Die erste Frau im Aachener Strafvollzug: Ein Arbeitsleben hinter Gittern

Die erste Frau im Aachener Strafvollzug : Ein Arbeitsleben hinter Gittern

Sie hat ihr gesamtes Arbeitsleben hinter Gittern verbracht: Monika Isselhorst-Zimmermann war die erste Frau, die im Strafvollzug in der JVA Aachen gearbeitet hat. Nach 45 Jahren im Dienst geht sie nun in Rente.

Als der Gesetzgeber im März 1974 die Volljährigkeit von 21 Jahren auf 18 senkte, fällte Monika Isselhorst-Zimmermann, damals 20, eine bemerkenswerte Entscheidung: „Ich bewarb mich um eine Ausbildung im Strafvollzug, weil ich mich damit schnell abnabeln konnte. Mein Volksschullehrer hatte mir dazu geraten. Aber eigentlich wusste ich nicht, worauf ich mich da einließ.“ Woher auch? Schließlich war sie zu jener Zeit die erste und einzige Frau in einer Männerdomäne: dem alten Aachener Gefängnis am Adalbertsteinweg.

Viereinhalb Jahrzehnte später, nach fast 10.000 Arbeitstagen hinter Gittern, geht die Regierungsamtsrätin aus Herzogenrath in Pension – als eine von fünf Frauen in der Führungsspitze der JVA Aachen, die 1995 in die Soers umzog. Isselhorst glaubt, dass „Frauen doch eine andere Prägung haben für ein Gleichgewicht von kritischer Distanz, Empathie und Intuition dafür, wie man gerade reagieren sollte.“ Auch dann, wenn die 750 männlichen Insassen das nicht immer goutieren: „Natürlich haben manche – nicht nur kulturell anders geprägte – Insassen ein Problem damit, dass Frauen über Dinge entscheiden, die sie betreffen.“

Die konfliktgewohnte Beamtin fuhr ihr Leben lang zur Arbeit, „ohne eine Ahnung zu haben, was der neue Tag bringt“. Wie würde sie den Wandel der Zeiten hinter Schloss und Riegel beschreiben? Monika Isselhorst-Zimmermann sitzt an ihrem Schreibtisch und lässt nachdenklich den Blick aus dem vergitterten Fenster schweifen. Sie sieht eine 5,30 Meter hohe graue Mauer mit Stacheldrahtrollen oben drauf. Dahinter Bäume, die sich im Wind biegen. In der Ferne eine Wiese. Die Tür des Büros der Abteilungsleiterin, einer einstigen Vier-Mann-Zelle, geht plötzlich auf. Routinekontrolle. „Alles in Ordnung?“ fragt ein uniformierter Kollege. Kurzer Blick, kurzes Nicken.

Genug gegrübelt. Monika Isselhorst-Zimmermann erinnert sich: „Erst 1977 bekam Deutschland ein Strafvollzugsgesetz, das den Häftlingen einen verbindlichen Rahmen gab: etwa das Recht auf Resozialisierung.“ Zuvor habe es nur eine unverbindliche Vollzugsordnung mit viel Kann und Soll gegeben. Dazu zählte auch die Haftzelle mit offener Toilette, die heute separiert ist. Sozialarbeiter hießen damals „Fürsorger“: „Die haben dann die Tiere der Häftlinge zu Hause gefüttert oder deren Wohnungen gepflegt oder geräumt“, erinnert sich Isselhorst.

Weitere Veränderungen, die die Pensionärin in spe erlebte? „Die Anzahl der psychisch Erkrankten ist enorm gestiegen.“ Die der ausländischen Insassen sowieso. „Ab und an hatten wir damals mal den einen oder anderen türkischen Häftling, heute macht der Anteil der Ausländer etwa 50 Prozent aus.“ Früher habe es „auch noch so etwas wie Ganovenehre“ gegeben. Sprich: „Viele Häftlinge hatten einen Kodex, auch in Bezug auf Gewalt.“ Heute, in ohnehin tabuloseren Zeiten mit organisiertem Verbrechen und Revierkämpfen, undenkbar.

Lange war Monika Isselhorst-Zimmermann für die Sicherungsverwahrten verantwortlich, die inzwischen nach Werl verlegt wurden. Am Ende ihres Arbeitslebens leitete sie das Hafthaus 5. In ihm sitzen rund 170 Untersuchungshäftlinge und 100 Strafgefangene. Sie kennt sie alle. Gerade die U-Häftlinge, oft erstmals hinter Gittern, hat sie im Auge: „Die haben oft das große Problem, ihre Erst­erfahrung in Gefangenschaft zu akzeptieren. Da gibt es immer wieder sehr harte Fälle, die von jetzt auf gleich aus ihrem gewohnten Leben gerissen werden.“

Die Justizvollzugsanstalt in Aachen. Foto: Andreas Steindl

Diese zuweilen suizidgefährdete Zielgruppe gelte es ebenso zu schützen wie Drogenabhängige, die in der JVA zwangsläufig mit dem Entzug zu kämpfen haben: „Das ist ein stetes Abwägen von Fall zu Fall“, erklärt die erfahrene Beamtin. „Für den einen ist es gut, in eine Gemeinschaftszelle zu kommen, andere brauchen Therapie, ständige Beobachtung oder gar die Einweisung in einen besonderen Haftraum, der den Gefangenen vor sich selbst schützt.

Entscheidungen non-stop: Befürwortet sie Ausgänge oder den Offenen Vollzug für den Totschläger X oder den Betrüger Y? Oder eine vorzeitige Entlassung des Bankräubers Z? Welche Entscheidung trifft sie bei schweren Verstößen – etwa positivem Drogentest, Handys in der Zelle, Nötigungen, Prügeleien, Bedrohung von Beamten? Verlegt sie den Häftling? Schickt sie ihn in eine Arrestzelle, in der es nur Bett, Tisch und Stuhl gibt – und eine Bibel? Streicht sie alle Freizeitaktivitäten oder den monatlichen Drei-Stunden-Langzeitbesuch? Der Ärger mit den Anwälten der Häftlinge ist zuweilen garantiert.

Ihr rasselnder Schlüsselbund ist Symbol für Macht, „derer ich mir bewusst bin“, sagt sie, „aber immer und gegenüber jedem gepaart mit viel Verantwortung“. Ihre Aufgabe zeigt die Bedeutung von „Schlüsselgewalt“. 15 mächtige Schlösser in tonnenschweren Türen muss sie mit etwa acht Zentimeter langen Stahlschlüsseln öffnen, in einer Welt voller Gitter, Kacheln und Kälte. „Manchmal kann einem da das Handgelenk wehtun“, schmunzelt die geborene Dinslakenerin. Immerhin kommt sie an den meisten Tagen locker auf 120 Umdrehungen.

Monika Isselhorst-Zimmermann erscheint wie eine mustergültige deutsche Verwaltungsbeamtin – mit Tiefgang. Typ knochentrocken („ich habe Freude an der Versprachlichung von Sachverhalten“), aber immer mit offener Mimik. Neben ungezählten Spaziergängen und Gesprächen mit Ehemann Michael hat sie so manche Supervision in Anspruch genommen, um ihre Arbeit zu verarbeiten.

Kein Wunder. Sie war 45 Jahre lang täglich Extremen ausgesetzt. Sie hat ungezählten Tätern – grauenhaften, hinterlistigen oder kaltblütigen – gegenüber gesessen. Und trotzdem rührt sie jetzt seelenruhig in ihrem Tee und sagt: „Ich glaube immer noch an das Gute im Menschen. Der Mensch kann sich immer entscheiden. Veränderung ist immer möglich.“ Dafür habe sie „gottlob auch gute Beispiele“.

„Ständige Wiederkehrer“

Freilich auch solche, die nicht mehr Fuß fassen wollen. „Wir haben auch ständige Wiederkehrer, die außerhalb unserer Anstalt mit ihrer Einsamkeit und Selbstversorgung nicht zurechtkommen“, berichtet Isselhorst-Zimmermann. Ihr schillerndster Fall ist der eines entflohenen Häftlings, „der von Paris aus in der JVA Aachen anrief, um seine freiwillige Rückkehr zu avisieren“.

Eine bemerkenswerte Laufbahn geht in „Deutschlands gefährlichstem Knast“, wie der TV-Sender N 24 ihn einmal nannte, zu Ende – mit der ersten Frau in der Geschichte des Aachener Justizvollzuges. Die steuert jetzt eine schönere Schlüsselgewalt an: über die heimische Garage und das Familiendomizil in Herzogenrath-Kohlscheid mit Blick auf das Wurmtal. Ohne Gitter, ohne Mauer und ohne Stacheldraht.