Aachen/Jülich/Langerwehe: Drei Ehepaare um Zehntausende Euro betrogen

Aachen/Jülich/Langerwehe : Drei Ehepaare um Zehntausende Euro betrogen

Um Roccos Geschichte glauben zu können, muss man eigentlich gehört haben, wie Rocco sie erzählt. Rocco K. ist ein 42 Jahre alter Frührentner aus Sachsen, ein Berg von einem Mann, der sich seiner auf einmal nicht mehr sicher ist, weil er um sein Leben fürchtet.

Vergangene Woche saß er im Zeugenstand des Saales A 1.018 im Aachener Landgericht und erzählte, fast zwei Stunden lang. Roccos Geschichte begann vergangenen August, als er sein Fachwerkhaus in Sachsen im Internet zum Verkauf inserierte. Noch am selben Tag meldete sich ein potenzieller Käufer, und schon nach wenigen Mails war klar, dass der Mann das Haus kaufen würde.

Wegen Betruges vorbestraft: Alberto W. soll Ehepaare aus Jülich und Langerwehe betrogen haben. Foto: Ralf Roeger.

Es handelte sich um Captain Ray Hartman, einen in Afghanistan stationierten Offizier des US-Geheimdienstes, Witwer, Vater zweier lieber Töchter und kurz vor der Pensionierung. Seinen Lebensabend wolle er in Sachsen verbringen, schilderte er Rocco in mehreren Mails und Telefonaten. In wenigen Tagen entstand so etwas wie ein Vertrauensverhältnis, Rocco dachte, der Zufall hätte ihm einen neuen Freund zugesellt.

Ebenfalls wegen Betruges vorbestraft: Eric E. wurde mit den anderen beiden Angeklagten am 15. November in Langerwehe verhaftet. Foto: Ralf Roeger

Was die Bezahlung des Hauses betraf, sollte es keine Probleme geben: Captain Hartman hatte in Afghanistan 10,2 Millionen Euro bei der Taliban sichergestellt. Wie nebenbei schrieb er Rocco, er suche einen vertrauenswürdigen Menschen in Deutschland, der das Geld bis zu seiner, Hartmans, Pensionierung aufbewahre. Rocco bot sich an, Hartman war begeistert und bereitete den Versand des Geldes vor.

Eine riesige Menge Geld: Mindestens drei Ehepaaren aus Jülich, Langerwehe und Sachsen wurden jeweils zwei Millionen Euro von einem angeblichen US-Soldaten geboten — für eine kleine Gefälligkeit. Die Ehepaare verloren Zehntausende Euro. Drei Männer stehen nun wegen besonders schweren Betruges vor dem Aachener Landgericht. Foto: dpa

Einige Tage später rief Hartman an und sagte, das Geld sei in einem Flug des Roten Kreuzes unterwegs nach Istanbul, von dort aus werde es weiter nach Deutschland transportiert. Unvorhergesehenerweise sei eine kleine Gebühr für den diplomatischen Transport zu entrichten, ob Rocco dafür nicht aufkommen könne. Wenn das Geld in Deutschland sei, könne Rocco sich die Summe aus dem Koffer nehmen, außerdem 20 Prozent der 10,2 Millionen Euro, sozusagen als Provision.

20 Prozent, das wären 2,04 Millionen Euro. Rocco, der Frührentner, witterte die Chance seines Lebens: Endlich sollte auch er einmal Glück haben. Und weil der Geheimdienstoffizier Ray Hartman sich als ausnehmend zuvorkommender, herzlicher und freundlicher Mensch gab, sagte Rocco zu.

Hartman bat Rocco, einem Verbindungsmann in der Türkei, Chefdiplomat Kocak, 1750 Euro zu überweisen, und Rocco überwies. Als die Nachricht kam, Hartmans 10,2 Millionen seien nun in Leipzig eingetroffen, wurden überraschenderweise weitere 6200 Euro fällig, für den Transport von der Türkei nach Deutschland. Rocco, immer die 2,04 Millionen Euro im Sinn, die seinem Leben Sicherheit und seiner Frau und seinen drei Kindern ein Auskommen sichern würden, sagte zu.

Rocco und seine Frau Cindy setzen sich ins Auto und fuhren zur Geldübergabe in ein Hotel nach Leipzig. Im vereinbarten Zimmer trafen sie zwei Schwarzafrikaner, der eine stellte sich als Dolmetscher vor, der andere als Diplomat Richard Rush, der um die 6200 Euro bat. Rocco zahlte, Rush verschwand und kam mit einem Schlüssel wieder. Er holte eine Tasche aus dem Schrank, darin war ein Tresor, den Rush nun öffnete. Der Tresor war voller farbloser Bündel, die aussahen wie Geldscheine ohne Aufdruck.

Rush tat überrascht, der Dolmetscher erklärte, das Geld sei vor der Ausfuhr aus Afghanistan wohl gebleicht worden, damit der Zoll es nicht finde. Das Geld sei mittels eines chemischen Prozesses aber leicht wieder in seinen Originalzustand zurückzuversetzen und zeigte auch gleich wie: Er bat Rocco um eine 100-Euro-Note, packte den Schein zwischen zwei der weißen Scheine aus dem Tresor und verpackte sie in Alufolie. Er gab eine weiße Substanz hinzu, bat Rocco, sich auf das flache Päckchen zu stellen, hob es zwei Minuten später auf, öffnete es und hielt Rocco und Cindy drei 100-Euro-Noten unter die Nase.

„Wir haben geguckt wie die Eichhörnchen“, sagte Cindy vor Gericht.

Diplomat Rush bot Rocco an, die Scheine bei einer Bank auf ihre Echtheit hin prüfen zu lassen, er werde sehen, es sei echtes Geld. Und auf dieselbe Weise würden sie auch den Rest des entfärbten Geldes wiederherstellen. Rocco und Cindy fuhren mit dem Tresor und den entfärbten 10,2 Millionen Euro nach Hause, brachten anderentags das Geld zur Bank und siehe da: Die drei 100-Euro-Scheine waren echt.

Am Telefon vereinbarte man, dass Rocco 30.000 Euro bereithalten solle, damit wollten Rush und ein Helfer die ganzen 10,2 Millionen Euro wieder einfärben. Die 30.000 Euro könne er anschließend wiederhaben. Also kratzten Rocco und Cindy mit allem, was sie hatten, 30.000 Euro zusammen.

Einige Tage später kamen Diplomat Richard Rush und ein Techniker zu Rocco und Cindy nach Hause, sie hatten eine Maschine dabei, in der die 30.000 Euro, das entfärbte Geld und die Chemikalien zusammengefügt werden sollten. Rush und der Techniker gingen an die Arbeit, es dauerte nicht lange. Rush erklärte, das Geld müsse nun einige Stunden im Tresor bleiben. In der Zwischenzeit führen er und der Techniker in die nächste Großstadt, sie hätten einige Erledigungen zu machen.

Als die beiden am Abend nicht wieder da waren und Rush auch nicht ans Telefon ging, rief Rocco den Chefdiplomaten Kocak in Istanbul an. Rush und der Techniker hätten einen Unfall gehabt und lägen im Krankenhaus, sagte Kocak, und in der Tat hatte es in Sachsen an diesem Tag einen Unfall gegeben, in den elf Autos involviert waren. Die Polizei sprach von mehreren Verletzten, wie Cindy später im Internet las.

Am anderen Tag meldete sich Kocak wieder und erklärte Rocco, er müsse sofort mit der Maschine, in der die 10,2 Millionen und Roccos 30.000 Euro lagerten, nach Brüssel fahren. Das Geld müsse dringend aus dem Tresor, sonst werde es zerstört. Nicht nur Hartmans 10,2 Millionen, auch Roccos 30.000 Euro. Rocco setzte sich ins Auto und fuhr nach Brüssel, mehr als neun Stunden dauerte die Reise.

In einem Brüsseler Hotel wurde Rocco schon erwartet. Zwei Schwarzafrikaner nahmen die Maschine mit und rieten Rocco, sich ein Zimmer zu nehmen und etwas zu schlafen. In einigen Stunden sei die chemische Prozedur zur Geldumwandlung beendet. Und wie immer in diesem Fall, tat Rocco das, was die Fremden ihm rieten.

Der größte Fehler seines Lebens

Vier Stunden später kamen die Männer zurück und sagten, alles sei gut gelaufen, Rocco sei gerade noch rechtzeitig nach Brüssel gekommen. Rocco war erleichtert, aber nicht lange. Denn die Männer eröffneten ihm, dass die Wasserzeichen auf den Geldscheinen während der langen Zeit in der Maschine gelitten hätten.

Glücklicherweise gebe es aber auch zum Wiederherstellen der Wasserzeichen eine Chemikalie. In Zürich sei eine Fabrik, die die benötigte Menge der seltenen Chemikalie herstellen könne. Kostenpunkt: 43.000 Euro. Wenn Rocco den Betrag schnell besorge, könne er die 10,2 Millionen in einer Woche in Brüssel abholen, so lange müsse das Geld bei konstanten Temperaturen in einem Labor bleiben.

Rocco setzte sich mit leeren Händen in sein Auto und dachte nach; zum ersten Mal war er nun misstrauisch geworden. Die Konten waren überzogen, der Kreditrahmen ausgeschöpft, Rocco kannte niemanden, der ihm noch 43.000 Euro hätte leihen können. Oder doch? Rocco hatte eine Idee. Früher war er Mitglied eines Motorradclubs gewesen, flüchtig kannte er jemanden, der jemanden kannte, der jemanden kannte, der ihm vielleicht...

Nein, dachte Rocco, bloß nicht. Dann rief er den flüchtigen Bekannten doch an. Wenig später die Antwort: 27.000 Euro könne man ihm leihen, für zwei Wochen. Rocco dachte an die Provision, an die 2,04 Millionen Euro, aber er war nicht mehr sicher, das Richtige zu tun.

Rocco fragte Cindy: „Sollen wir das wirklich machen?“ Cindy sagte: „Ja.“

Rocco machte den größten Fehler seines Lebens, lieh sich 27.000 Euro von Menschen, von denen man sich auf keinen Fall Geld leihen sollte, und fuhr eine Woche später, nachdem auch Captain Hartman aus Afghanistan geschrieben hatte, das alles so in Ordnung sei, wieder nach Brüssel. Dort lieferte er das Geld ab, man sagte ihm, dass gegen das Entrichten von weiteren 8490 Euro das Geld zu ihm nach Hause geliefert würde. Irgendwie trieb Rocco auch diesen Betrag auf und zahlte.

Rocco fuhr nach Hause, wartete, bis ein Anruf des Chefdiplomaten Kocak aus Istanbul kam, und er war nicht überrascht, als Kocak von Problemen an der belgisch-niederländischen Grenze berichtete. Das Geld sei vorübergehend konfisziert worden, aber durch gute Verbindungen zur niederländischen Zollbehörde könne es für 37.860 Euro ausgelöst werden.

Rocco legte auf und ging zur Polizei, es war der 7. Oktober.

„Absolut idiotisch“

„Wie doof, wie blöd muss man sein, um das alles zu glauben?“, fragte der Vorsitzender Richter Jürgen Beneking den nach seiner Aussage völlig ausgelaugten Rocco K., der mehr auf seinem Zeugenstuhl hing als dass er saß. „Vielleicht ist man einfach zu gierig geworden“, sagte Rocco.

Statt 2,04 Millionen Euro Provision haben Rocco und seine Frau nun 76.000 Euro Schulden, davon 27.000, die Rocco, daraus machte er vor Gericht vergangene Woche keinen Hehl, das Leben kosten könnten. Weil er die 27.000 Euro bislang nicht habe zurückzahlen können, sei ihm angedroht worden, sein Haus werde angezündet und seine „Frau zur Hure gemacht“. Rocco und Cindy haben ihr Haus zur Festung ausgebaut, ihren Kindern haben sie nichts von der Sache erzählt.

Richter Beneking fragte Rocco, wie er sein Verhalten aus heutiger Sicht beurteile, und Rocco sagte: „Absolut idiotisch.“ Und doch nicht einzigartig idiotisch. Denn zwei Ehepaaren aus Jülich und Langerwehe ging es ähnlich wie Rocco und Cindy, beide Ehepaare hatten Immobilien oder Grundstücke im Internet inseriert, beide erhielten Mails von einem vermeintlichen US-Offizier, Dienstort: zur Zeit Afghanistan. Immer eine ähnliche Geschichte, immer dieselbe Masche.

Familie O. aus Jülich wurde um 37.000 Euro betrogen, Familie Z. aus Langerwehe um 8120 Euro. Herr Z. war es auch, der am 2. November Anzeige erstattete, sich der Polizei als Lockvogel zur Verfügung stellte und ein Treffen mit dem Diplomaten Leroy Campbell und einem Dolmetscher bei sich zu Haus in Langerwehe arrangierte. Als am 15. November drei Männer bei Familie Z. auftauchten, wurden sie von einem Mobilen Einsatzkommando der Polizei verhaftet.

Nun sitzen Ilongo L. (33), Alberto W. (36) und Eric E. (43) aus Kamerun unter anderem wegen gemeinschaftlichen Betruges in besonders schweren Fällen und Diebstahles in besonders schweren Fällen vor dem Aachener Landgericht. L. ist nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft der Haupttäter, die anderen beiden sind einschlägig vorbestraft. Wo das Geld ist, weiß niemand, die Polizei hat erst gar nicht danach gesucht. Vermutlich sei es irgendwo in Afrika versickert, sagte einer der Ermittler.

Doch wer auf diese Weise betrogen wurde wie die drei Ehepaare dieses Falles, der verliert nicht nur sein Geld, der verliert manchmal auch seinen Glauben an das Gute.

Cindy K. sagte als Zeugin vor Gericht, dass sie niemals mehr jemandem helfen werde. „Wenn jemand neben mir auf dem Boden liegt, schaue ich nicht mal mehr hin, ich gehe einfach weiter.“

Frau O. aus Jülich, die wie die Angeklagten aus Afrika stammt, nimmt seit den traumatischen Erlebnissen als Betrogene Psychopharmaka. Sie und ihr Mann waren in der Flüchtlingshilfe aktiv, doch das ist vorbei, seit sie um ihre Altersvorsorge betrogen wurden, für die sie ihr Leben lang gearbeitet haben.

„Ich werde nie, nie wieder jemandem helfen“, sagte Frau O. unter Tränen. „Haben diese Menschen denn kein Herz?“ und sah zur Anklagebank.

Ilongo L., der sehr wahrscheinlich als Diplomat Richard Rush und Diplomat Leroy Campbell aufgetreten war, hörte aufmerksam zu, was die Dolmetscherin ihm übersetzte. Doch für Frau O.s Bestürzung hatte er nicht mehr übrig als ein schmales Lächeln.

Mehr von Aachener Nachrichten