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Amtliche „Detektive“ in der Corona-Fahndung: Die Suche nach Kontaktpersonen wird forciert

Registrierungspflichtiger Inhalt: Amtliche „Detektive“ in der Corona-Fahndung : Die Suche nach Kontaktpersonen wird forciert

Die Gesundheitsämter sollen bundesweit massiv aufgestockt werden. Das ist das Ergebnis einer Telefonkonferenz zwischen dem Bundeskanzleramt und den Staats- und Senatskanzleien der Länder. Der entsprechende Beschluss liegt unserer Zeitung vor.

Man traf sich nicht in Berlin im Kanzleramt, wie man es vielleicht in normalen Zeiten getan hätte, sondern verhielt sich Coronavirus-konform: Helge Braun, der Chef des Bundeskanzleramts und oberste Corona-Krisenbeauftragte der Bundesregierung, und die Chefinnen und Chefs der Staats- und Senatskanzleien aller Bundesländer schlossen sich telefonisch kurz.

Auf der Tagesordnung stand bei dieser Covid-19-Telefonkonferenz am Mittwoch dieser Woche vor allem eine Frage: Was kann, was muss über die bisher verhängten Kontaktverbote hinaus getan werden, um die Ausbreitung des Virus wirksam einzudämmen? Die Antworten sind nach mehreren Krisenwochen nicht wirklich neu: Infektionsketten müssen identifiziert und unterbrochen werden. Und es muss viel mehr getestet werden.

Neu ist allerdings der Beschluss, den Bund und Länder in dieser Telefonkonferenz fassten: Denn landauf, landab sollen nun die Gesundheitsämter in den Kreisen und Kommunen massiv personell verstärkt werden. „Insbesondere für die analoge oder auch digitale Kontaktnachverfolgung („Contact Tracing“) bei bestätigten Covid-19-Patienten und bei der Überwachung getroffener Anordnungen, etwa im Fall der Quarantäne, ist eine personelle Verstärkung dringend notwendig“, heißt es in dem Beschluss, der unserer Zeitung vorliegt.

Ziel müsse es sein, „schrittweise pro 20.000 Einwohner mindestens ein Kontaktnachverfolgungsteam aus fünf Personen kurzfristig in den Einsatz bringen zu können“. Dafür sollen, so heißt es in dem Papier weiter, Mitarbeiter aus anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung als Verstärkung herangezogen, aber auch externe Kräfte eingesetzt werden.

Ausdrücklich erwähnt werden in dem Zusammenhang 11.000 freiwillige Bewerber, die sich vergeblich um Stellen beim Robert Koch-Institut (RKI) beworben haben. Diese werde das Bundesverwaltungsamt bitten, sich stattdessen den zuständigen Gesundheitsämtern zur Verfügung zu stellen. Die Testkapazitäten will man im Übrigen dadurch erhöhen, dass bundesweit auch Testautomaten eingesetzt werden sollen. Und dem zunehmenden Mangel an Laborressourcen soll begegnet werden, indem ab sofort auch Labore der Veterinärmedizin genutzt werden sollen.

In vielen Teilen Deutschlands dürfte dieser Beschluss hektische Betriebsamkeit auslösen. Ein Fünfer-Team pro 20.000 Einwohner, das bedeutet zum Beispiel auf die Städteregion Aachen hochgerechnet rund 25 Teams, also 125 amtliche „Detektive“, die Infektionsketten nachverfolgen und nach Kontaktpersonen „fahnden“. Gerade in der Stadt Aachen und der Städteregion nimmt man jedoch den Beschluss von Bund und Ländern mit großer Gelassenheit auf. Das hängt damit zusammen, dass Nordrhein-Westfalen das von der Pandemie am stärksten betroffene Bundesland ist und hier neben dem bundesweiten Infektions-„Hotspot“ Kreis Heinsberg die Stadt Köln und eben die Städteregion Aachen die am stärksten betroffenen Gebiete sind. Anders gesagt: Was in vielen Ecken Deutschlands noch kommen wird, kennt man hier schon. Und kämpft seit Wochen dagegen.

Wahrscheinlich klingt Monika Gubes Stimme deshalb so, als würde sie nur müde lächeln, als man sie telefonisch zu dem Beschluss von Bund und Ländern befragt. Müde, weil die Leiterin des Gesundheitsamts der Städteregion ebenso wie ihre normalerweise rund 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit Wochen jeden Tag zwölf bis 16 Stunden arbeitet, wie sie sagt. Und lächelnd, weil das für sie in der hiesigen Krisenregion nicht unbedingt etwas Neues ist.

In der Städteregion gibt es an diesem Freitagvormitttag 746 bestätigte Coronafälle, davon 376 in der Stadt Aachen. Elf Menschen sind bisher gestorben. Wie viele Menschen sich in Quarantäne befinden, weiß Monika Gube nicht, und man hat im Gesundheitsamt verständlicherweise gerade Wichtigeres zu tun, als diese Zahl zu ermitteln. Aber sie kann sagen, dass es Tausende sind.

Und Hunderte kümmern sich in ihrem Amt um den Kampf gegen das Coronavirus. 125 Fahnder, die man schrittweise in den Einsatz bringen soll? „Wir haben viel mehr Personal im Einsatz“, sagt die Amtsleiterin und rechnet vor: Mindestens 120 ihrer 140 Kollegen wurden dazu zusammengezogen, weil man alle anderen Arbeiten auf ein absolutes Minimum reduziert hat. Hinzu kamen 188 Mitarbeiter aus allen anderen Verwaltungsbereichen der Stadt Aachen und der Städteregion, die nun in der Kontaktnachverfolgung arbeiten. Und noch einmal 60 Freiwillige mit medizinischen Vorkenntnissen, die im Callcenter tätig sind. Und die Helfer vom Roten Kreuz, von den Maltesern, den Johannitern, die in den Abstrichzentren arbeiten. Und, und, und. „Wir arbeiten schon seit dem 4. März in solch einer Struktur“, sagt Monika Gube. Die hiesige Region ist dem Rest der Republik in dieser Hinsicht weit voraus, weil das Virus hier früher zum Handeln zwang.

1000 Faxe mit Testergebnissen am Tag

Allerdings setzt man nicht auf Fünfer-Teams, sondern hat eine andere Struktur gefunden, die sich bewährt hat. Jeden Morgen werden im Gesundheitsamt die rund 1000 (!) Faxe, die über Nacht eingetrudelt sind, gesichtet. Sie enthalten die aktuellen Testergebnisse. Mittlerweile hat man schon verschiedene Fax-Nummern für positive und negative Tests eingerichtet, um die Arbeit zu vereinfachen. Dann werden Fallnummern vergeben, die Fälle ins System eingegeben und ans RKI übermittelt und an die Sachbearbeiter in Aachen verteilt. Diese greifen dann zum Hörer, informieren die Betroffenen, beraten sie und bitten sie darum, eine Kontaktliste zu erstellen. Die Infizierten sollen auflisten, mit wem sie in den vergangenen 14 Tagen Kontakt hatten. Sind diese Listen da, werden sie von den Mitarbeitern im Callcenter abgearbeitet. Wieder greifen viele Menschen zum Hörer… „In einem einzigen Fall können durchaus mehrere Hundert Telefonate zusammenkommen“, sagt die Amtsleiterin.

Auch die Quarantänemaßnahmen werden telefonisch überwacht. Die Isolierten werden kontaktiert und beraten, sie müssen ein Tagebuch führen und regelmäßig Temperatur messen. Sind sie nach 14 Tagen immer noch vollkommen symptomfrei, wir die Quarantäne aufgehoben. Allerdings ist die Kontrolle, ob die Isolation auch wirklich eingehalten wird, im Alltag schwierig. Schließlich kann man nicht vor jede Wohnungstür einen Wachmann stellen. Monika Gube hat jedoch den Eindruck, dass sich in den Köpfen der meisten Bürger mit zunehmender Krisendauer etwas verändert hat. „Anfangs haben die Leute es nicht so ernst genommen“, erinnert sie sich. „Das ist jetzt anders.“ Den Ernst der Lage haben mittlerweile offenbar die meisten erkannt.

Die Leiterin des Gesundheitsamts würde sich nun nur noch wünschen, dass die Menschen auch (an)erkennen, mit welchem Einsatz sich ihre Kolleginnen und Kollegen gegen den Ernst der Lage stemmen. „Hier steppt seit viereinhalb Wochen der Bär“, sagt sie. Alle Mitarbeiter arbeiteten deutlich über der Belastungsgrenze, seien dennoch hoch motiviert „und müssen sich leider trotzdem von Bürgern beschimpfen lassen“.

Insbesondere die mangelnde Erreichbarkeit des Amts ist den vergangenen Wochen mehrfach kritisiert worden und hat für viel Unmut gesorgt. „In diesem Bereich haben wir gerade noch einmal personell aufgestockt“, sagt Gube und kündigt weiteren Personalbedarf an: „Wir akquirieren weiterhin.“

Aus zwei Gründen: Zum einen steht die maximale Belastung, die große Krankheitswelle, vermutlich noch bevor. „Wir müssen uns breit aufstellen, weil wir das erwarten.“ Und zum anderen will die Chefin, dass ihre Leute in den nächsten Wochen trotz Krise „wenigstens einen Tag in der Woche frei nehmen können“.