Aachen: e.GO-Elektromobil wird künftig auf altem Philips-Gelände gebaut

Aachen: e.GO-Elektromobil wird künftig auf altem Philips-Gelände gebaut

Die Miene des Vorkämpfers verrät eine ganze Menge an diesem Vormittag. Günther Schuh, Geschäftsführer der RWTH Aachen Campus GmbH und seit Jahren leidenschaftlicher wie öffentlichkeitswirksamer Werber für Elektromobilität, versucht gar nicht erst, seine offensichtliche Begeisterung zu verbergen.

Es ist der Tag, an dem Aachen offiziell den Zuschlag als Produktionsstandort des elektronisch angetrieben Stadtautos „e.Go Life“ erhält. Den Bescheid über eine Millionenförderung des Landes Nordrhein-Westfalen hat Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) gleich mitgebracht zum feierlichen Treffen auf dem wachsenden Aachener Campusgelände im Westen der Stadt.

Ein Stadtauto aus Aachen, das sich sehen lässt: der „e.GO Life“ im schicken, finalen Design. Foto: o.H.

„Ein toller Tag“, sagt Schuh, ebenfalls Vorstandsvorsitzender e.Go Mobile AG, die ab Frühjahr 2018 serienmäßig Stadtflitzer in Aachen bauen lassen will, die für jedermann bezahlbar sein sollen. Vorbestellungen werden bereits ab Mai 2017 entgegengenommen.

Dafür entsteht auf dem ehemaligen Philips-Gelände im Aachener Osten — einst Standort der weltgrößten Fabrik für Bildröhren — eine neue Produktionsstätte für den „e.Go Life“. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Die Kosten auf dem Weg zur Serienreife des Batterie-Stadtflitzers mit Bosch-Motor sollen bei 30 Millionen Euro liegen — was ungefähr einem Zehntel der Investitionssumme für eine vergleichbare Entwicklung in der Automobilindustrie entsprechen würde.

In der Förderung von rund 2,6 Millionen Euro durch das Land sieht der ehemalige Prorektor der RWTH einen essenziellen Faktor für die Entscheidung, den Elektroflitzer in der Stadt seiner Entwicklung bauen zu lassen. „Wir hatten zuletzt die Wahl zwischen Aachen und einer Alternative in Tschechien; dort hätten wir nicht neu bauen müssen“, sagt Schuh, der die e.Go Mobile AG 2015 mitgegründet hat. „Die Fördersumme gleicht die Differenzsumme aus, die wir durch einen Umzug nach Tschechien im Vergleich zum Neubau in Aachen eingespart hätten.“

Nachdem bereits das Erfolgsmodell Streetscooter im Umfeld der RWTH bis zur Marktreife entwickelt wurde, steht mit dem Aluminium-Leichtbau „e.Go Life“ der nächste Stromer an der Startlinie. Die Streetscooter GmbH, 2010 von Schuh und seinem Professorenkollegen Achim Kampker als Start-up aus der Hochschule heraus gegründet, wurde 2014 an die Deutsche Post verkauft.

Mittlerweile nutzt der Konzern rund 2500 Streetscooter-Wagen als Auslieferungsfahrzeuge, Tendenz steigend. Produktionsstandort blieb Aachen. „Die Erfahrung aus der Streetscooter-Entwicklung hat uns sehr geholfen“, sagt Schuh. Das Konzept sieht eine Art ganzheitlichen Prozess vor, vom Einkauf bis zum Vertrieb. Die Einsparungen durch optimierte Herstellungsprozesse sollen den Basispreis von 15 900 Euro ermöglichen, nach Abzug der Kaufprämie für E-Mobile bleiben 11 900 Euro. Derzeit ist Feinjustierung angesagt für den „robusten und spritzigen Stadtflitzer“, der mit einer Batterieladung rund 105 Kilometer Strecke bewältigen soll.

Wenn es nach den Beteiligten aus Forschung, Entwicklung und nicht zuletzt Politik geht, sollen von der jungen, aber entwicklungsfähigen E-Mobil-Region Aachen weiterhin Impulse ausgehen, auch für das ganz große Umdenken in Sachen Mobilität.

Das wünscht sich auch NRW-Wirtschaftsminister Duin, der bei der Präsentation des Standortes die Strahlkraft eines möglichen Modells für andere NRW-Regionen betont: „Die Verbindung der Industrie 4.0 mit Wissenschaft und Wirtschaft an der RWTH ist beispielhaft.“ Die Wahl des Standorts Aachen nennt er obendrein eine „kluge Entscheidung.“ Bereits jetzt ist die Elektromobilität ein sanfter Jobmotor für die Region. Der Karosseriehersteller für den Streetscooter, das Geilenkirchener Laserbearbeitungs- und Beratungszentrum (LBBZ), will in diesem und im nächsten Jahr je 40 weitere Mitarbeiter einstellen, teilte das Unternehmen gegenüber unserer Zeitung mit.

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp sieht darüber hinaus wichtige Impulse für den städtischen Verkehr: „Solche Entwicklungen sind ein Segen für Städte wie Aachen, denn sie zeigen den Weg in eine umweltfreundlichere urbane Umgebung.“

Demnächst steht also für die rund 70 Mitarbeiter der e.Go Mobile GmbH der große Umzug an. Danach soll die Belegschaft sukzessive erweitert werden. Zu Beginn der Serienproduktion 2018 sollen 150 Menschen zur Belegschaft gehören. Bis 2020 könnten es rund 270 sein, wenn alles glatt läuft, erklärt Vorstandschef Schuh.

„Es ist eine spannende Zeit“, sagt der gebürtige Kölner und per Selbstdefinition leidenschaftliche Aachener bei einem Rundgang durch die Demowerkstatt am Campus der RWTH. „Demnächst packen wir unsere Sachen, und dann wird es richtig interessant. Das geht schneller, als man denkt.“ Schon im Sommer ist es soweit.

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