Schleiden: Ein Jahrhundertzeuge erzählt: Victor Neels hat die Tore von Vogelsang geöffnet

Schleiden : Ein Jahrhundertzeuge erzählt: Victor Neels hat die Tore von Vogelsang geöffnet

Kämpfer im belgischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten, internationaler Brückenbauer, Jahrhundertzeuge — die Biografie von Victor Neels rechtfertigt so einiges an Ehrentiteln. Beim belgischen Militär hat er den Rang eines Colonel inne, als Kommandant leitete er ein Jahrzehnt lang die Geschicke am früheren internationalen Truppenübungsgelände Vogelsang in der Nordeifel.

In Orten wie Gemünd, Schleiden oder Herhahn kennt man den heute 93-Jährigen aber vor allem als den Mann, der in den 1970er Jahren die Tore zur geheimnisvollen Welt des Militärgeländes für die Bevölkerung öffnete — und so durch Transparenz für Annäherung und gegenseitige Akzeptanz sorgte.

Auch im hohen Alter ist der Mann, der die Deutschen zuerst fürchten und dann schätzen lernte, noch immer regelmäßig zu Gast in der Nordeifel. „Es ist die zweite Heimat“, sagt er knapp, während er den Blick Richtung Urftsee schweifen lässt. Die 93 Lebensjahre weiß der gebürtige Flame gut zu verbergen.

Anders als früher kommt er heute in zivil in die Eifel. Anzug mit Einstecktuch selbst bei Sommer-Hitze, akkurater Schnurrbart — Neels begegnet seinem Gegenüber als Grandseigneur alter Schule, er unterhält sich zugewandt, streut sanften Humor ein. Sein Deutsch weist charmante Versatzstücke der Sprachen im Dreiländereck auf.

Brücken baut er nicht mehr so aktiv wie früher, gut vernetzt und umtriebig ist er noch immer. Erst vor wenigen Wochen begrüßte er den Aachener Bischof Helmut Dieser auf dem Gelände, das heute als Vogelsang IP zum Nationalpark Eifel gehört und als eine der bedeutendsten Dokumentationsstätte des NS-Wahnsinns gilt.

Von schwierigen Verhältnissen

Apropos Brücken: Seit 2009 überspannt ein gut 125 Meter langes Bauwerk den Urftsee unterhalb der Vogelsang-Bauten den Urftsee, das seinen Namen trägt. „Ich scheine wohl einiges richtig gemacht zu haben“, sagt Neels, schiebt ein verschmitztes Lächeln nach und ergänzt: „Im Ernst, ich war gerührt, als man mich mit der Einweihung der Brücke überrascht hat.“

An dem Ort, den er über Jahre prägte und der ihn geprägt hat, kommt Neels ans Erzählen — aus seinem Jahrhundertleben, das ihn um die halbe Welt geführt hat, einige Konstanten und Neuanfänge inklusive. Dabei spielte das Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen schon früh eine Rolle. Ab 1943 kämpfte Neels in seinem Heimatland gegen die Besatzer aus dem benachbarten NS-Staat. Im Jahr darauf, der Krieg war noch nicht zu Ende, zog er selbst als Soldat in das Land ein, dessen Armeen seine Heimat Belgien bereits zwei mal besetzt hatten.

Vor allem die Gräuel deutscher Truppen der Jahre 1914 bis 1918 prägten auch die Denkweise des späteren Aussöhners Neels. „Die Wut saß tief“, sagt der 93-Jährige, „es gab die Geschichten der Älteren, und wir Jungen hatten unsere eigenen Erfahrungen mit den Deutschen gemacht. Aber das Leben ist manchmal verrückt. Im einen Moment denkst Du: ich hasse sie. Und kurz darauf verliebst Du Dich in eine von ihnen“.

Die Eine, das war Annelene, und sie ist es bis heute. Der Zufall der Kriegswirren führte die beiden zusammen, irgendwo in Norddeutschland, wohin Neels mit seiner Einheit vorrückte, um die britischen Alliierten zu unterstützen. „Ich habe sie gesehen, ein Mädchen von 17 Jahren, und es war um mich geschehen“, erinnert er sich, wieder ist da dieses verschmitzte Lächeln. Bis heute sind sie zusammen, Annelene begleitet ihren Victor auch diesmal wieder nach Vogelsang.

Die Militärkarriere führte Neels in den 1960er Jahren auch deutlich weiter weg vom Heimatort Balen-Mol, als die 180 Kilometer in die Nordeifel. So schickte man ihn in die ehemalige Kolonie Kongo, wo er selbst die Ablehnung einer ehemaligen Besatzungsmacht erlebte. Später stand er in Belgien als Befehlshaber kurz vor Entscheidung, auf seine eigenen Landsleute feuern lassen zu müssen. Im Zuge des Niedergangs der Industrie stand Belgien im Zeichen von harten Arbeitskämpfen auf offener Straße — zu denen die Armee als Unterstützer der Polizei gerufen wurde. Am Ende blieb der Schießbefehl aus. „Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen“, sagt der 93-Jährige. Ob er den Befehl ausgeführt hätte? Neels sucht nicht nach Ausreden: „Befehl ist Befehl, und ich bin Soldat. Aber ich bin heilfroh, dass nichts passiert ist.“

Das Lebensmotto: „Jung, da musst Du was machen.“

Zwei Jahrzehnte lang wohnte das Paar mit seinen Kindern später im Kreis Euskirchen, „17 Mal sind wir zuvor umgezogen“. 1970 übernahm Neels das Kommando in Vogelsang — zu einer Zeit, als es zwischen der Belegschaft des Truppengeländes und der Bevölkerung so gut wie keine Berührungspunkte gab. Im Gegenteil, die Stimmung sei geprägt gewesen von gegenseitigen Ressentiments und Ablehnung. „Ich habe mir gesagt: Jung, da musst Du was machen.“

Dieser Satz sollte so etwas wie sein Lebensmotto werden. Neels etablierte den Tag der offenen Tür auf dem Nato-Gelände, ließ die Fahrzeuge auffahren und den Alltag der Soldaten zeigen. 20.000 bis 40.000 Menschen kamen alle zwei Jahre, um einen Blick in die abgeschlossene Welt der meist um die 5000 auf Vogelsang Stationierten zu werfen. Und der Colonel baute noch weitere Hürden ab und Brücken auf. Wohl kaum ein Sportplatz in der Region entstand zu jener Zeit, ohne dass belgische Bulldozer aus Vogelsang gerollt wären. Nicht immer mit Genehmigung aus Brüssel. Häufiger habe er sich für derartige Aktionen bei seinen Vorgesetzten rechtfertigen müssen. Nach dem Motto: Was hat der Jung da wieder gemacht? „Aber ich habe nichts bereut“, sagt Neels. „Und es hat sich gelohnt.“

Irgendwann seien er und seine Frau beim Bäcker nicht mehr schräg angesehen worden. „Die alten Gräben waren zugeschüttet“, sagt er. Über die schwierigen Jahre spricht er ohne Groll. Schuldfragen sind seine Sache nicht. „Es gehören zwei Seiten dazu, wenn man sich annähern will.“

Der vitale Jahrhundertzeuge hat im Herbst seines ereignisreichen Lebens eindringliche Worte für jüngere Generationen und ihre Entscheider parat: „Schweigen und Ausgrenzung sind der falsche Weg, davon kann ich einiges berichten. Sowohl im kleinen, wie hier in der Region, als auch auf europäischer Ebene.“ Victor Neels sagt dies vor einer besonderen Kulisse: der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang, heute qua Definition ein „Internationaler Platz“. „Dieser Ort hat so viel Geschichte und so viele Wendepunkte erlebt — ich wünsche mir, dass Vogelsang ein europäischer Treffpunkt wird.“

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