Aachen: Die Suche nach dem Higgs-Teilchen begann in Aachen

Aachen: Die Suche nach dem Higgs-Teilchen begann in Aachen

Als „Entdeckung des Jahres“ 2012 feiert das international wichtigste Wissenschaftsmagazin („Science“) die Entdeckung des seit Jahrzehnten gesuchten Higgs-Teilchens im Forschungszentrum Cern.

Was es mit dem Teilchen, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, auf sich hat und wie sehr Aachener Forscher damit zu tun haben, erläutern die maßgeblich beteiligten Professoren Thomas Hebbeker, Michael Krämer und Achim Stahl am Donnerstagabend, 19.30 Uhr, in der öffentlichen „Uni im Rathaus“ Aachen.

Der Leiter des III. Physikalischen Instituts der RWTH, Achim Stahl (50), macht im Gespräch mit Axel Borrenkott neugierig auf die Veranstaltung. Der Eintritt ist frei.

Wurde das Higgs-Teilchen tatsächlich unzweifelhaft entdeckt?

Stahl: Als die Entdeckung im Juli 2012 bekanntgegeben wurde, war klar, dass es ein neues Teilchen war, aber noch nicht sicher, welches. Inzwischen scheint sich aber zu bestätigen, dass es sich um das gesuchte Higgs-Teilchen handelt. Endgültig klar sein wird es zu einer Konferenz im März.

Worin besteht der Aachener Anteil an einem der größten Projekte in der Geschichte der Forschung?

Stahl: Die Suche hat gewissermaßen überhaupt in Aachen angefangen, als sich hier vor 20 Jahren europäische Teilchenphysiker zu einem Workshop getroffen haben. Konkret und maßgeblich beteiligt sind wir an einem der beiden Projekte zur Suche nach dem Higgs-Teilchen, dem CMS-Experiment. Wesentliche Teile dieses Detektors wurden an der RWTH faktisch gebaut; und die jetzt nötige technologische Verbesserung wird hier vorangetrieben. Sodann sind unsere Physikalischen Institute eine Station von etwa 100 weltweit, auf die die immensen Datenmengen verteilt werden, die der Teilchenbeschleuniger LHC im Cern produziert. Die Auswertung dieser Daten bedeutet auch, dass wir in Aachen tatsächlich nach dem Higgs-Teilchen suchen — wobei man nicht das Teilchen selbst, sondern nur seine Zerfallsprodukte sehen kann.

Wie geht es weiter?

Stahl: Die Entdeckung ist ja nur der erste Schritt, ein Einstieg, um die eigentlichen Fragen zu bearbeiten. Erklärt die Existenz der Higgs-Teilchen wirklich die Masse im Universum, wie es das Modell vorhersagt? Und demnach müsste Higgs das ganze als Energiefeld füllen, das man nicht sehen kann. Aber es müsste beobachtbare Effekte geben — die wir allerdings nicht beobachten.

Was macht die wissenschaftliche Bedeutung dieser aufwendigen Suche aus?

Stahl: Die Entdeckung ist ein Meilenstein im Verständnis, wie der Mikrokosmos funktioniert. Die Physik hat den großen Wunsch, die „Natur aus einem Guss“ erklären zu können, das, was Einstein die Weltformel machte (und heute theory of everything genannt wird). Der geniale Einfall von Peter Higgs war ja die Forderung, dass es Teilchen mit Masse geben muss. Und jetzt haben wir die Gewissheit, dass das Prinzip der Verteilung der Kräfte stimmt. Das ist ein ganz großer Schritt in diese Richtung.

Und was hat der normale Mensch davon?

Stahl: Warum wollen wir wissen, ob es Leben auf dem Mars gibt? Solche Neugierde steckt in der Natur des Menschen — und sie ist wesentlicher Teil unserer Kultur. Immer weiter zu fragen, das treibet uns letztlich an. Der praktische Nutzwert dieser Forschung ist auch nicht gering. Hier wurde zum Beispiel Ende der 80er Jahre das world wide web kreiert, und auch die in Kernspintomografen benutzten Magneten sind aus den Experimenten im Cern hervorgegangen. Nicht zuletzt: Dort wird eine Menge Menschen ausgebildet und es gibt kaum eine andere Forschungsrichtung, die derart international ausgerichtet ist.