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Diskussionsabend im Medienhaus Aachen zum Hambacher Forst

Diskussionsabend im Medienhaus Aachen : Hambacher Forst: Die beiden Lager kommen ins Gespräch

Als die Veranstaltung beginnt, wissen die beiden Männer nichts voneinander. Eine Zufallskonstellation. Professor Dr. Helmut Alt und Kay Neumann sitzen nebeneinander, aber sie kennen sich nicht. Das wird sich im Laufe der nächsten Stunden etwas ändern, als es um den Hambacher Forst und den Umgang mit der Braunkohle geht.

Das Thema füllt hunderte Zeitungsspalten, Leserbriefseiten und digitale Briefkästen. Vermutlich gibt es derzeit kein anderes Thema, das die Region und damit naturgemäß auch die Tageszeitungen so bewegt. Das war der Anlass für die Redaktion mit Lesern und damit natürlich auch mit Kritikern ins Gespräch zu kommen.

An Reaktionen mangelt es ohnehin nicht, Online-Chefin Nina Leßenich machte vorab einen klitzekleinen Exkurs in die Zuschriften. Die Berichterstattung wird mal als „tendenziös, einseitig, plump, disqualifiziert“, mal als „unerträglich oder kriminell“ empfunden. Fast immer ruft sie Emotionen aus, und das ist dann auch der Soundtrack für die lebhafte zweistündige Diskussion im Medienhaus.

Der Anpfiff ist noch nicht verklungen, da springt gleich ein RWE-Mitarbeiter in der ersten Reihe auf, um Bilder von Polizisten, die mit Fäkalien im Forst überkübelt wurde, im Publikum zu verteilen. Wenn es dann noch Restzweifel gegeben hat, dass es ein sehr munterer Abend wird, sind die gleich verflogen. Auch für die Moderatoren Thomas Thelen und Amien Idries, Chefredakteur und stellvertretender Chefredakteur, ist das durchaus eine herausfordernde Aufgabe.

Der große Konflikt in der Region spiegelt sich auch an diesem Abend schnell wieder. „Das Grundproblem ist, dass alle Seiten Recht haben. RWE setzt geltendes Recht um, die Polizei hat Recht, weil sie rechtswidrige Zustände beenden will, die Umweltschützen haben Recht, weil sie sich dafür einsetzen, dass wir uns so schnell wie möglich vom Klimakiller Braunkohle verabschieden“, hatte Reporter Marlon Gego , der seit vielen Jahren über das Braunkohlerevier für diese Zeitung berichtet, schon eingeordnet.

Weil das so ist, kommt der Vorwurf der einseitigen Berichterstattung von allen Seiten, was fast ein Lob für einen Journalisten ist. „Ich staune, wie ein und derselbe Artikel ganz unterschiedlich gelesen und interpretiert wird“, sagt ein Zuhörer. Mal gibt es Beifall aus der einen, mal aus der anderen Ecke. Kay Neumann zum Beispiel nennt sich „Aktivist“, er ist bei der Räumung und der Ende-Gelände-Aktion vor ein paar Wochen im Forst gewesen. Er will den schnellen Ausstieg aus der Braunkohle. Sein Nebenmann, Helmut Alt, dagegen ist ein ausgewiesener Skeptiker der Energiewende, der mehr „Faktenwissen“ einfordert.

Es ist eine ungewöhnliche Veranstaltung, bei der sich viele Zuhörer zu Wort melden. Mal sind es persönliche Statement, mal gibt es ein Kompliment für eine fundierte Berichterstattung, mal Fragen an die Redaktion. Es gibt in diesem Kontext vermutlich keine einfachen, aber auch keine richtigen Antworten. „Ich würde mir mehr Unaufgeregtheit auch in den Artikeln wünschen“, sagt eine Leserin. Die Lager werden sich nicht einig an diesem Abend, das war auch nicht zu erwarten. Die eine Gruppe sorgt sich um Energiesicherheit und Arbeitsplätze, die andere um das Weltklima. Aber immerhin, man sitzt beisammen und hört sich zu.

Als die Veranstaltung offiziell schon zu Ende ist, geht sie inoffiziell weiter. Chefredakteur Thelen bedankt sich am Ende ausdrücklich  und sagt: „Trotz aller Emotionen ist es uns gelungen, weitestgehend vernünftig miteinander ins Gespräch zu kommen. Das war die Idee. Dafür herzlichen Dank!“

Kay Neumann und Helmut Alt tauschen am Ende ihre E-Mailadressen aus.