Loverboy-Prozess: Die verliebten Frauen und der Zuhälter

Loverboy-Prozess : Die verliebten Frauen und der Zuhälter

Janina K. war nur eine der Frauen, die ein bisschen in Jens B. verliebt waren, im Aachener Nachtleben gab es damals viele, die für ihn schwärmten. Groß, bärtig, sein Kreuz war im Fitnessstudio breit geworden, sein Körper großflächig tätowiert, manchmal charmant und zuvorkommend, manchmal abweisend und herrisch, ein Macho, wie man ihn kaum besser erfinden kann.

Als dieser Jens B. ausgerechnet Janina K. über Facebook anschrieb, war es in kurzer Zeit um sie geschehen. Chats, Telefonate, Treffen, Sex, und als Jens B. der damals 22 Jahre alten Janina K. vorschlug, sich zu prostituieren, hat sie nicht lange überlegt. Das Geld, das sie verdiente, Tausende, Zehntausende Euro, überließ sie wie selbstverständlich Jens B., jedenfalls den größten Teil. Sie dachte, sie hätten eine gemeinsame Zukunft.

Eine der besten Ermittlerinnen des Landes: Oberstaatsanwältin Jutta Breuer, Leiterin der Abteilung Organisierte Kriminalität bei der Staatsanwaltschaft Aachen. Foto: Harald Krömer

Seit Ende März läuft am Aachener Landgericht ein Prozess gegen zwei Männer aus Herzogenrath, Jens B. (28) und Kevin P. (31). Die Aachener Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem Zuhälterei, Körperverletzung, Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung und räuberische Erpressung vor. Der Prozess hätte vermutlich niemals stattgefunden, wenn nicht einige junge Frauen Jens B. bei der Polizei angezeigt hätten. Wenn man liest und hört, was die Frauen damals aussagten, bekommt man schnell den Eindruck, dass Jens B. sie mehr oder weniger offensichtlich dazu genötigt hätte, sich für ihn zu prostituieren.

Freiwillig oder unfreiwillig?

Vor Gericht allerdings hörten sich die Aussagen derselben Zeuginnen etwas anders an. Janina K. (29) erklärte gleich im zweiten Satz ihrer Aussage, dass Jens B. sie in keiner Weise gezwungen habe, anschaffen zu gehen. Franziska L. (25) nickte, als das Gericht sie fragte, ob sie sich freiwillig prostituiert habe. Laura S. (23) sagte zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus; doch irgendwann drang aus dem Gerichtssaal, dass auch sie womöglich nicht zur Prostitution gezwungen worden war.

Vor ein paar Tagen dann sagte Lena R. (22) aus, auch sie hatte Anzeige erstattet.

Jens B. hatte Lena R. angeschrieben, als sie 17 war, die Kontaktaufnahme und die ersten Monate waren so ähnlich verlaufen wie damals bei Janina K. Jens B. hatte dem Gericht erklärt, dass Lena R. so großen Spaß an Sex, auch am Gruppensex gehabt habe, dass es nahegelegen habe, sie zu fragen, ob sie mit dieser Neigung nicht auch Geld verdienen wolle. Sie wollte.

Die Orgie in Kohlscheid

Nach Lena R.s Darstellung begann sie sich nur deswegen zu prostituieren, weil sie zum einen wenig Geld hatte und zum anderen die Beziehung zu Jens B. aufrecht erhalten wollte, unbedingt. Obwohl sie ihn nur selten sah, obwohl er sie schlug, wie sie sagte. Lena R. ahnte, dass die Beziehung nur so lange halten würde, wie sie für ihn arbeiten ging, sie sagte: „Ich bin anschaffen gegangen, um Jens nicht zu verlieren.“ Auch andere mutmaßliche Opfer von Jens B. hatten über eine emotionalen Abhängigkeit von ihm berichtet. Dies auszunutzen, bezeichnet man als „Loverboy-Methode“.

„Was war nun mit dem Gruppensex?“, wollte Oberstaatsanwältin Jutta Breuer noch wissen, und ahnte nicht, dass der Prozess nun eine weitere Wendung nehmen würde.

Jutta Breuer gehört zu den besten Ermittlerinnen des ganzen Landes, eine frühere Vorgesetzte sagt, „Breuer fürchtet weder Tod noch Teufel“. Sie vergisst keine Namen, sie kennt Inhalte unzähliger Ermittlungsakten und ist wie nur wenige Menschen in der Lage, Verbindungen zwischen Tätern und Taten herzustellen. Auch wegen dieser Fähigkeit leitet sie bei der Aachener Staatsanwaltschaft die Abteilung für Organisierte Kriminalität.

Wenn Breuer, Jahrgang 1966, in Prozessen die Anklage führt, wirkt es oft so, als würde sie sich für jedes noch so kleine Detail und für jeden Namen interessieren. Je mehr sie weiß, desto besser kann sie ermitteln. Und deswegen frage Breuer Lena R. auch nach dem Gruppensex, von dem Jens B. zuvor berichtet hatte.

Lena R. erklärte, in einer Sporthalle in Herzogenrath-Kohlscheid seien auf Vorschlag von Jens B. zehn bis zwölf Männer über sie hergefallen, obwohl sie das nicht gewollt habe. Das klang nach einer regelrechten Gruppenvergewaltigung, Breuer machte sich eifrig Notizen.

Auftritt Zeuge Marc G. (32), ein Freund der beiden Angeklagten. Am Dienstrechner der Gerichtsschreiberin loggte sich Marc G. vor den Augen der fünf Richter in sein Facebook-Konto ein und scrollte weit herunter bis zu einem Chat, der kurz nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung stattgefunden hatte. Chatteilnehmer: Marc G. und Lena R. In diesem Chat beschwerte sich Lena R. darüber, dass nur drei der in der Sporthalle Anwesenden eine Erektion zustande gebracht hätten, dass sie enttäuscht sei und dass man diese Orgie dringend wiederholen müsse.

Zu einer anderen Gelegenheit, sagte Marc G., sei Lena R. ihm in einem Aachener Szenelokal den ganzen Abend hinterhergelaufen und habe ihn dazu gedrängt, einige seiner Freunde zu überreden, einen sogenannten Gangbang mit ihr zu veranstalten, also eine Gruppensexorgie mit ihr als einziger Frau.

Was sagt das nun über die Glaubwürdigkeit der Zeugin Lena R. aus? Eine der Frauen, mit denen Jens B. es offenbar etwas ernster meinte, war Aylin Z. (24). Ein attraktive Frau, ihr Instagram-Account hat mehr als 5300 Abonnenten. Sie war unter denen, die Anzeige gegen Jens B. erstattet haben, der Vorwurf: Vergewaltigung und Körperverletzung.

Auch Aylin Z. war von Jens B. über Facebook angeschrieben worden, alles wie gehabt, auch sie verliebte sich in ihn, obwohl auch sie die Gerüchte kannte, die über Jens B. kursierten: Hooligan am Tivoli, Rechtsextremist, Zuhälter, Mitglied bei den Bandidos. Als Jens B. sanft versuchte, sie zur Prostitution zu bewegen, sagte sie ihm, sie würde sich umbringen, wenn er sie dazu zwingen würde, sie komme aus einer konservativen türkischen Familie. Das Thema kam nie wieder zur Sprache.

Die mutmaßliche Vergewaltigung

Stattdessen entwickelte sich eine Beziehung zwischen Aylin Z. und Jens B., was ihn allerdings nicht davon abhielt, weiterhin Frauen in Bordellen für sich arbeiten zu lassen. Er sagte Aylin Z., er habe nun einmal nichts anderes gelernt und wolle „nicht wie ein Volldepp morgens um 6 aufstehen, um arbeiten zu gehen“, sagte Z. vor Gericht.

Als Jens B. 2015 wegen gefährlicher Körperverletzung mit Haftbefehl gesucht wurde und aus Aachen floh, unterstützt sie ihn, so gut es ging. Seine Geschäfte mit den Frauen soll unter anderem Kevin P. weitergeführt haben, auch deswegen steht er mit Jens B. vor Gericht. Als B. sich stellte und ins Gefängnis musste, hielt Aylin Z. via Whatsapp Kontakt, und einmal schickte sie ihm auch Nacktfotos von sich.

Als Jens B. Anfang August 2016 aus dem Gefängnis entlassen wurde, soll es am selben Abend zu einer Vergewaltigung gekommen sein, so schilderte es Aylin Z. später der Polizei. Als sie vor einigen Wochen dazu vor Gericht befragt wurde, kam heraus, dass Aylin Z. einige Tage vor B.s Haftentlassung angekündigt hatte, in der ersten Nacht nach der Haftentlassung werde Jens B. die Nacht seines Lebens mit ihr verbringen. Einem anderen Zeugen soll sie gesagt haben, sie werde Jens B. „totbumsen“, wenn er aus der Haft entlassen werde. Damit war keinesfalls gemeint, dass sie plante, Jens B. zu töten, im Gegenteil.

Aylin Z. musste Aachen verlassen

All das bedeutet nicht, dass es in dieser Nacht im August 2016 nicht tatsächlich zu einer Vergewaltigung gekommen ist, doch wie glaubhaft ist die Aussage von Aylin Z.? Zumal sie sich während ihrer fünf Tage im Zeugenstand wiederholt widersprach und von Glück sagen kann, dass noch kein Ermittlungsverfahren wegen einer Falschaussage gegen sie eingeleitet wurde.

Die Beziehung von Jens B. und Aylin Z. dauerte über die mutmaßliche Vergewaltigung hinaus an, sie endete erst im Januar 2017, als sie ihn im Auto fragte, ob er HIV-positiv sei. Jens B. rastete ihrer Darstellung nach derart aus, dass er ihren Kopf gegen Lenkrad und Scheibe schlug. Er soll ihrer Familie Aylin Z.s Nacktfotos geschickt haben, soll über befreundete Türsteher wie Kevin P. dafür gesorgt haben, dass sie nicht mehr in Clubs und Diskotheken im Aachener Raum kommt. Aylin Z. lebt mittlerweile in einer anderen Stadt.

Wie der Prozess ausgeht, lässt sich im Moment nicht einmal vermuten, Wahrheit und Unwahrheit liegen sehr oft sehr dicht beieinander, jedenfalls wirkt es so.

Richter Markus Vogt, Vorsitzender der 1. Großen Strafkammer, kämpft mit immenser Geduld und hartnäckigen Fragen einen langen Kampf, das Urteil wird kaum vor Herbst fallen. Oft geht es hinab bis in die Tiefen von Instagram-Kommentaren, Facebook-Likes und einzelnen Whatsapp-Nachrichten, in eine Welt, die Vogt, Jahrgang 1971, eher fremd ist.

Der zweite Angeklagte

Der Angeklagte Kevin P., noch größer, noch breiter und ähnlich stark tätowiert wie Jens B., hat zugegeben, zwei Männer erpresst zu haben, die angeblich seiner Verlobten K.o.-Tropfen verabreicht und sie dann vergewaltigt haben. Doch seine Beteiligung an den Prostitutionsgeschäften von Jens B. war offenbar so gering, dass Richter Vogt Kevin P. aus der Untersuchungshaft entließ. Der vorbestrafte Türsteher, der druckreif sprechen kann und erheblich intelligenter ist, als seine Situation vermuten lässt, bezeichnete Teile der lavierenden, sich in endlosen Details aus Diskussionen in Sozialen Netzwerken verlierenden Zeugenaussagen als „Kinderkacke“.

Richter Vogt musste kurz lächeln und war von dieser pointierten, aber nicht unzutreffenden Zusammenfassung so beeindruckt, dass er Kevin P. während des Prozesses gleich zwei Mal damit zitierte.

Anmerkung der Redaktion: Die Namen sämtlicher Zeuginnen und Zeugen in diesem Text wurden zum Schutz ihrer Identität geändert.