Stolberg: Ein Internetforum nicht nur für Soldaten

Stolberg: Ein Internetforum nicht nur für Soldaten

„Ich habe heute die Trauerfeier im Fernsehen verfolgt”, schreibt Marina. Der in Afghanistan getötete Soldat war ein Kamerad ihres Sohnes. Jetzt sucht sie ein Forum, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Das kann sie heute ab 17 Uhr finden, wenn die „Bundeswehr-Kameradschaft” als erstes soziales Netzwerk, das sich exklusiv an Soldaten, Ehemalige und ihre Angehörigen wendet, online geht.

„Wie Marina ergeht es vielen”, sagt Ralf Daum. „Sie suchen ein Forum, dem sie vertrauen können und in dem sie sich verstanden fühlen”, erklärt der Stolberger und Gründer des neuen Angebots, das „aktive und ehemalige Kameraden untereinander und mit ihren Familien verbinden” will.

Ein Schwerpunkt dabei wird ein umfangreiches Unterstützungspaket sein, das den zahlreichen Selbsthilfegruppen rund um die Bundeswehr eine Plattform bieten möchte. Beispielsweise auch der „Jenny-Böken-Stiftung”, die die Mutter der ertrunkenen Matrosin der Gorch Fock aus Geilenkirchen gegründet hat und die sich um in Not geratene Familien von getöteten und gefallenen Soldatinnen und Soldaten kümmert. Die Stiftung ist eine von rund vier Dutzend Initiativen, die der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe am „Runden Tisch Solidarität mit Soldaten” bündelt. Physische und psychische, aber auch finanzielle Probleme und ganz normale Alltagshilfen für aktive und ehemalige Soldaten und ihre Angehörigen sind ihr Anliegen.

„Was fehlt, ist ein seriöses Forum, in dem sie sich untereinander austauschen können, aber auch in dem Betroffene Hilfe und Ansprechpartner finden können”, befindet Daum. Eine Zielgruppe von rund 4,3 Millionen Militärangehörigen, Ehemaligen und Familienangehörigen hat der Stolberger ausgemacht, die die „Bundeswehr-Kameradschaft” ansprechen kann.

Die Idee kam ihm bei einem USA-Aufenthalt bei seinem langjährigen Freund Edgar Sanchez, mit dem der Stabsfeldwebel in der Aachener Truppenschule in früheren Jahren den Militärdienst im hessischen Rörshain absolviert hat. „Die unterschiedliche Wahrnehmung der Soldaten in der amerikanischen und deutschen Gesellschaft hat uns auf die Idee gebracht, das Netzwerk zu gründen”, erzählt Daum. Anreize dazu bot ein amerikanisches Netzwerk (http://togetherweserved.com), das Konzept für seine Internetidee hat der 41-Jährige mit seinem 44-jährigen Freund in Los Angeles innerhalb von drei Monaten aus dem Boden gestampft.

Freunde helfen beim Aufbau

Freunde aus dem Bekanntenkreis greifen bei der Realisierung in ihrer Freizeit unter die Arme. Jens Sie­bertz aus Eicherscheid bringt seine Erfahrungen als Diplom-Kaufmann in der Privatwirtschaft ein. Die Aachener Diplom-Designerin Susanne Sterl betreut den Internetauftritt, Diplom-Dolmetscherin Franziska Hagenah vom Bundessprachenamt der Bundeswehr in Koblenz kümmert sich um die Übersetzungen, denn die Seite startet zweisprachig in Deutsch und Englisch.

„Der Soldatenberuf ist eine eigene Welt”, sagt Siebertz. Deshalb reichten bestehende Netzwerke nicht aus. „Die Nutzer wollen unter sich sein, einen respektvollen Umgang erfahren, mit Menschen kommunizieren, die die gleiche Sprache sprechen und die einen verstehen”. Entsprechend sind Optik, Stil, Themen und Angebote auf die Welt des Militärs abgestimmt: „Einmal Soldat, immer Soldat”.

Und die sollen sich in der virtuellen Welt der Bundeswehr-Kameradschaft (wieder)finden können. Eine umfangreiche Liste mit aktuellen und früheren Standorten und Einheiten ermöglicht den Kontakt zu Weggefährten. Eine Visitenkarte für Kontakte, in der Rang- und Ehrenabzeichen und Auszeichnungen geführt werden, spricht den Stolz der Soldaten an. Mit eigenen Profilen soll das Andenken an gefallene Kameraden geehrt werden. In Blogs berichten Aktive über ihre Erfahrungen aus Einsatzgebieten, Chatrooms ermöglichen die Kommunikation mit Freunden und Familien, und in Fotoalben können digitale Impressionen aus Dienst und Freizeit hochgeladen werden.

Darüber hinaus bietet das neue soziale Netzwerk der Bundeswehrwelt eine gehörige Portion Mehrwert. Mit Patenschaften sollen neue Kameraden an neuen Standorten betreut und in die Truppe integriert werden. Neben aktuellen Nachrichten aus der Truppe werden Ausflüge, Konzerte und Bonusprogramme für die exklusiven Nutzer angeboten. „Viele Ehemalige und Angehörige vermissen eine weiter gehende Betreuung durch das Verteidigungsministerium”, bilanziert Zivilist Siebertz die zahlreichen Kontakte während der Aufbauphase des Netzwerkes. Aber auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst fühlten sich die meisten Zeitsoldaten alleingelassen. „Die Soldaten sind in der Regel in Berufen hochqualifiziert und in der Wirtschaft eigentlich begehrte Spezialisten”, berichtet Ralf Daum. Doch in der Praxis fänden beide Seiten nur schwer zusammen. „Beispielsweise werden unterschiedliche Formulierungen in Militär- und Zivilleben zu Hürden.” Dort setzt die Jobbörse des Netzwerkes an, in dem Anforderungs- und Beurteilungsprofile übersetzt werden. Mittels Stellenangeboten und -gesuchen soll ausscheidenden Soldaten der Weg in einen Zivilberuf geebnet werden.

Bereits vor dem Startschuss denken die Macher an eine Ausweitung des Netzwerkes auf die Nato-Angehörigen in Europa und die Polizei. Den Start wollen sie übrigens in aller Ruhe im Kreise ihrer Familien begehen - als Entschädigung für die unzähligen Stunden, die sie in ihrer Freizeit dem Aufbau des Netzwerkes gewidmet haben.

Heute ab 17 Uhr im Netz:

http://www.bw-k.de