Gespräch mit einem homosexuellen Priester: Distanz und Schweigen, denn er ist schwul

Gespräch mit einem homosexuellen Priester: Distanz und Schweigen, denn er ist schwul

Ein Gespräch mit einem Priester aus dem Bistum Aachen über seine Homosexualität, über Moral und Komplexe seiner Kirche.

Der katholischen Kirche fällt es zunehmend schwer, ihre Sexualmoral in einer liberalen Gesellschaft verständlich zu machen. Das gilt zumal nach dem Missbrauchsskandal, dessen Ausmaß noch gar nicht zu überblicken ist, und dem wissenschaftlichen Gutachten dazu, das die Kirche selbst in Auftrag gegeben hat. Diese Studie sieht nicht zuletzt in der offiziellen katholischen Haltung zur Sexualität ein Problem. Als besonders heikel wird das Thema aber in der Kirche empfunden, wenn es um Homosexualität – erst recht unter den eigenen Priestern – geht. Mit einem schwulen Priester hat sich darüber unser Redakteur Peter Pappert unterhalten.

Wir wollen über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Homosexualität sprechen und darüber, wie Sie als schwuler Priester in Ihrer Kirche zurechtkommen. Warum können Sie meine Fragen nur anonym beantworten?

Weil ich mir nicht sicher bin, dass es für mich wegen dieses Interviews keine Nachteile gibt, wenn ich meinen Namen nenne.

Mit welchen Konsequenzen müssten Sie rechnen?

Das kann ich konkret nicht sagen. Aber ich habe negative Erfahrungen mit kirchlichen Institutionen des Bistums Aachen gemacht. Es gab etliche Indiskretionen.

Kann es sich ein Bistum heute noch leisten, einen Priester negativen Konsequenzen auszusetzen, nur weil der offen bekennt, schwul zu sein?

Wenn ich sehe, wie mit Kollegen umgegangen wird, die ihre Verhältnisse zu Frauen offenbaren, gehe ich schon davon aus, dass die Institution Kirche auch in meinem Fall nicht viel Federlesen machen würde.

Woran würde Anstoß genommen: Dass Sie über Ihre Homosexualität sprechen?

Dass ich mich offen zu meiner Homosexualität bekenne, dass ich dazu stehe.

Homosexuelle Männer dürfen nach offiziell geltender Lehre nicht zu Priestern geweiht werden.
Richtig?

Das ist der Stand der Dinge. Der Papst hat erst vor wenigen Wochen noch einmal die Auffassung vertreten, dass Homosexuelle als Priester eher nicht geeignet sind.

Wie ist es da überhaupt möglich, dass Sie Priester geworden sind?

Weil das Thema damals nie angesprochen worden ist.

Haben Sie Ihre Homosexualität verheimlicht?

Ich habe sie für mich behalten, weil ich befürchtet habe, gar nicht zur Weihe zugelassen zu werden.

Hatten Sie ein schlechtes Gewissen?

Nein.

Fühlen sie sich als Priester wohl in Ihrer Kirche?

Bedingt. In dem, wofür ich stehe, und in meinem Aufgabenbereich fühle ich mich sehr wohl. Was die Institution selbst anbelangt, und angesichts dessen, wie Vertreter dieser Institution mit Menschen verfahren, die meine Veranlagung haben, habe ich schon sehr große Schwierigkeiten. Und ich habe zu wenig Vertrauen in die Bistumsleitung, um mich ihr frank und frei zu offenbaren.

Ist der Bistumsleitung nicht bekannt, dass Sie homosexuell sind?

Doch, die Bistumsleitung weiß das.

Ist es unter Ihren Amtsbrüdern bekannt, dass Sie homosexuell sind?

Davon gehe ich aus. Auf jeden Fall unter denen, die mich kennen.

Wie sind die Reaktionen: Ablehnung, Distanz, Toleranz, Beistand?

Es ist zumeist die übliche Haltung: „Darüber reden wir nicht.“ Es ist ein Thema, das untereinander nicht angesprochen wird.

Sind Sie enttäuscht, was die Reaktionen Ihrer Mitbrüder angeht, oder sind Sie eher froh über Zeichen der Solidarität?

Solidarität spüre ich nicht. Es ist höchstens distanzierte Freundlichkeit, eher Distanz als Zuspruch.

Der Aachener Generalvikar Andreas Frick hat vor zwei Monaten im Interview mit unserer Zeitung gesagt, ein homosexueller Mann könne nur dann „glaubwürdig Priester sein, wenn er enthaltsam lebt, wenn er sich ganz in die Seelsorge und Verkündigung stellt, ohne sein Schwulsein ständig zu thematisieren“. Was sagen Sie dazu?

Das Ende dieser Aussage ist absurd. Welcher Priester macht ständig zum Thema, dass er schwul ist? Wir werden von anderen zum Thema gemacht – zuletzt besonders durch den Missbrauchsskandal. Da werden schwule Priester mit sogenannten Seilschaften in Verbindung gebracht. Die mag es ja geben – aber in welchen Kreisen? Die sind meistens in den konservativen Kreisen zu Hause. Es gibt sehr konservative Priester, die von der Kanzel gegen Schwule wettern und abends in der Schwulenszene zu finden sind.

Gibt es gar keine positive Tendenz?

Doch, es ist positiv, dass jetzt über Homosexualität in der Kirche diskutiert wird. Denken Sie nur an die jüngsten Aussagen des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck oder vom Regens des Paderborner Priesterseminars, Michael Menke-Peitzmeyer. Homosexuelle haben schon in den 60er Jahren begonnen, für ihre Rechte zu kämpfen. Aber es gibt noch immer diesen Nonsens, dass eine sexuelle Orientierung zum Kriterium gemacht wird, ob jemand fähig ist, einen bestimmten Beruf auszuüben.

Die katholische Kirche erwartet von ihren homosexuellen Priestern zumindest, dass sie enthaltsam leben. Die im September veröffentlichte Missbrauchsstudie sagt, dass die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse – der Zwang, enthaltsam zu leben – eine Ursache für Missbrauch sein kann.

Das halte ich für durchaus plausibel. Der Zölibat ist dem Priesteramt theologisch nicht wesenseigen; lesen Sie mal den Brief des Apostels Paulus an Titus (1,5-9). Der Zölibat ist zudem nach wie vor der Hauptgrund, warum Priester aus dem Dienst scheiden. Die zölibatäre Lebensweise wird zwangsweise auferlegt; sie ist geschichtlich gewachsen und war ursprünglich die Lebensform von in Gemeinschaft lebenden Mönchen. Häufig setzen sich Priesteramtskandidaten mit ihrer eigenen Sexualität nicht auseinander. Ich habe an mehreren Orten Theologie studiert, das Thema Sexualität wurde nie ausgiebig behandelt. Wenn Homosexualität in der katholischen Kirche – auch hier im Bistum – überhaupt Thema wird, spricht man immer nur über homosexuelle Mitbrüder, aber nicht mit ihnen. Mut, über sich selbst zu sprechen, wird nicht gemacht.

Man möchte am liebsten gar nicht darüber sprechen.

So ist es.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller fordert „tabuloses, ehrliches Sprechen über Homosexualität“ und sagt: „Es gibt immer noch die Norm in der Ordnung für die Priesterausbildung, dass homosexuelle Priesteramtskandidaten nicht zur Weihe zugelassen werden dürfen. Was machen sie also? Sie versuchen in den fünf Jahren im Seminar alles, um ihre Orientierung zu kaschieren. So ist ein natürlicher Zugang zur eigenen Sexualität gar nicht möglich.“

Deshalb wird Herr Schüller kirchenintern von einigen auch als Nestbeschmutzer beschimpft. Aber er hat nun mal Recht.

Gibt es noch Repräsentanten der katholischen Kirche, die Homosexualität als krankhafte Störung sehen, die behandelt werden müsse?

Die gibt es noch. Und von bestimmten Kreisen werden die auch noch ernst genommen.

Gilt in der katholischen Kirche noch die von der vatikanischen Glaubenskongregation formulierte Lehre, „dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind“, dass alle homosexuell veranlagten Menschen „zur Keuschheit berufen sind“ und homosexuelle Handlungen „in keinem Fall“ zu billigen sind?

Das gilt immer noch – sicherlich. Das ist die offizielle Morallehre; das steht im Katechismus.

Würde ein Vertreter der katholischen Kirche, der das öffentlich so propagiert, ernst genommen?

Es wäre schön, wenn er nicht ernst genommen würde; aber ich habe Zweifel, dass es so wäre. Weite Teile unserer Gesellschaft sind in diesen Fragen konservativer, als man denkt. In rechtsradikalen Kreisen, die leider stärker geworden sind, gibt es eine liberale Haltung gegenüber Homosexuellen erst recht nicht. Und von denen gibt es wiederum auch direkte Verbindungen zu bestimmten kirchlichen Milieus.

Respekt und Toleranz haben zwar zugenommen, aber die gesellschaftliche Haltung zur Homosexualität ist noch nicht lange so liberal wie heute. Auf keinen Fall hat die Kirche diesen Wandel offiziell mitvollzogen. Die Äußerungen des Papstes dazu sind zudem widersprüchlich.

Das macht es so schwierig, Vertrauen zu gewinnen. Mit dem Thema wird nach wie vor nicht offen umgegangen.

Häufig wird – auch und gerade von Insidern – die Behauptung aufgestellt, das katholische Priesteramt ziehe Schwule geradezu an.

Eine bestimmte Ästhetik, die Liturgie-Sprache, das äußerliche Gepränge in der katholischen Kirche sprechen manche Schwule an. Und man kann dahinter die eigene Veranlagung wunderbar verbergen.

Wie viel Prozent der Priester im Bistum Aachen sind homosexuell?

Darüber will ich nicht spekulieren. Kenner der Szene gehen von mindestens 25 Prozent aus; das gilt generell, also nicht nur fürs Bistum Aachen. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, zumal viele sich ja gar nicht zu erkennen geben. Viele haben Angst davor; das ist wie im Fußball. Welcher Sportler lässt sich schon zum Outing hinreißen?

Wie geht die Bistumsspitze mit dem Thema um?

Nicht darüber sprechen. Das ist wie bei Priestern, die Kinder haben, die in Verhältnissen mit Frauen leben. Es wird nicht thematisiert. Man will von diesem Thema einfach nichts hören und nichts wissen.

Schweigen, Nicht-wissen-wollen – wie lange kann sich die katholische Kirche das noch leisten?

Solange es ihr finanziell so gut geht wie in Deutschland, leistet sie sich das. Aber sie verrät dabei natürlich ihre Berufung. Erste Bischöfe gehen in die Offensive und plädieren dafür, Homosexualität nicht länger zu tabuisieren; aber das ist eine kleine Minderheit.

Warum diese Angst, diese Scheu? Warum hat die katholische Kirche überhaupt ein derart großes Problem mit Homosexualität?

Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Die katholische Kirche hat ein grundsätzliches Problem, mit Leiblichkeit umzugehen.

Die katholische Kirche steht in einem Zwiespalt zwischen ihrer Überlieferung und dem tradierten Verständnis der Schöpfungsordnung (Mann und Frau) auf der einen Seite und der Einsicht, dass sie Homosexualität nicht länger diskreditieren darf, auf der anderen Seite. Wie kommt sie da raus? Will sie das überhaupt? Kann sie es?

Das Dilemma unserer Kirche ist ihre 2000-jährige Tradition. Ich halte mich für einen grundkonservativen Mann. Aber konservativ heißt für mich, das Überlieferte adäquat zu übersetzen und weiterzugeben.

Papst Franziskus überlässt die Fragen des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene oder für konfessionsverschiedene Ehepartner den Ortskirchen. Das könnte er in dieser Frage auch tun. Haben Sie da Hoffnung?

Es ist die Frage, ob er es den Ortskirchen wirklich überlässt. Dass er keine konkrete Anweisung gegeben hat, ist ein Hoffnungsschimmer.

Macht Franziskus Ihnen Hoffnung?

Ich möchte ihn erst mal von seinem Sockel holen und als Menschen mit seiner Zwiespältigkeit wahrnehmen. Ich respektiere ihn. Und, ja, ich hoffe. Ich bin froh, dass es Franziskus gibt, aber ich bin auch skeptisch, weil ich mich frage, was nach ihm kommt. Er sorgt für frischen Wind. Er sorgt dafür, dass überkommene Tabus angesprochen werden. Wenn wir unsere Kirche als sündige Kirche begreifen, wäre das schon mal ein erster wichtiger Schritt.

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