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Die Wölfin am Niederrhein und der verunsicherte Mensch

Jägerin schießt Foto : Die Wölfin am Niederrhein und der verunsicherte Mensch

Jägerin Sabine Baschke aus Wesel hat in Hünxe am Samstag einen Wolf fotografiert. Es könnte das erste Bild von Gloria sein, deren Nachweis zur Ausschreibung des Kreises Wesel als Wolfsgebiet geführt hat. Vielleicht zeigt es aber sogar ein zweites Tier.

Die 45-Jährige nahm an einer Drückjagd auf Schwarz- und Rotwild nahe dem Flugplatz Schwarze Heide in Hünxe teil. Sie saß allein auf einer Ansitzleiter. Als der Wolf langsam 30 Meter von ihr entfernt durch den Wald zog, habe sie ein mulmiges Gefühl beschlichen. „Damit rechnet man ja nicht.“ Ob es sich bei dem Tier um besagte Wölfin Gloria handelt, steht noch nicht fest. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) will die Aufnahme verifizieren lassen.

In Hünxe gehen unterdessen offenbar viele davon aus, dass außer der nachgewiesenen Schermbecker Wölfin noch ein weiteres Tier in dem Gebiet unterwegs ist. Ulrich Vennmann, stellvertretender Leiter des Hegerings Hünxe, berichtet, dass verstärkt ein kräftiger Rüde gesehen worden sei. Er glaubt, dass es sich um einen an Menschen gewöhnten Wolf handelt, der ausgesetzt worden sein könnte.

Eine trächtige Wölfin?

Zu den Spekulationen um einen männlichen Wolf in der Nachbarschaft des Weibchens gehören auch Mutmaßungen zum Leibesumfang der vermutlich erstmals fotografierten Wölfin. Sie wird als gut genährt beschrieben – oder eben als trächtig. Dass die Schermbecker Wölfin derart sichtbar Nachwuchs erwarten soll, hält Lanuv-Experte Matthias Kaiser allerdings für vollkommen abwegig. Die Paarungszeit habe gerade erst begonnen, mit Jungen sei erst im Mai zu rechnen, sagt er.

Nachweise über die Wölfin gibt es reichlich. „Über alle Nachweise hinweg zeigt sich, dass sich die Wölfin in diesem Bereich irgendwo aufhält. Wo genau, das wissen wir nicht“, sagt Artenschutzexperte beim Landesumweltamt, Matthias Kaiser.

Vor Ort schwingt in kontroversen Diskussionen oft diese „Was-wäre-Wenn-Frage“ mit. Auch im Schermbecker Ortsteil Gahlen. Auf seiner Internet-Seite hat das Gahlener Bürgerforum eine eigene „Wolfs-Karte“ erstellt mit angeblichen Wolfs-Sichtungen, vereinzelt auch mitten im Ort – also dort, wo ein normaler, menschenscheuer Wolf nicht sein dürfte.

„Gegen 22 Uhr parkte ich mein Auto im Carport. Als ich hinter meinem Auto stand, glaubte ich, den Hund unseres Nachbarn zu sehen“, heißt es in einer Schilderung auf der Seite. Später gab es für den Schreiber keinen Zweifel: Das war ein Wolf. „Die Sichtungen im Bereich der Bebauung führen nicht gerade dazu, dass die Leute weiterhin Vertrauen in die Aussagen von Fachleuten haben“, sagt Gemeindesprecher Herbert Tekaat – nämlich, dass der Wolf den Menschen meide.

Beim Landesumweltamt sieht man Eigeninitiativen wie in Gahlen kritisch: „Es hat keinen Zweck, wenn die Leute anfangen, selber Daten sammeln, die für sich behalten, um die dann irgendwie auszuwerten“, mahnt der Artenschutz-Experte beim Landesumweltamt, Matthias Kaiser. Die Hinweise müssten nach festgelegten Standards und mit Expertenwissen ausgewertet werden. Alles andere schüre doch nur die Unsicherheit der Menschen vor Ort. Die Gahlener verweisen auf ihrer Wolfs-Seite jetzt auch auf das Landesumweltamt.

Mensch und Wolf – dass das eine schwierige Beziehung werden würde, das hatte sich auch der Landrat des Kreises Wesel schon früh gedacht. Die Kennung für die Wölfin GW 954 fand Ansgar Müller (SPD) gar nicht förderlich für die Akzeptanz. „Unserer neuen Kreisbewohnerin gebe ich den Namen Gloria von Wesel“, verkündete er. Im Hünxener Rathaus hängt noch das 200 Meter lange Wolfsnetz, mit dem die Leute bis ins 19. Jahrhundert hinein Jagd auf Wölfe gemacht haben. Jetzt ist der Wolf zwar wieder da, aber alles ist anders: Er steht unter Artenschutz.

Klaus Stratenwerth sieht, wie die Wölfin in Hünxe polarisiert und wundert sich, welche Wellen die Rückkehr schlägt: Zu den beiden Bürgerversammlungen des Landesumweltamts im Kreis Wesel waren mehr als 600 Leute gekommen. Es kamen vor allem Tierhalter, die wissen wollten, welche Unterstützung sie vom Land für die Schutzmaßnahmen bekommen.

Aber der Allgemeine Stellvertreter des Bürgermeisters Stratenwerth hat auch die Fragen verunsicherter Nicht-Tierhalter gehört: Wer weiß schon, dass man bei einer Begegnung mit dem Wolf im Wald nicht laut schreiend wegrennen sollte. Eltern fragen sich, ob ihre Kinder morgens allein an der Bushaltestelle stehen sollten. Und wie reagiert die Wölfin auf einen Hund im Wald? „Man weiß nicht mehr, wie man mit einem solchen Wildtier umgehen soll“, bringt Stratenwerth die Unsicherheit der Menschen auf den Punkt.

(dpa)