystem kein Schüler herum, nur würden diese eben nicht schwerpunktmäßig behandelt.

„Das ist natürlich eine hehre Vision”, gesteht Richter. Dass er solche gewagten Schulkonzepte in seiner Vorstellung entwickelt, begründet Richter folgendermaßen: „Von den bisherigen Reformversuchen merkt man in der Schule nicht viel, weil sich noch keine Regierung getraut hat, die Fundamente des Schulsystems anzukratzen. Doch eben darin liegen die Fehler begraben. Erst wenn wir wieder bei Null anfangen, können wir mit spürbaren Erfolgen rechnen.”

Umkrempeln statt Schönheitskorrekturen fordert der Pädagoge: „Seit Jahren verabschieden die Politiker Reformen, Reformen, Reformen. Von außen betrachtet erscheint das deutsche Schulwesen unheimlich dynamisch. Aber es ändert sich definitiv nichts.”

Den Wechsel von G9 zu G8 - also hin zum Abitur nach zwölf statt 13 Schuljahren - hält Richter für tendenziell richtig, aber mangelhaft umgesetzt: „Früheres Abitur ist wünschenswert. Andere europäische Länder schaffen das ja auch. Aber auch bei G8 wurde nur hier und da ein bisschen Stoff herausgenommen und an anderer Stelle gestrafft.”

Dramatisch seien die Veränderungen nicht - weder im Positiven noch im Negativen. Seine Schüler sehen das anders: „Wir müssen jetzt schon länger in der Schule bleiben und viel mehr Stoff lernen als bei G9. Wie soll das erst im Abitur werden?”, fragen sich die Schüler in Richters 9c. Verstehen kann er diese Reaktion durchaus, dennoch warnt Richter vor einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung”: „Ich bin bei dem Thema ganz bei den Schülern. Aber man darf nicht vergessen, dass sie keine Vergleichsmöglichkeiten haben und die öffentliche Panik leicht übernehmen.”

Seine Kritik an G8 betrifft weniger die Lerninhalte als vielmehr die Art und Weise der Vermittlung. „Das beginnt schon bei der Lehrerausbildung. Da fixiert man Methoden, als seien diese Garant für eine gute Lehrerpersönlichkeit.” Doch dazu gehört nach Richters Ansicht weit mehr: 25,5 Unterrichtseinheiten gibt er pro Woche, rund die Hälfte dieser Zeit verbringt er zusätzlich mit der Vor- und Nachbereitung seines Unterrichts.

Freiwillig - „das ist keine Pflicht, aber es wird von einem guten Kollegen erwartet” - berät er die älteren der rund 1200 Schüler des Couven-Gymnasiums bei deren Zukunftsplanung für die Zeit nach dem Abitur. Das empfindet Stephan Richter nicht als lästige Pflicht, vielmehr als Bereicherung. Genauso wie die „English Drama Group”, eine englischsprachige Theater-AG, zu der er einmal wöchentlich Literaturliebhaber unter seinen Schülern einlädt.

Insgesamt widmet er dem Lehrersein zwischen 50 und 60 Stunden pro Woche - manchmal auch noch die Wochenenden. In den Oster- und Herbstferien reserviert er eine der zwei „freien” Wochen fürs Korrigieren von Klassenarbeiten. Den Lehrer, der „mal eben ein paar Stunden Unterricht schmeißt”, kennt Stephan Richter nicht: „Es ist ein Mythos, dass Lehrer nach einem halben Arbeitstag Schluss haben”, sagt er und erinnert an manche „unsichtbare Arbeit”, die ebenso zu seinem Beruf gehört wie das Führen eines Klassenbuchs.