Aachen: Dierk Raabe: Kritischer Begleiter der RWTH Aachen

Aachen: Dierk Raabe: Kritischer Begleiter der RWTH Aachen

Er ist seiner Hochschule immer treu verbunden geblieben. Dierk Raabe hat an der RWTH Aachen Metallkunde und Metallphysik studiert, heute ist der 48-jährige Professor Direktor des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung in Düsseldorf und vor allem Vorsitzender Hochschulrats der RWTH, also eine Art Aufsichtsrat der Universität, an der heute die Vorlesungen des neuen Wintersemesters mit mehr als 7000 Erstsemestern beginnen.

Welches Bild haben Sie von der RWTH zu Beginn des Wintersemesters 2014/2015?

Raabe: Aachen sehe ich als führende technische Hochschule, nicht nur in Deutschland sondern durchaus in Europa, mit einem sehr starken Akzent auf der Ingenieurwissenschaft und mit einer international sehr anerkannten Expertise in der Kooperation mit der Industrie. Im Konzert der internationalen technischen Top-Universitäten reicht unter anderem die Zahl der Professoren noch nicht für die Spitze. Ich halte eine stärkere Synergie zwischen den Ingenieurwissenschaften und der Mathematik und den Naturwissenschaften, aber auch den Geisteswissenschaften für notwendig. Top-Leistungen in den Ingenieurwissenschaften entstehen nicht nur durch Ingenieure allein — ich darf das sagen, weil ich selber einer bin. Im Profil der Aachener, welches in der Anerkennung der Industrie extrem stark ist, ist die Ausbildung der jungen Leute ein entscheidendes Merkmal. Die ist sehr gut, besser noch als in mancher anderen Hochschule, die in den Rankings weiter oben stehen. Aber ich kann mir eben auch noch eine weitere Entwicklung vorstellen.

Wie würde diese Entwicklung aussehen? Wie lassen sich im Sinne der angesprochenen Synergien beispielsweise die Geisteswissenschaften stärker einbinden?

Raabe: Ich habe keinen fertigen Plan, bin nicht die Exekutive, nur ein kritischer Begleiter. Die Geisteswissenschaften sind in Aachen schnell in aller Munde. Aber wenn die Geisteswissenschaften nicht sichtbar genug sind, dann ist es zunächst einmal die Aufgabe der Geisteswissenschaften mit ihren Professoren, Dozenten und Studierenden, das auch zu ändern. Es ist sozusagen nicht immer alles der Maschinenbau schuld. Jeder muss seine Stärken zunächst auch aus sich selbst heraus entsprechend entwickeln, zeigen und in Synergien einbringen.

Aber was können — bleiben wir bei dem Beispiel — die Geisteswissenschaften der RWTH bringen?

Raabe: Die angesprochenen Synergien liegen in den ganz handfesten handwerklichen Fähigkeiten, die in der Industrie erwartet werden, und dann stärkeren Kenntnissen beispielsweise der juristischen Zusammenhänge, Kenntnisse betriebswirtschaftlicher Zusammenhänge, aber auch in der Kommunikation. Wir wissen alle: Einer, der gut rechnen kann und Probleme akademischer Natur löst, der wird nicht automatisch auch ein guter Unternehmensführer und ist oft auch nicht notwendigerweise schon ein geborener Kommunikator. Professionelle Kommunikation ist in jedem Beruf wichtig. Das ist bei Ihrer Zeitung nicht anders als in einem Forschungslabor oder in einer großen Firma. Eine stärkere Einbindung der Geisteswissenschaften in diesem Sinne kann ich mir gut vorstellen. Wobei ich allerdings kein Freund davon bin, immer noch mehr zu verlangen, noch ein Brikett aufzulegen. Das Studium zu sehr zu überfrachten, ist auch nicht sinnvoll. Gerade vor dem veränderten Portfolio im Bachelor- und Masterbereich ist es leicht gesagt, dass die jungen Leute noch 20 Scheine mehr machen sollen, doch das muss immer sehr klug überlegt sein.

Sie haben die RWTH als Student kennengelernt, nun sind Sie Hochschulrat, und nicht nur durch die Umstellung auf Bachelor und Master ist vieles anders geworden. Wie hat sich Ihre Universität verändert?

Raabe: Einige der Konstanten sind gleich geblieben, die schon meiner Generation Studenten sehr wichtig waren: eine sehr überschaubare, lebensbejahende, fröhliche Stadt mit einer sehr dichten Studentenszene, sehr kompakt, so dass man alles zu Fuß oder mit dem Rad machen kann. Dann gab es immer schon und gibt es weiterhin einige sehr starke Institute mit starker Forschungsausstrahlung wie auch starker Industriesichtbarkeit. Das sehe ich als riesigen Wettbewerbsvorteil vor allem für die jungen Leute, deren Weg anschließend in die Industrie führt. Diesen Transfer von der Wissenschaft in die Industrie können sie hier von der Pike auf und am lebenden Objekt lernen. Was sich positiv verändert hat ist, dass die RWTH kompetitiver geworden ist, sich also im internationalen Wettbewerb besser behaupten kann. Der Takt hat sich beschleunigt, und die Wahrnehmung, dass sich alle Akteure der Hochschule in einem internationalen hochkompetitiven Umfeld befinden, hat sich verstärkt. Das sehe ich positiv für diejenigen, die ehrgeizig sind und an eine ehrgeizige Hochschule gehen wollen. Das ist durch die Exzellenzinitiative sehr befördert worden.

Stimmen die Rahmenbedingungen für den internationalen Wettbewerb?

Raabe: Die Rahmenbedingungen für eine Hochschule sind niemals ausreichend. Wenn ich das Beste für die Studierenden und die Mitarbeiter der Hochschulen will, kann und muss man immer mehr tun. Nur muss man andererseits sagen, dass die Vergleiche, etwa mit den US-amerikanischen Elite-Universitäten hinken.

Warum?

Raabe: Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Die Elite-Hochschulen in den USA, aber auch Oxford und Cambridge, basieren auf enormen Stiftungsgeldern, von denen wir Lichtjahre entfernt sind. Damit können wir uns nicht vergleichen. Insofern ist dies kein Modell für Deutschland. Das führt dazu, dass wir es in bestimmten Rankings nicht in die Top 50 schaffen, aber das sehe ich relaxter, als so manches Ranking es wiedergibt. Klar hätten wir alle gerne jedes Jahr einen Nobelpreisträger an der RWTH für die internationale Sichtbarkeit, aber im Sinne der typischen und überaus erfolgreichen Wertschöpfungsketten in diesem Land ist es doch auch sehr wichtig, dass technologisches Wissen auf höchstem Niveau an möglichst viele Köpfe vermittelt wird, damit wir weiterhin eine stabile und wettbewerbsfähige Wirtschaft mit einem starken Exportanteil haben. Dieser Zyklus zwischen Forschung und Wirtschaft ist bei uns in Deutschland durchaus gesund. Wir dürfen aus Rankings somit nicht auf die Wettbewerbsfähigkeit unserer Universitäten in allen Richtungen rückschließen. Wir sind wettbewerbsfähig. Das zeigt unsere Wirtschaft. Unsere Produkte werden vielfach mehr nachgefragt als diejenigen aus Ländern, deren Unis höher in den Rankings stehen. Wenn wir also diesen Gesamtkontext sehen, bringt es nichts, nur nörgelnd herumzulaufen. Wir müssen anerkennen, dass die Bundesländer viel in die Hochschulen investieren und somit auch wichtige Voraussetzungen für unsere Wirtschaft schaffen.

Nun gibt es in NRW aber ein neues Gesetz, dass in den Rektoraten für wenig Begeisterung sorgt…

Raabe: Wir haben in NRW das Problem, dass wir sehr viele Hochschulen haben. Das hat viel Positives, weil viele junge Leute an die Hochschulen kommen, aber das macht es schwer, die absolute Spitze zu stärken. Da sehe ich die Chance der Kooperation mit einigen sehr guten Modellen wie der JARA-Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich, mit Fachhochschulen, mit der Fraunhofer- und der Max-Planck-Gesellschaft bis hinein ins Rhein-Ruhr-Gebiet. Hier lassen sich innerhalb von anderthalb Autostunden äußerst starke und international sichtbare Verbünde bilden — und das entspricht gerade einmal einer Fahrt von einem bis zum anderen Ende Münchens oder Berlins. Wir haben hier vor Ort in NRW eine extreme Dichte mit hervorragender Ausrüstung, die absolute Spitzenleistungen genauso wie Breitenausbildung durchaus gleichermaßen möglich machen. Hier ist weiteres Wachstum möglich und wünschenswert. Aber wir dürfen unseren Unterbau nicht vergessen, also, dass wir der Gesellschaft nicht nur Nobelpreisträger sondern viele sehr gut ausgebildete junge Leute bringen sollen. Ich bin daher immer ein bisschen vorsichtig zu sagen: Das ist alles das Land schuld!

Was denken Sie dann über das jüngst beschlossene Hochschulzukunftsgesetz?

Raabe: Natürlich werden in anderen Bundesländern die Hochschulen mehr geliebt. Es ist ein bisschen traurig, dass man im Rahmen des neuen Hochschulgesetzes — über das ich mich jetzt aber nicht beschweren will, da wir im Vorfeld als Hochschulräte in NRW bereits Stellung bezogen haben — gemerkt hat, dass die Grundierung des Gesetzes ein bisschen mehr aus dem Misstrauen heraus geboren wurde, als aus der Wertschätzung dessen, was die Hochschulen erreicht haben: beispielsweise diese enorm starken Leistungen der Hochschulen bei der Bewältigung der hohen Studierendenzahlen. Das haben die Hochschulen hervorragend hinbekommen. Nach den letzten zehn Jahren — in denen in Aachen sehr gut gearbeitet wurde — hätte ich mir mehr Zutrauen des Landes in die Hochschulen gewünscht und auch — wie im echten Leben — einmal Schulterklopfen vom Land vorstellen können und nicht nur Misstrauen. Das fand ich nicht so schön. Es mögen die Mittel für die größeren Jahrgänge zu Verfügung gestellt worden sein, aber ein bisschen mehr emotionale Bindung zu einer technischen Spitzenhochschule in einem Land, das auf Technologie und Industrie aufbaut, wäre sehr wünschenswert gewesen. Es ist nicht immer alles Geld. Das ist wie bei einem Mitarbeiter in einem Team: Ich muss auch emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit gewähren.

Hätte es das Gesetz überhaupt gebraucht?

Raabe: Ich bin kein Politiker. Wenn es ein neues Gesetz gibt, dann sollte es unbedingt immer einen Mehrwert haben und bürokratischen Aufwand verringern und nicht erhöhen. Diesen Mehrwert erkenne ich nicht.

Was kann der Hochschulrat dabei für seine Hochschule tun?

Raabe: Kritisch sein. Aber nicht in der Art, dass man alles besser weiß — das ist nicht meine Art. Ich werde erst zuhören, um dann Ratschläge geben zu können und dabei den Fingerabdruck der Hochschule im Blick haben. Kurze, schnelle Schüsse bringen in einem so komplexen System wie der Hochschule nichts. Ich verfolge mit Spannung den Campus, sehe dort hervorragende Ansätze, einen neuen Muskel der Hochschule, den ich gut und mutig finde. Aber wir müssen der Industrie auch immer einen Schritt voraus sein, sonst werden wir zur bloßen Werkbank der Industrie. Und dabei sehe ich auch die Rolle der angesprochenen Einbindung der Mathematik und der Naturwissenschaften wie auch der Geisteswissenschaften. Man darf also auch die anderen Muskeln nicht vergessen!

Würden Sie heute wieder an der RWTH studieren wollen?

Raabe: Gute Frage, weil die Frage nach dem richtigen Studium sich gerade auch bei meinen Kindern stellt. Plötzlich beschäftigt man sich wieder damit — und dies nicht allein rhetorisch sondern ganz praktisch. Ich würde jemanden mit hohem Interesse an technischen Fächern und technisch ausgerichteten Naturwissenschaften mit einem Interesse für die Anwendung und die Industrie sofort sagen: Geh‘ nach Aachen! Ich würde sehr ehrgeizigen jungen Zeitgenossen durchaus empfehlen, es auch einmal bei einer kompetitiven Hochschule wie der ETH Zürich, Cambridge oder Oxford oder auch einer amerikanischen Hochschule zu versuchen, wo man dann natürlich versuchen muss, ein Stipendium zu ergattern, um nicht die 50 000 Dollar im Jahr zahlen zu müssen. Warum sollte man nicht die Konkurrenz ausprobieren? Das kann ja durchaus auch zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.