Jülich: Ein Leben lang lernen: Harry Philipp ist der älteste Seniorenstudent an der RWTH

Jülich : Ein Leben lang lernen: Harry Philipp ist der älteste Seniorenstudent an der RWTH

Dr. Harry Philipp fährt regelmäßig über die Autobahn von Jülich nach Aachen ins Uni-Viertel. Die Vorfreude auf die nächste Vorlesung ist immer mit an Bord. „Es gibt so viele Veranstaltungen, um sein Wissen zu bereichern“, schwärmt er. Harry Philipp feiert in ein paar Tagen seinen 89. Geburtstag. An der RWTH Aachen ist er der älteste Student, vermutlich führt er die Rangliste auch bundesweit an.

Die Neugierde ist nie versiegt, er wacht täglich mit ihr auf. Und die Universität feiert Studenten wie ihn, das Seniorenstudium an der RWTH gibt es an diesem Freitag seit exakt 30 Jahren.

Am Tag, als Philipp seine Praxis schloss, es war der 1. April 1994, begann gleich sein neues Studentenleben. Bis dahin war er vor allem ein Mann der Naturwissenschaften, der sich stundenlang in medizinische Fachliteratur vertiefen konnte. In Jülich führte der Facharzt für Innere Medizin auf den Tag genau 30 Jahre lang seine Praxis. Dann verkaufte er sie, und es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, fortan sein Leben etwas ruhiger zu gestalten. Philipp aber stürzte sich mit Feuereifer auf seine neue Leidenschaft.

Seitdem ist er ein Seniorenstudent der Geisteswissenschaften. Der damals 65-Jährige betrat kein Neuland. „Ich habe mich schon während der Schulzeit für Geschichte und Politik interessiert er“, sagt er. Er wählte dann aber nach dem Krieg einen anderen Schwerpunkt.

Er hätte in das medizinische Fachgeschäft seines Vaters einsteigen können, in dem er oft geholfen hatte, auch als dort zeitweilig ein Lazarett und eine Arztpraxis eingerichtet wurde. Der Sohn des Hauses hätte das Geschäft übernehmen können, in die Richtung verlief zunächst seine Ausbildung, dann aber änderte er seine Pläne. Er wollte nicht Kaufmann werden. Die Medizin lockte ihn. Er nahm das Medizinstudium auf, besuchte die Universitäten in Frankfurt/Main, in Innsbruck, in Freiburg, ehe er in Frankfurt die Prüfung ablegte.

Der Ehrgeiz ist sein zuverlässiger Begleiter

Dann, vor 24 Jahren, begann er wieder, die Universität zu besuchen. Seit dem 1. April 1994 studiert er nun Alte, Mittelalterliche und Neuzeitliche Geschichte, vertieft sich wissenschaftlich in das Alte und Neue Testament, denn neben Kunst-, steht auch Kirchengeschichte auf seinem persönlichen Lehrplan. Der Ehrgeiz ist ein zuverlässiger Begleiter geblieben, anfangs absolvierte er noch — erfolgreich — seine Klausuren und Kolloquien. Er belegte Englisch- und Französischkurse, ein Historiker muss schließlich Quellen überprüfen können. An Lateinkenntnissen mangelte es ohnehin nicht. „Man muss am Ball bleiben und lesen, lesen, lesen. Das hält wach.“

In seinem Haus in Jülich, in dem er mit seiner Frau Sibille wohnt, hat er eine eigene kleine Bibliothek aufgebaut. Er kann Stunden in dem Kellerraum verbringen, die Zeit verfliegt oft, sagt er. Wenn er wieder ins Mittelalter abgetaucht ist zum Beispiel. Gerade vertieft er sich in die französischen Gesetze zwischen 1500 und 1700. „Ich fordere mich ein bisschen“, sagt er. „Renaissancekönigtum - Hugenottenkriege - Sonnenkönigtum. Frankreich in der frühen Neuzeit“, heißt die Vorlesungsreihe von Professor Matthias Pape, die er besucht.

Gerade geht es um Ludwig XIV., bevor die Französische Revolution erreicht wird. Pape freut sich über interessierte Gasthörer in seiner Vorlesung. „Unsere Fachstudierenden meiden eher Vorlesungen, deren Besuch nicht verpflichtend sind“, sagt er. Das Kultusministerium habe das Studium verschlankt und somit die Zahl der Prüfungen reduziert. „Das wirkt sich natürlich auf die Abschlussqualität aus, so wird man kein guter Studienrat“, sagt Pape.

Aber das ist ein anderes Thema. Seniorenstudenten wie Harry Philipp streben keinen Abschluss an. Es geht ihm nicht um einen weiteren akademischen Titel. „Ich mache etwas für mich“, sagt er. Schließlich will dieser Wissensdurst gestillt werden. Er hält es für ein großes Glück, dass er in seinem etwas fortgeschrittenen Alter noch so viel Neues erlenen kann. Philipp mag auch den Austausch mit den meistens etwas jüngeren Mit-Studierenden, die Exkursionen, die permanente Weiterbildung.

Er war immer ein Ausdauersportler, noch heute wandert er regelmäßig in den Eifelwäldern, ist viel mit dem Rad unterwegs. Die Lateiner sagen: „Mens sana in corpore sano“ - „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“.

Keine Altersbegrenzung

An der RWTH gibt es aktuell etwa 500 Seniorenstudenten, im Wintersemester sind es meistens 100 mehr. Fächer der Philosophischen Fakultät (Geschichte/ Philosophie/ Literaturwissenschaften) sind gefragt. Aber wer will, kann sich auch in den technischen Fächern weiterbilden. Eine Frage der Leidenschaft. Die Zahl der Seniorenstudierenden ist zwar nicht gedeckelt, jedoch werden nur bestimmte Fächer für das Seniorenstudium von den Dozenten freigegeben. Es bedarf keiner Qualifizierung, und es gibt auch keine Altersbegrenzung. Auch ein 20-Jähriger könnte am Seniorenstudium teilnehmen. Der Gasthörerbeitrag liegt bei 100 Euro je Semester. Wer will, kann noch einen Parkplatz dazu buchen.

Philipp sagt, er wisse nicht, ob alle seine Kommilitonen das Studium so ernst nehmen würden wie er. Er findet, dass man die wichtigen Dinge im Leben richtig machen sollte. Und dass man seine Wurzeln, seine Geschichte kennen sollte, um die Gegenwart zu verstehen.

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