Mutter und Tochter auf dem Kilimandscharo: Ein Abenteuer, das das Leben verändert

Mutter und Tochter auf dem Kilimandscharo : Ein Abenteuer, das das Leben verändert

Karin Heinrichs und ihre Tochter Anna-Lena Damm liegen im Zelt und haben Angst, dass sie nicht mehr lebendig nach Hause kommen. Draußen ist es dunkel, der Boden ist minus 15 Grad kalt, das Zeltdach wird vom Sturm auf ihre Köpfe gepresst.

Sie können kaum atmen, sich nicht bewegen, das Zelt nicht verlassen, und sie befinden sich auf einer Höhe von rund 4000 Metern über dem Meeresspiegel, auf dem Weg zum Gipfel des Kilimandscharo. Mit 5895 Metern ist der Kilimandscharo das höchste Bergmassiv Afrikas. Die beiden Frauen aus Gangelt und Aachen haben nur einen Wunsch: Sie wollen ganz nach oben.

Karin Heinrichs ist 53 Jahre alt und die Leiterin der Heinrichsgruppe, einem Verbund mehrerer Pflegeeinrichtungen und Wohnzentren für Senioren in Gangelt. Sie ist eine zierliche Person, fröhlich und – das bringt der Beruf mit sich – viel beschäftigt und ständig unterwegs. Mit Laufen und ein bisschen Fitnesstraining hält sie sich fit, „aber ich laufe langsam“, sagt sie. „Es macht mir einfach Spaß.“ Karin Heinrichs ist ein Mensch wie du und ich, und doch hat sie erst vor wenigen Tagen eine Leistung vollbracht, die sicherlich aller Ehren wert ist. „Ich habe den Kilimandscharo bestiegen“, erzählt sie, und ihre Augen strahlen. „Diesen Wunsch hatte ich schon lange. Nun ist er endlich in Erfüllung gegangen.“

Unzählige Fotos und ein Gipfelzertifikat beweisen, dass Karin Heinrichs es tatsächlich geschafft hat. Schon oft ist sie über den Kilimandscharo hinweg geflogen. „Meine Familie und ich haben schon einige Hilfsprojekte in Tansania unterstützt. Darum sind wir auch mehrmals selbst nach Afrika geflogen und haben uns die Projekte vor Ort angeschaut.“ Kurz vor dem Landeanflug überquerten die Maschinen den Kilimandscharo. „Da habe ich immer gedacht: Da möchte ich mal hinauf.“ Und dann, zu Weihnachten, zeichnete sich ab, dass dieses Ziel nun ganz nah sein würde.

„Ich habe die Reise von meinem Mann geschenkt bekommen“, sagt sie. Ihre Tochter Anna-Lena, 31 Jahre alt und selbst Mutter eines 18 Monate alten Mädchens, hatte sich bereit erklärt, ihre Mutter auf diesem Abenteuer zu begleiten. Karin Heinrichs 18-jähriger Sohn Till steckt gerade im Abiturstress und konnte deshalb nicht mitfliegen. „Ein Problem war die geringe Vorbereitungszeit von nicht einmal sechs Wochen. Zuerst haben wir nur kurze Wanderung gemacht. Dann sind wir zweimal pro Woche zum Höhentraining nach Köln gefahren.“ Mutter und Tochter trainieren dort in der Druckkammer, auf dem Laufband und beim Spinning. „Für den Kilimandscharo braucht man natürlich eine gute Kondition“, sagt Karin Heinrichs, „aber am Ende entscheidet der Kopf. Man muss einfach diesen Willen haben, es zu schaffen.“

Anfang März startet die Reise. Auf dem Berg ist Karin Heinrichs eine der ältesten. „Das weiß ich, weil man sich an den einzelnen Stationen immer eintragen muss und in den Listen sieht, wer sonst noch unterwegs ist.“ Außerdem ist der Kilimandscharo Karin Heinrichs erster Berg, eine tatsächlich neue Erfahrung. Beim Start wurden sie und ihre Tochter noch von den anderen Wanderern belächelt. „Man muss wissen, dass etwa die Hälfte den Gipfel nicht erreicht. Die meisten waren zwischen 20 und 30 Jahre alt und durchaus sportlich. Aber am dritten Tag haben wir uns Respekt verschafft, da waren wir früher als alle Anderen auf der Bergstation.“

Karin Heinrichs (rechts) und ihre Tochter Anna-Lena Damm am Stella-Point, einem der drei Gipfelpunkte des Kilimandscharo. Foto: Heinrichs

Anspruchsvoll und wunderschön

Die beiden Frauen haben die Machame-Route ausgewählt. Sie gilt als anspruchsvoll, aber wunderschön. Sieben Tage dauert die Route, die zum Stella-Point führt, einem der drei Gipfelpunkte des Kilimandscharo auf 5700 Metern. Los geht es bei 28 Grad am Fuße des Berges. Unterwegs müssen sie fünf Klimazonen durchlaufen, es wird bis zu Minus 15 Grad kalt. Die Frauen gehen nachts, los geht es um Mitternacht, dann heißt es acht bis zehn Stunden Wandern pro Tag, teilweise über bis zu 1000 Höhenmeter. „Wenn man am Ende der Strecke in den Sonnenaufgang hineinläuft, ist das der eigentliche Kick“, berichtet Karin Hermanns begeistert. „Beim Start ist es stockduster, und nur eine Stirnlampe spendet Licht. Wenn man dann in der Ferne die Lichter der anderen Wanderer auf den unterschiedlichen Stationen sieht, ist das ein Gänsehautmoment.“ Das Wandern im Dunkeln hat aber auch einen psychologischen Vorteil: Man sieht nicht, wie weit es noch ist.

Sieben Tage ohne Dusche

Begleitet werden Karin Heinrichs und Anna-Lena Damm von zwei Bergführern und sechs Trägern. „Die leisten unfassbare Arbeit. Wenn wir losgegangen sind, haben sie erst das Camp abgebaut, uns dann unterwegs überholt und das neue Nachtlager errichtet, ehe wir angekommen sind. Dabei sind sie immer gut gelaunt. Das hat mich sehr beeindruckt.“ Geschlafen wird in einem Zelt. Wasser zum Duschen gibt es keins, noch nicht mal eine richtige Toilette steht zur Verfügung. Man hält sich warm mit kurzen Teepausen („Man muss täglich drei bis vier Liter trinken“) und einer entsprechenden Ausrüstung. „Ich bin froh, dass wir in gute Schlafsäcke investiert haben, denn es ist wichtig, dass man gut schlafen kann. Der Schlafsack ist das einzige, was einen warm hält, wie ein kleiner Mikrokosmos.“

Am sechsten Tag erreichen die beiden Frauen den Stella-Gipfel. Aber in die Freude mischt sich schnell Panik. Karin Heinrichs: „Meiner Tochter ging es gar nicht gut. Sie hatte geschwollene Beine und konnte nicht zur Toilette. Zunächst haben wir gedacht, das sei wegen der Kälte. Aber dann wurde es immer schlimmer – die Höhenkrankheit.“ Die junge Frau fängt an zu stolpern, hat Koordinationsstörungen und fängt an zu husten. Die Anweisung der Bergführer ist unmissverständlich: Sofort runter! Die ersten vier Stunden bis zum Basiscamp muss Anna-Lena gestützt werden. Dann geht es noch sechs Stunden weiter bis auf 3000 Meter Höhe. „Da ging es ihr dann wieder besser“, ist Karin Heinrichs erleichtert. Die Höhenkrankheit kann auftreten, wenn der Luftdruck in zunehmender Höhe absinkt und damit auch der Sauerstoff-Partialdruck. Dieser führt zu einer Verengung der Blutgefäße in der Lunge und somit zu einem Absinken des Sauerstoffgehalts im Blut. Als Komplikationen können Lungen- oder Hirnödeme auftreten.

„Wir sind froh, dass wir es bis zum Gipfel geschafft haben“, sagt Karin Heinrichs glücklich. „Und natürlich, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Wir haben viele gesehen, die auf Baren hinuntergetragen oder mit dem Hubschrauber abtransportiert wurden.“

Eine Reise zum Gipfel des Kilimandscharo wirkt nach. „Über mich selbst habe ich erfahren, wozu ich tatsächlich fähig bin. Wenn man längst denkt, es geht nicht mehr, muss man trotzdem weiter und wächst über sich hinaus.“ Auch das ohnehin gute Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist intensiver geworden. „In einer solchen Extremsituation lernt man sich noch einmal auf andere Art und Weise kennen. Darauf bin ich sehr stolz. Im Prinzip ist das Erlebnis vergleichbar mit einer Geburt. Es ist schrecklich und wunderschön zugleich.“

Wieder unten angekommen, nehmen die beiden erstmal eine ausgiebige Dusche und trinken ein Kilimandscharo-Bier. „Das ist das leckerste Bier meines Lebens“, erinnert sich Karin Heinrichs an die Worte ihrer Tochter, und sie selbst sagt heute: „Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so glücklich war.“

Heute, zwei Wochen nach ihrer Heimkehr, reden die beiden Frauen noch gerne und viel über ihr großes Abenteuer. Auch die Nacht im Zelt, in der sie bei Sturm um ihr Leben bangten, ist immer wieder Thema. „Als wir am nächsten Morgen unserem Bergführer von unserer Angst erzählt haben, zuckte der nur mit den Schultern und meinte ‚It´s only wind!‘ (Es ist doch nur Wind).“ Ein Stück von dieser Gelassenheit haben die beiden mit nach Hause gebracht. „Man kann alles schaffen, wenn man nur will.“

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