Eupen: Ein Besuch in Eupen: Vom guten Gefühl, ein Belgier zu sein

Eupen : Ein Besuch in Eupen: Vom guten Gefühl, ein Belgier zu sein

Wie es um das Selbstbewusstsein der Belgier bestellt ist, muss Manfred Schumacher niemand fragen, es reicht, mit ihm über das Spiel von Belgiens Nationalmannschaft gegen Brasilien zu sprechen. Also: Fußball-Weltmeisterschaft, Viertelfinale, gegen Brasilien, kein einfacher Gegner. „Sind wir auch nicht“, sagt Schumacher, lacht kurz, und schaut dann schnell so, wie jemand, der ernst meint, was er sagt.

Geht es nach Schumacher, ist die Begegnung von Belgien und Brasilien eine auf Augenhöhe, und so, wie es im Moment aussieht, gibt es ein paar Dinge, die dafür sprechen, dass Schumacher so falsch gar nicht liegt.

Strahlende belgische Gesichter in Russland, geschmückte Autos, schmackhafte Fußballpralinen und ein orgineller Schuh in Eupen: Belgien feiert die Fußball-WM und erfreut sich am Erfolg ihrer Nationalmannschaft. Foto: Christoph Classen

„Tach zusammen“

Strahlende belgische Gesichter in Russland, geschmückte Autos, schmackhafte Fußballpralinen und ein orgineller Schuh in Eupen: Belgien feiert die Fußball-WM und erfreut sich am Erfolg ihrer Nationalmannschaft. Foto: Christoph Classen

Eupen, Belgiens 3:2 im Achtelfinale gegen Japan steckt noch in den Köpfen, ein paar Schritte unterhalb des Marktplatzes: Schumacher, 62, sitzt an einem der Tische vor dem Café Columbus. Seit sechs Jahren ist das seine Kneipe, vorher hat er in einer Druckerei gearbeitet, 41 Jahre lang. Schumacher trägt graue Bartstoppeln, kurze Hose und ein T-Shirt auf dem „Victory“ steht — Sieg. Ab und zu steht er auf, um die Menschen zu fragen, was sie trinken wollen, er sagt zu ihnen „Bonjour“ oder „Tach zusammen“. Bei Schumacher ist das mehr Patriotismus als Höflichkeit.

Strahlende belgische Gesichter in Russland, geschmückte Autos, schmackhafte Fußballpralinen und ein orgineller Schuh in Eupen: Belgien feiert die Fußball-WM und erfreut sich am Erfolg ihrer Nationalmannschaft. Foto: Christoph Classen

Schumacher ist stolz darauf, die drei Sprachen zu sprechen, die in Belgien offizielle Amtssprachen sind, Niederländisch, Französisch, Deutsch. Schumacher ist stolz darauf, Belgier zu sein, und er betont es, weil das mit der nationalen Identität in seinem Land traditionell als schwierig gilt. Belgien, das sind Flandern, die Wallonie und die Deutschsprachige Gemeinschaft. Nimmt man Belgiens Politik zum Maßstab, entsteht schnell der Eindruck, das Staatsgebilde sei einigermaßen fragil, und es gibt Belgier, die sagen, ihr Land werde nur von der Königsfamilie und der Nationalmannschaft zusammengehalten. Schumacher sagt: „Eigentlich sind wir drei kleine Staaten, aber wenn die Nationalmannschaft spielt, kräht da kein Hahn nach.“

Belgien.

Das Zentrum von Eupen sieht auch in diesen Tagen nicht aus wie die Zentrale überbordenden belgischen Nationalstolzes. Es gibt keine Flaggen, die so groß sind, dass sie Häuserfassaden verhüllen. Die Flaggen sind kleiner, sie hängen aus den Fenstern, und besonders beliebt sind sie in der Form, in der sie sich über die Autospiegel stülpen lassen. Es sind beinahe ausnahmslos belgische Flaggen. In der Bilanz dürfte es wohl niemandem gelingen, Eupen zu besuchen ohne die Farben Schwarz, Gelb, Rot zu sehen, spätestens Alain Brock wüsste das zu verhindern.

Belgien.

Brock, 50, sitzt in einem Büro am Marktplatz, er ist Geschäftsführer von Eupens Stadtmarketing, und dass es ihm gerade vielleicht ein bisschen mehr um sein Land als um seine Stadt geht, ist ihm anzusehen. Brock trägt Schuhe, die er mit Belgiens Flagge, dem Wappen, Atomium und Manneken Pis hat bedrucken lassen. Sonderanfertigung. Brock hat eine Brille in den Farben Schwarz, Gelb, Rot, die er mal gesehen hat, als ein Fernsehmoderator sie trug. Er steckte einigen Ehrgeiz in die Suche nach dem Modell, er fand es schließlich bei einem Optiker in Deutschland. Er vermutet, dass der eigentlich eine Deutschlandbrille anbieten wollte, aber mit der Reihenfolge der Farben durcheinanderkam, witzige Geschichte.

Belgien.

Mit dem Viertelfinale kalkuliert

Bei Brock laufen die Fäden für das öffentliche Schauen von Belgiens WM-Spielen zusammen, seit der Weltmeisterschaft 2014, für die sich die Nationalmannschaft erstmals seit langem wieder qualifiziert hatte, machen sie das in Eupen bei jedem großen Turnier so. Das Stadtmarketing kümmert sich um Dinge wie Leinwand, Übertragungsrechte und Sicherheitsdienste. Vier Kneipenbetreiber sind für die Getränkeversorgung zuständig und einer von ihnen ist Manfred Schumacher. Die Wirte arbeiten auf eigene Rechnung, was sie Einnehmen, bleibt bei ihnen. Brock ist mit einem Budget von 80.000 Euro in das Turnier gegangen, kalkuliert hatte er das Viertelfinale als Mindesterfolg. Ein früheres Scheitern hätte ein Zuschussgeschäft bedeutet.

Natürlich, eine WM ist immer auch ein Wirtschaftsfaktor, was vor allem daran liegt, dass zum Wesen des Fußballs gehört, dass er per se niemanden ausschließt. Es gibt keine Altersbeschränkung und die Regeln sind einfach. Brock kann kein anderes Thema nennen, dass das Potenzial hat, so viele Menschen zusammenzubringen. Das erste Gruppenspiel haben in Eupen rund 2000 Menschen beim offiziellen Public Viewing geschaut, die Gruppenspiele zwei und drei je 2500 und beim Achtelfinale gegen Japan waren es um die 2800. Brock rechnet damit, dass es gegen Brasilien noch mehr werden. Er sagt: „Es gibt hier im Moment kein anderes Gesprächsthema. Die Nationalmannschaft eint das Land.“

Wie groß das ist, was der Fußball in Belgien gerade leistet , zeigt sich vor allem daran, dass es in Belgien längst um mehr als das Zusammenleben drei historisch gewachsener Identitäten geht. Jeder vierte Einwohner hat eine Migrationsgeschichte, die Mehrheit stammt aus Ländern außerhalb Europas, aus Marokko, der Türkei, Algerien und dem Kongo. Es ist schwer, Eupen zu besuchen, ohne auch das zu sehen. Die Obst- und Gemüsehändlerdichte ist einigermaßen hoch und aus manchem der Autos mit belgisch beflaggten Spiegeln tönt Musik, die weniger nach Ostende als nach Orient klingt.

Das Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) mit Sitz in Eupen hat in dieser Woche zum dritten Mal eine Forsa-Studie in Auftrag gegeben, die den Teilnehmern nicht allein die Frage stellt, ob sie Ostbelgien, die DG oder Belgien als ihre Heimat sehen, sondern auch, ob sie das Zusammenleben mit Zuwanderern als problematisch empfinden. Als die Umfrage 2014 zum letzten Mal gemacht wurde, gaben Zweidrittel an, dass es im Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern in der DG „überhaupt keine“ oder „weniger große“ Probleme gebe.

Wie immer stellt sich bei solchen Zahlen die Frage, wie sie zu bewerten sind. Aber in Zeiten, in denen eine deutsche Regierung an der Migrationspolitik zu zerbrechen droht, ist es vielleicht ein eher hoher Wert, wenn Zweidrittel der Menschen angeben, mit Zuwanderern keine oder kaum Probleme zu haben.

Für Mario Vondegracht ist eindeutig, dass die Belgier zusammengewachsen sind, er sagt das aber nicht in Bezug auf die Bevölkerung, sondern mit Blick auf die Nationalmannschaft. Vondegracht, 33, Sportchef beim Grenz-Echo, der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung in Belgien, will eigentlich gerade Pause machen, aber kurz über die Nationalmannschaft sprechen, das gehe schon. Er steht vor der Redaktion auf Eupens Markt, trägt ein Belgien-Trikot, das aussieht, als sei es aus den Siebzigern und für das er sich entschuldigt: „Unprofessionell, oder?“ Die journalistische Neutralität ist in diesen Tagen nicht gerade leicht zu wahren.

Der sportliche Erfolg der Nationalelf ist für Vondegracht keine Sache, die ihn überrascht, Belgien hat seit Jahren bemerkenswert begabte Fußballer, die nicht zufällig in Europas Top-Ligen spielen und die auch nicht zufällig dort hingekommen sind. Am Beginn der 2000er Jahre seien die Jugendakademien der Vereine stark gefördert worden, die Nachwuchsarbeit in Lüttich, Genk und Anderlecht hebt Vondegracht hervor. Er nennt Belgien einen Favoriten auf den Titel und es gibt drei Punkte, mit denen er das begründet.

Erfolgskonzept Zusammenhalt

Erstens: Im Team sei eine so genannte Goldene Generation versammelt, viele sehr gute Spieler. Zweitens, und das unterscheide die Mannschaft von denen, der beiden vorangegangenen Turniere: Sie habe eine Siegermentalität entwickelt, das nach 0:2-Rückstand noch gedrehte Achtelfinale gegen Japan sei das beste Beispiel. Vondegracht sagt: „Die Mannschaft reagiert in den entscheidenden Momenten richtig.“ Man könnte das Souveränität nennen. Und drittens, für Vondegracht der vielleicht wichtigste Punkt: „Begabte Einzelspieler haben wir schon lange, aber wir haben jetzt erstmals auch wieder eine Mannschaft.“ Man könnte das Zusammenhalt nennen. Ein Zustand, der mit keinem Hashtag der Welt herbeizutwittern ist.

Zu Belgiens Nationalelf gehört nicht zuletzt, dass sie die Vielfalt der auch im Land versammelten Identitäten abbildet, was es beinahe jedem leicht macht, sich mit ihr zu identifizieren. Die Nationalmannschaft ist erfolgreich, weil sie von ihrer Vielfalt profitiert. Warum soll es mit dem Land anders laufen? Vondegracht sagt: „Wir sind stolz auf diese Vielfalt.“ Eine schöne Botschaft, eine die den Menschen in Belgien das Gefühl geben kann, auf dem richtigen Weg zu sein.

Nun also Brasilien. Viertelfinale. Manfred Schumacher freut sich drauf. Er setzt sich nochmal an einen der Tische vor dem Café Columbus. Er sagt, dass wenn die Belgier tatsächlich das Halbfinale erreichen, er davon ausgeht, dass folgenden Wochenende ohne Schlaf auskommen zu müssen. Ist okay für ihn.

Letzte Frage: Sind die Erwartungen an die Nationalmannschaft mittlerweile nicht einfach ein bisschen zu hoch geworden? Schumacher sagt: „Kennen Sie doch irgendwoher, oder?“ Dann lacht er kurz. 1:0 Belgien.