Region: Ein ganzes Dorf im Blütenrausch

Region: Ein ganzes Dorf im Blütenrausch

Der Mann mit dem grauen Haarkranz muss tief im persönlichen Erinnerungskasten kramen, um die Anfänge eines Volksfestes hervorzusuchen, das bis heute ein Kuriosum im euregionalen Veranstaltungskalender darstellt.

Klaus Schmitz ist ein Mann der ersten Stunde, was den Hergenrather Blumenkorso angeht. „Damals hatten wir nicht viel“, sagt er, „angefangen haben wir mit Weidenzweigen und Gartenblumen, die wir, so gut es ging, an ein paar Bollerwagen drapiert haben.“ Damals, das war im Jahr 1955, als der erste Blumenkorso durch das ostbelgische Hergenrath zog. Am 17. August steigt die 30. Auflage dieses besonderen Schauspiels — wenn blumengeschmückte Motivwagen über Hergenraths Straßen rollen.

Die Bahn kommt: 100 000 Dahlienblüten schmücken die Motivwagen beim Blumenkorso. Die empfindliche Dekoration wird erst in der Nacht vor dem Umzug angebracht — das heißt Extraschichten für die Helfer.

Damals wurde der Grundstein für eine Tradition gelegt, die das kleine Dorf, rund 20 Autominuten von Aachen entfernt, bis heute prägt. Rund 1000 Helfer sind vor, während und nach dem Umzug dabei. Vor allem die Vereine aus Hergenrath, einem Ortsteil von Kelmis, und der näheren Umgebung sind es, die mit ihrem Engagement den in der Regel alle zwei Jahre stattfindenden Zug zum Spektakel machen. Zum Jubiläum wird der Umzug gar in ein „Festival der Blumen“ mit üppigem Rahmenprogramm eingebettet. Und auch Klaus Schmitz, der Altvordere, ist wieder dabei. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn arbeitet er seit Wochen an einem Wagen für die Jubiläumsausgabe des Blumenkorsos.

Heiße Phase: In den Wochen vor dem Blumenkorso ist die Wagenbauhalle das heimliche Zentrum von Hergenrath.

In einer Scheune ist der Schmitz’sche Anhänger untergebracht, ein stattliches Teil, gute acht Meter lang. „So muss das sein“, sagt Klaus Schmitz und lächelt. Vor beinahe 60 Jahren hatten er und die anderen Hergenrather außer den Weidenzweigen und den heimischen Schnittblumen nicht sonderlich viel mehr als ihren großen Enthusiasmus zur Verfügung, als es darum ging, ein bisschen Farbe in das eher triste Landleben der späten Nachkriegszeit zu bringen. „Es ging uns nicht mehr so schlecht wie noch in den Jahren zuvor“, erzählt Klaus Schmitz. „Der Krieg war ja schon zehn Jahre vorbei, man hat wieder ein anderes Leben gelebt. Aber natürlich war es lange nicht so schön bunt wie heute.“

Klaus Schmitz hat schon den ersten Umzug 1955 mitgestaltet und ist bis heute als Wagenbauer dabei.

Schmitz’ Erinnerungen an die frühen Jahre gehen noch weiter: „Ein paar Handkarren, wenige Traktoren, was man halt so hatte“, so wurden die ersten Umzüge auf die Straße gebracht. Längst hat sich der Gestaltungsspielraum hin zu einer fast grenzenlosen Blütenpracht entwickelt, angebracht an mit viel Akribie und Hingabe gestalteten Motivwagen. Heute sind es auch schon mal gute 100.000 Dahlienblüten, die einem von ihnen das Farbkleid für den Umzug geben und erst wenige Stunden vor dem Umzug in einer echten Marathonarbeit angebracht werden — am Ende sind es gar 1,3 Millionen Blüten, die für den Umzug gesteckt werden.

Kurt Woltor prüft die Figuren für den Wagen, den Hergenrather Schüler gestaltet haben.

In einer ehemaligen Sägerei haben die aktiv-kreativen Köpfe in Sachen Blumenkorso vor Jahren eine dauerhafte Heimat gefunden. Unter dem Wellblechdach hat sich ein gigantisches Bastellager angesiedelt, die Halle ist Werkstatt und nicht zuletzt Treffpunkt.

Josef Demonthy begutachtet eine Motivvorlage.

Ordentlich Betrieb

In den Wochen vor dem großen Tag herrscht hier selbst an einem Montagmorgen ordentlich Betrieb. Ein halbes Dutzend Männer hämmert, sägt und schraubt an den Aufbauten der Wagen, reichlich Holz und vor allem jede Menge Schaumpolystyrol, besser bekannt als Styropor, werden verarbeitet. „Wir sind eine eingeschworene Truppe, irgendjemand ist fast immer hier“, sagt Kurt Woltor, der seinen Zollstock beim Reden wie ein Zepter schwingt. Woltor, Typ Guter Geist, wie ihn ein von Idealismus getragenes Mammutprojekt à la Blumenkorso braucht, ist „seit mindestens 20 Jahren dabei, so genau weiß ich das gar nicht mehr.“ Hinter seiner dicken Brille wirkt der kleine Mann mit der Lederweste ein wenig wie ein freundlicher Maulwurf. Früher war er Schlosser, bis heute ist seine Welt das „das Bauen, das Machen, das Basteln“.

Kurt Woltor stammt aus dem zwölf Kilometer entfernten Eupen. Die Faszination Blumenkorso hat ihn auf Umwegen erreicht. „Natürlich kannte man das Ereignis als Besucher damals schon. Irgendwann haben mich Freunde und Kollegen aus Hergenrath zum Mitmachen animiert. Damals war ich schon begeisterter Karnevalist, und so weit entfernt liegt man mit dem Blumenkorso gar nicht“, sagt Woltor, ehe ihn der Ruf eines Mitstreiters erreicht: „Kannste mich mal helfen, Kurt?“ Und Woltor hilft. Längst versuchen er und die anderen Altvorderen selbst, den Nachwuchs für die Tradition zu begeistern. So steuern die Schulen der Gemeinde Kelmis auch diesmal einen Wagen zum Umzug bei, ebenso wie die Pfadfinder, und die erfahrenen Wagenbauer geben die Tipps dazu.

Der Blick in die Galerien aus der jüngeren Vergangenheit offenbart den kreativen Geist bei Hergenraths Blumenenthusiasten. Die Jungschützen etwa haben Comic-Hund Snoopy samt Hütte ein blumiges Denkmal gesetzt, der Kleintierzuchtverein schickte „Bob, den Baumeister“ auf die Reise, die Karnevalisten einen „echten“ niederländischen Caravan. Gezogen werden die Wagen immer wieder von echten Schätzchen aus Großvaters Tagen. Liebevoll gepflegte Traktoren der Marken Hanomag, Güldner oder Fendt lassen noch etwas vom Geist der frühen Jahre erahnen. Neben den geschmückten Hängern mit ihren Aufbauten rollt auch die eine oder andere Skurrilität durch die Hergenrather Straßen, etwa die „Fanfare Cycliste Haneffe“ aus Lüttich.

Handy am Ohr

Mit ihrer Tradition stehen die Hergenrather heute ziemlich allein da. Fünf Umzüge dieser Art und Größe gibt es in Belgien, in Deutschland frönt man lediglich im beschaulichen Bad Ems in vergleichbarer Art der hemmungslosen Blütenverehrung. Neulinge erleben den Hergenra-ther Blumenkorso womöglich als Mischung aus Karneval und Schützenfest. Tatsächlich haben sich die Ostbelgier in der Vergangenheit Inspiration von Größen des Wagenbaus geholt, waren beim Düsseldorfer Jacques Tilly ebenso zu Gast wie bei dessen Kölner Kollegen.

Zwischen den Bastlern in der Hergenrather Halle, die in ihre Arbeit vertieft sind, eilt Josef Demonthy hin und her und bildet einen hektischen Gegenpol. Immer wieder hat er das Handy am Ohr. Er ist für die Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Blumenkorso zuständig, seine Mission erfüllt der groß gewachsene Endfünfziger mit Hingabe. Wenn es um die Anpreisung des Traditionsfestes geht, ist Demonthy kaum zu bremsen. Heute, davon ist er überzeugt, gehe es nicht mehr ohne „Eventcharakter“. Man müsse den Leuten etwas mehr bieten. Mit Brauchtum sei es schließlich so eine Sache, gibt sich Demonthy zukunftsgewandt, ohne Erneuerung gehe es nicht.

Zu krönende Häupter

Mitte der Nullerjahre stand rund um den Hergenrather Blumenkorso eine Zäsur an. Demonthy spricht von Generationskonflikten und alten Zöpfen, die es abzuschneiden galt. Deshalb wurde in Sachen Öffentlichkeitsarbeit aufgestockt, um „die Marke Blumenkorso“ über die unsichtbaren Grenzen der Euregio hinaus bekannter zu machen. In diesem Jahr werden in Hergenrath rund 10 000 Gäste erwartet.

Seit 2013 sind die fünf belgischen Gemeinden, in denen etablierte Umzüge stattfinden, eng vernetzt. Gemeinsam strebt man eine Aufnahme in das „immaterielle Kulturerbe“ des Landes an.

Ein anderer bekannter Aspekt der Brauchtumspflege sind die zu krönenden Häupter, offenbar unvermeidlich und in Hergenrath durch den Titel der Blumenkönigin präsent. Im Jubiläumsjahr trägt die 17-jährige Lea Leonard das Diadem. Sie hat sich, ganz dem Zeitgeist entsprechend, in einem Casting gegen andere Mädchen durchgesetzt. Ihre ehemaligen Konkurrentinnen sind jetzt ihre „Ehrendamen“. Das lief alles ganz freundschaftlich ab“, versichert die 17-Jährige eifrig und setzt ein breites Zahnspangenlächeln auf. Aurélie Senster und Jil Langohr nicken dazu. „Wir sind Freundinnen und kennen uns lange.“

Alle drei fühlen sich im Dorf verwurzelt, auch wenn der Horizont heute ungleich weiter sein dürfte, als es bei ihrer Ur-Amtsvorgängerin im Jahr 1955 der Fall war. „Keine Ahnung, ob ich für immer hier bleibe“, sagt Jil Langohr und zuckt mit den Schultern. Aber jetzt gerade findet sie es gut so, wie es ist. „Für mich ist Brauchtum keine antiquierte Sache“, sagt Lea Leonard. „Es macht Spaß, unseren Ort zu repräsentieren.“