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Region: Ein grafisches Denkmal für große Persönlichkeiten

Region : Ein grafisches Denkmal für große Persönlichkeiten

Comic, Graphic Novel, Bilderroman — die opulenten Werke des Zeichners und Illustrators Reinhard Kleist verdienen mehr als nur ein Attribut. In der Vergangenheit hat er bereits Musikern wie Johnny Cash ein grafisches Denkmal gesetzt oder das Leben Fidel Castros nachgezeichnet. Kleist, geboren in Hürth bei Köln, greift immer wieder auch Personen und Ereignisse der Zeitgeschichte auf.

So veröffentlichte er 2016 einen Comic-Roman, in dem die tragisch verlaufene Flucht der somalischen Olympia-Teilnehmerin Samia Yusuf Omar nacherzählt wird. Gerade ist seine 360-Seiten-Biografie über den australischen Musiker Nick Cave erschienen. Mit unserem Redakteur Alexander Barth sprach der Wahl-Berliner über die Motivation, die Arbeitsweise und Pläne für weitere Comics.

Herr Kleist, warum biografische Comics über Künstler, speziell über Musiker?

Reinhard Kleist: Die Auswahl ist oft zufällig. Ich stolpere über Themen, die mich interessieren. Johnny Cash wurde mir von einem Freund vorgeschlagen, den Stoff über den Boxer habe ich in meinem Buchladen gefunden, auf die tragische Geschichte der Sportlerin Samia Yusuf Omar bin ich im Zuge eines Künstler-Residenzprogramms in Palermo gestoßen. Bei Musikerbiografien interessiert es mich, Musik in einem künstlerischen Medium darzustellen, in dem es keinen Sound gibt.

Welche Quellen nutzen sie für die Comics? Und wie viel freie und damit künstlerische Interpretation steckt darin?

Kleist: Ich nutze alles, was ich kriegen kann. Bücher, Filme, Musik, persönliche Gespräche und Kontakte. Bei „Der Boxer“ und „Traum von Olympia“ wollte ich so nah dran an einer möglichen Wahrheit sein, wie es geht. Bei Cave habe ich mir deutlich viel mehr Freiraum gegeben. Es sollte weniger eine klassische Biografie werden, als viel mehr ein Sprung in die Welten von Cave und eine Meditation über das Wesen seiner Kunst und von Kunst allgemein.

Wie wirkt Ihre eigene Biografie in die Arbeit hinein?

Kleist: Es gibt in einigen Stoffen Berührungspunkte. Da wäre bei Nick Cave sicher der Teil über seine Zeit in Berlin und seine Selbstwahrnehmung als Künstler. Bei Fidel Castro ist es die Auseinandersetzung mit den politischen Idealen und dann der schwule Guerillero Juan. Bei Johnny Cash war es sicher die Musik und der stetige Kampf mit den inneren Dämonen.

Blickt man auf die bisherige Auswahl, sind es Musiker und Persönlichkeiten mit Ecken, Kanten und Brüchen, denen Sie Comics widmen. Fühlen Sie sich ihnen nah?

Kleist: Meine Biografie verlief bisher recht geradlinig, da gab es wenige Brüche, aber einige Untiefen. Ich versuche, den Figuren in meinen Geschichten, seien es die erfundenen oder die realen, über die Untiefen nahe zu kommen.

Wie sieht es mit der Musik aus? Gilt da etwa: Ist Reinhard Kleist Fan, dann gibt es einen Comic?

Kleist: Sicher nicht. Sonst hätte ich schon längst einen Comic über Cher gezeichnet. Da muss schon mehr als nur die Musik sein.

Was fasziniert Sie speziell an Nick Cave?

Kleist: Ich mag die Welten, die er als Musiker kreiert. Die lebendigen Figuren. Und wie er es schafft, mit seiner Musik seine Geschichten zu illustrieren. Außerdem ist er super zu zeichnen. Er hat ein tolles Äußeres für eine Comicfigur. Man kann ihn großartig besetzen für die Hauptrollen in seinen eigenen Geschichten.

Wie lange dauert die Arbeit an einem Werk wie dem über Nick Cave?

Kleist: Bei Cave hat es auf jeden Fall vergleichsweise sehr lange gedauert. Die erste Idee stammte schon von vor vier Jahren. Ich musste aber zuerst das Buch „Traum von Olympia“ über Samia Yusuf Omar fertig zeichnen. Das Schreiben hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Also insgesamt würde ich sagen, habe ich etwa zweieinhalb Jahre intensiv daran gearbeitet. Bei Cash waren es etwa eineinhalb Jahre.

Wer und was hilft Ihnen bei der Arbeit? Womöglich Musik, das wäre naheliegend. Oder ist es Input von Außen, wird Ihnen gar zugearbeitet?

Kleist: Die größte Hilfe kam sicher von meinem Redakteur Michael Groenewald. Ohne die langen Gespräche mit ihm hätte ich das aktuelle Buch so nicht fertigstellen können. Sehr viel Unterstützung habe ich auch von Freunden und Kollegen bekommen. Auch, dass Nick die ganze Zeit dabei war und mir zeigte, dass er das, was ich da mache, gutheißt, hat mir sehr geholfen, die lange Zeit der Arbeit durchzustehen. Musik habe ich die ganze Zeit im Atelier gehört, aber wenig von Nick Cave. Der zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich, als dass man ihn neben der Arbeit hören kann.

Die Comics erscheinen auch in Übersetzung. War das von Anfang an geplant?

Kleist: Nein, die Übersetzungen entstehen nach der Arbeit in deutscher Sprache. Ich schaue aber auch auf den internationalen Markt, ich möchte schon Stoffe machen, die auch für Leute in anderen Ländern spannend sind. Ausnahme waren da sicher die „Berliner Mythen“.

Wie viel Raum ihrer Arbeit nehmen die Künstlerbiografien ein, im Vergleich mit den anderen Themen und Projekten?

Kleist: Ich kann sagen, dass ich mich zurzeit vollkommen auf meine Arbeit als Comiczeichner und meine eigenen Ideen konzentrieren kann. Für andere Projekte daneben habe ich gar keinen Freiraum.

Sicher gibt es Ideen für weitere Biografien. Wer käme da womöglich in Frage?

Kleist: Ich möchte jetzt nicht wirklich so schnell wieder so ein gewaltiges Werk schaffen, wie den Cave-Comic. Das hat schon an mir gezehrt. Ich interessiere mich gerade für einen kleineren Stoff. Auch wieder eine Biografie. Danach, mal sehen. Es gibt schon viele Ideen, aber es muss eine Geschichte sein, die auch trägt, nicht nur ein großer Name.

Welche Voraussetzung muss ein Künstler überhaupt erfüllen, um in Ihr Blickfeld zu geraten?

Kleist: Sie müssen etwas Gebrochenes in sich haben. Eine nicht lineare Lebensgeschichte ist durchaus Voraussetzung. Da fängt es für mich an, interessant zu werden.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, eines Tages wieder im Rheinland zu leben und zu arbeiten? Was könnte Sie hier inspirieren?

Kleist: Im Moment nicht. Ich mag Berlin einfach immer noch, auch wenn sich viel verändert hat. Und das nicht unbedingt zum Guten.

Informationen im Internet unter www.reinhard-kleist.de