Tag der Architektur: Ein gemeinschaftlicher Stadtgarten im Aachener Osten

Tag der Architektur : Ein gemeinschaftlicher Stadtgarten im Aachener Osten

Die Rosen ragen über den Weg hinüber, Ranken winden sich am Geländer hoch, und auch die Wege innerhalb der Anlage an der Zeppelinstraße sind nicht akkurat mit dem Kantenschneider gestutzt. Hier darf sich das Grün innerhalb gewisser Grenzen ausbreiten.

Was in dem 3000 Quadratmeter großen „Stadtgarten“, wie die Bauherren den Gemeinschaftsgrund ihrer Wohnanlage nennen, die Pflanzen dürfen, gilt erst recht für deren Bewohner.

Auch sie haben, anders als in den meisten Wohnanlagen, mit mehreren Parteien, viele Möglichkeiten sich auszubreiten. Der Garten steht allen Bewohnern zur Verfügung: Man darf darin ein Beet anlegen, man darf grillen oder einfach darin sitzen, Kinder können spielen, andere dürfen Zigarre rauchen, wie es einer der Bewohner gerne tut.

Die Mischung macht es: Auf dem Gelände wird gelebt und gearbeitet, hier sind Wohnungen und Büros, Einfamilienhäuser und Werkstatt, es gibt Mieter und Eigentümer, Junge und Alte, ja sogar Gesunde und Kranke. In dem Gebäude von 1995 ist eine Wohngruppe des Aachener Vereins zur Förderung psychisch Kranker und Behinderter eingezogen.

Im Aachener Osten

Diese Mischung aus Menschen und ihren Biografien schwebte dem Architekturingenieur der RWTH Aachen, Frans Josef Jaeger, und anderen Bauherren schon vor 25 Jahren vor, als sie einen Teil des Geländes im Aachener Osten kauften, einer Lage, die nicht zu den bevorzugten der Stadt gehört. „Inzwischen wohnen hier auch Leute, die man eher im Aachener Süden vermutet. Es mischen sich junge Familien, alte Ehepaare, Professoren und Arbeiter“, sagt Frans Josef Jaeger, der selbst mit seiner Familie seit 1995 jenen Gebäudeteil bewohnt, der als erstes fertig wurde.

2005 kamen drei Einfamilienhäuser dazu, 2016 noch das große Mehrfamilienhaus mit zehn Parteien, das sich nach hinten Richtung Hof und Garten öffnet. Die Eigentums- und Arbeitsbereiche sind ebenso heterogen wie das Gelände selbst. Gekauft und bebaut hat das Gelände eine Bauherrschaft aus verschiedenen Privatpersonen, Architekten und Baufachleuten. Einer der Bauherren ist die JKW Gebäude KG, eine Kommandit-Gesellschaft aus mehreren Baufachleuten, unter anderem den drei Gründungsgesellschaftern Frans Josef Jaeger, Harald Kaiser und Jürgen Wenke.

H Das Mehrfamilienhaus an der Zeppelinstraße wurde 2016 aus Holz und Stahlbeton errichtet. Foto: Harald Krömer

Mittlerweile ist aber auch Jaegers Sohn Til Matthis ins Unternehmen eingestiegen und zeichnet als Architekt für das Haus von 2016 mitverantwortlich. Insgesamt haben sie so viel Know-how in den Firmen versammelt, dass sie an dem Bauprojekt an der Zeppelinstraße wie auch an anderen alles selbst machen können: Entwurf, Bauen, Instandhaltung.

Niederländisch

In einem stark bebauten innerstädtischen Bereich wirkt das Ensemble aus Garten, Hof und verstreuten Gebäuden wie ein kleines Refugium, bunt und grün, ein bisschen öko. Und es erinnert sowohl in Architektur als auch von der Grundstruktur an Wohnformen, die man aus den Niederlanden kennt: kleine Privatgrundstücke für einzelne, im Gegenzug dazu große Flächen, die allen zur Verfügung stehen. Der Fokus dieser Architektur liegt auf dem Gemeinsamen, nicht auf dem Trennenden.

Die Hinweise auf niederländische Konzepte sind nicht zufällig. Frans Josef Jaeger hat selbst in den Niederlanden bei Architekturprofessor Herman Hertzberger studiert. Er gehörte der Strukturalismus-Bewegung der 70er Jahre an, die in der Architektur unter anderem die Sozialbeziehungen der Bewohner in den Mittelpunkt des Bauens stellte. Hertzberger baute übrigens auch in der Region: In Düren hat er in den 90er Jahren einen Wohnkomplex gebaut, in Maastricht verwirklichte er 2002 ein Bürogebäude des Céramique-Viertels.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 13.06.2018 Tag der Architektur: Stadtgarten Zeppelinstraße. Foto: Harald Krömer

Vor Ort an der Zeppelinstraße sind solche Ideen des Strukturalismus ganz konkret verwirklicht, wenn sich Kinder nicht zum Spielen verabreden müssen, sondern ihre Umgebung so gestaltet ist, dass sie sich natürlicherweise treffen. „Dennoch hat jedes der Einfamilienhäuser seinen eigenen kleinen Garten und Rückzugsort“, erklärt Jaeger. Auch in den Details der Architektur von Garten und Häusern ist das Soziale und Kommunikative bedacht.

So sind Räume wie Waschkammern, Plätze für Müllentsorgung, Fahrradständer so im öffentlichen Raum angelegt, dass man an Sitzplätzen und Verweilorten vorbeikommt. Kleine Begegnungen ergeben sich im Alltag wie zufällig, obwohl sie detailliert so geplant sind. Wie viel Gemeinschaft braucht der Mensch? Und wie viel verträgt er? Das sind Fragen, denen sich die Bauherren an der Zeppelinstraße immer wieder neu stellen müssen und die auch je nach Bewohner und Bauabschnitt anders beantwortet werden: „Die Balance aus Gemeinschaft und Individualität zu halten, ist nicht einfach. Aber wir haben immer gute Lösungen gefunden“, sagt Frans Josef Jaeger.

Die Vielfalt und Heterogenität der Bewohner spiegelt sich übrigens nicht in einem Chaos an Gebäudeformen wider. Architektonisch präsentiert sich das Ergebnis erstaunlich homogen und modern. Außergewöhnlich war die Bauart und Materialwahl schon 1995: Ein Zelttuch spannt sich über den ältesten Gebäudeteil, erinnert an Beduinendächer, ansonsten dominiert ein Mix aus Beton und Holz. Diesen Materialien sind die Architekten von JKW Gebäude auch bei den neueren Häusern treu geblieben. Optisch wirkt das Ensemble also wie aus einem Guss, auch wenn zwischen jüngstem und ältestem Gebäude gut 20 Jahre liegen.

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