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Neueste Corona-Forschung in Gangelt: Die Sterblichkeitsrate ist viel niedriger als angenommen

Neueste Corona-Forschung in Gangelt : Die Sterblichkeitsrate ist viel niedriger als angenommen

Ein erster Eindruck von der Dunkelziffer: In Gangelt wird in großem Umfang getestet und geforscht. Nun stellt der Virologe Hendrik Streeck der Politik erste Zwischenergebnisse zur Verfügung. Was folgt daraus?

Auf Grundlage einer repräsentativen Auswahl von Gangelter Bürgern hat ein Forscherteam der Uni Bonn errechnet, dass 15 Prozent in der Gemeinde eine Immunität gegen das neuartige Coronavirus aufgebaut haben, vorher also infiziert waren. Das erklärte der Studienleiter Hendrick Streeck am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Konkret würde das bedeuten, dass 1875 der 12.500 Einwohner der Gemeinde im Kreis Heinsberg immun sind, was als wichtiger Schritt hin zu einer sogenannten Herdenimmunität angesehen wird. Diese ist gegeben, wenn zwischen 60 und 70 Prozent der Bevölkerung gegen das Virus immun sind.

Obwohl die Getesteten in Gangelt mit Hilfe des Meinungsforschungsinstituts Forsa ausgewählt wurden, um repräsentative Daten erheben zu können, die dann auf den Rest der Bundesrepublik übertragbar sein sollen, zögerte Streeck am Donnerstag zu erklären, dass die 15-prozentige Immunität in Gangelt bedeute, dass auch im Rest der deutschen Bevölkerung jetzt oder in den nächsten Wochen 15 Prozent eine Infektion überstanden haben werden. Streeck sagte stattdessen, dass Gangelt „ein besonders betroffenes Gebiet“ gewesen sei. Im Kreis Heinsberg war am 25. Februar der erste Infektionsherd in Deutschland festgestellt worden, von dem aus sich das Virus zehn Tage zuvor schnell verbreitet hatte.

Möglicherweise waren Streeck und seine Professorenkollegen am Donnerstag auch deswegen noch etwas zögerlich, weil bislang erst die Hälfte der 1000 ausgewählten Gangelter getestet wurden. Vermutlich wird sich an der laut Streeck konservativ errechneten 15-prozentigen Immunisierungsquote aber auch nach Abschluss der Testreihe nicht mehr viel ändern. Eine andere wichtige Feststellung, die die bisherigen Tests ergaben: Die Sterblichkeitsrate in Gangelt liegt bei 0,37 Prozent der Infizierten. Repräsentativ sei die Studie in jedem Fall für den Kreis Heinsberg.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Die bislang bekannte Sterblichkeitsrate liege den von der Johns-Hopkins-Universität erhobenen Zahlen zufolge in Deutschland bei 1,98 Prozent, sagte Streeck, also etwa fünf Mal höher als in Gangelt. Das liegt daran, dass sich diese Sterblichkeitsrate allein an den offiziell positiv getesteten Fällen bemisst. Streeck und sein Team haben in Gangelt aber nun auch Menschen getestet, die vorher noch nicht getestet worden waren, an deren Blutproben aber zu erkennen war, dass sie infiziert gewesen sind. Auf diese Weise bekommen die Forscher einen Eindruck von der Dunkelziffer all derer, die infiziert waren, aber nichts davon bemerkt haben.

Der Frage, wie hoch die Dunkelziffer in Gangelt den bisherigen Erhebungen zufolge ist, wichen Streeck und seine Kollegen am Donnerstag noch aus; sie lässt sich aber errechnen. Auf Anfrage unserer Zeitung teilte der Kreis Heinsberg mit, dass bis Donnerstagmorgen 405 Menschen in Gangelt positiv getestet worden seien. Legt man nur Streecks errechnete Infiziertenzahl von 1875 zu Grunde, ergibt sich ein Faktor von 4,63, um den die Zahl der tatsächlich Infizierten über der Zahl der positiv Getesteten liegt. Der Faktor 4,63 korrespondiert zudem mit der von Streeck errechneten Sterblichkeitsrate.

Der Lage zwei Wochen voraus

In der Tat aber sollte man sich hüten, heute schon diesen Faktor auf den Rest der Bundesrepublik anzuwenden. Denn wie Streeck und Heinsbergs Landrat Stephan Pusch (CDU) wiederholt erklärten, sei die Corona-Lage im Kreis Heinsberg der Corona-Lage im Rest der Republik um bis zu zweieinhalb Wochen voraus. Seit dem 26. Februar sind im Kreis Schulen und Kindertagesstätten geschlossen.

Die wichtigste Frage ist, was Streecks vorläufige Erkenntnisse nun für die Zeit nach Ostern bedeuten; am 15. April kommen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die 16 Ministerpräsidenten zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Der Hygienemediziner Martin Exner, der mit Streeck und dem Klinischen Chemiker Gunther Hartmann in Gangelt forscht, deutete an, baldige Lockerungen der von der Politik beschlossenen Beschränkungen für denkbar zu halten. Es gelte, „vulnerable Bereiche“ wie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen „weiter maximal zu schützen“. Es zeige sich aber, dass durch das von der Bevölkerung erlernte Hygiene- und Abstandsverhalten „maximale Effekte“ erzielt worden seien.

Der Kontakt zwischen Großeltern und Enkeln

Übersetzt bedeutet dies wohl, dass aus Sicht der Forscher Geschäfte nach und nach wieder öffnen können, aber eben unter Einhaltung von Abstandsregeln, so wie man es aus Supermärkten und Bäckereien im Moment schon kennt. Auch Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) deutete am Donnerstag bei der Pressekonferenz an, dass ein solches Prozedere vorstellbar sei. Exner wies zudem darauf hin, dass nur „eine überschaubare Anzahl schwerer Verläufe bei Kindern“ festgestellt wurde; die meisten betroffenen Kinder seien vor der Infizierung chronisch krank gewesen. Demnach könnte eine Öffnung der Kindergärten und Schulen von Merkel und den Ministerpräsidenten am kommenden Mittwoch zumindest diskutiert werden.

Exner deutete aber auch an, dass dies in Verbindung mit dem Schutz von Hochrisikogruppen bedeuten könnte, dass Großeltern und Enkel sich dieses Jahr möglicherweise nicht mehr begegnen dürften. Die Entscheidung über solche und andere Fragen liege aber bei der Politik. Der Altersdurchschnitt der in Deutschland infizierten Gestorbenen liegt bei 80 Jahren.

Ein kleines Zeitfenster

Schon jetzt ist laut Exner gesichert, dass das neuartige Coronavirus hauptsächlich durch Tröpfcheninfektionen weitergegeben werde, also sozusagen von Rachen zu Rachen etwa durch Niesen, Husten oder Küssen übertragen werde. Wie hoch die Verbreitungsquote durch Oberflächeninfektionen sei, müsse noch weiter erforscht werden. Diese Erkenntnis müsse bei den Diskussionen über das verpflichtende Tragen eines Mundschutzes beachtet werden.

Das Ziel sei nach wie vor, die Ausbreitung zu verlangsamen. Covid-19, sagte Streeck, sei etwas, womit man lernen müsse zu leben. Die Konzentration der Viren habe einen Einfluss darauf, wie schwer die Erkrankung verlaufe, sagte Gunther Hartmann. Das heißt, wenn weniger Viren da sind, mit denen sich die Menschen anstecken können, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass eine Infektion gefährlich wird. Die inzwischen übliche Hygiene ist also weiter elementar – auch bei etwaigen Lockerungen von den bestehenden Maßnahmen.

Abschließend wies Hartmann auf das enge Zeitfenster hin, das zum Bilden der Herdenimmunität zur Verfügung steht. Seinen Einschätzungen zufolge halte die erlangte Immunität gegen das Virus „sechs bis 18 Monate“. Dies ist also der Zeitfenster, in dem es gelingen müsste, 60 bis 70 Prozent der Deutschen zu immunisieren. Mit einem Impfstoff rechnete er nämlich frühestens in einem Jahr. Ob und wie eine solche Massenimmunisierung, der ja nach dem derzeitigen Stand der Forschung eine Masseninfizierung vorausgehen müsste, gelingen könnte, ist offen.

Die Ergebnisse der Studie sind im Internet abrufbar.