Geschichte eines Kriminellen: Die späte Reue des verliebten Zuhälters

Geschichte eines Kriminellen : Die späte Reue des verliebten Zuhälters

Als Jens B. erfuhr, dass seine erste große Liebe ihn mit seinem besten Freund betrog, setzte er sich in sein Auto, fuhr zu ihr nach Aachen-Richterich, stieg aus, wollte sie zur Rede stellen, wurde abgewiesen, stieg wieder in sein Auto, hielt sich eine Pistole an den Kopf und drückte ab.

Jens B. wachte tags darauf auf der Intensivstation des Aachener Klinikums wieder auf, die Pistole war zum Glück nur eine Gaspistole gewesen. Die Erschütterung, die der Vorfall in ihm auslöste, die Folgen, die der Vorfall nach sich zog, trieben Jens B. eine fleckige Röte ins Gesicht, als er vor einigen Wochen der 1. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht davon erzählte, seine Stimme wurde dünn. Es sei ihm damals egal gewesen, ob er leben oder sterben würde.

Seit Ende März läuft am Aachener Landgericht ein ungewöhnlicher Prozess, die Angeklagten heißen Jens B. (28) und Kevin P. (31). Beide sind weit über die Stadtgrenzen hinaus als Tivoli-Hooligans bekannt, beide gehören oder gehörten der rechtsextremen Szene an, beide sind oder waren Türsteher in Aachener Szeneclubs, Jens B. war zudem noch Mitglied der Bandidos, einer Rockerbande, die als extrem gefährlich gilt. Wegen all dem stehen Jens B. und Kevin P. aber nicht vor Gericht, es geht eher darum, wie insbesondere Jens B. seinen Lebensunterhalt verdiente. Es geht um Zwangsprostitution, jedenfalls im Wesentlichen.

Jens B., ein gut aussehender Macho mit Fitnessstudio-Körper und vielen Tätowierungen, schrieb junge Frauen über Facebook an: flirten, treffen, Sex, er sprach von einer gemeinsamen Zukunft und schickte sie als Prostituierte in Saunaclubs und Bordelle. Die Aachener Staatsanwaltschaft glaubt, dass Jens B. die Liebe der Frauen ausgebeutet hat und auf diese Weise mehr als 200.000 Euro verdient hat. Als er 2015 vor der Polizei auf der Flucht und 2016 in einem anderen Verfahren in Untersuchungshaft saß, soll sein Freund Kevin P. die Geschäfte weitergeführt haben. So geht die Geschichte im Zeitraffer, und ungefähr so stimmt sie auch. Abgesehen davon, dass Jens B. sagt, die Frauen seien freiwillig für ihn arbeiten gegangen.

Einblicke in einen Mikrokosmos

Indem man nun die Tatvorwürfe auflisten und die (Teil-)Geständnisse aneinanderreihen würde, wäre der Fall bald erzählt und zu den Akten gelegt, das Urteil wird wohl am 9. Oktober fallen, nach dann 27 Verhandlungstagen. Doch interessanter als die Frage, was ein Straftäter sich hat zuschulden kommen lassen, ist oft die Frage, warum jemand überhaupt straffällig geworden ist, und der Prozess gegen Jens B. und Kevin P. gehört zu denen, die Einblicke in einen Mikrokosmos gewähren, der beide Angeklagte geprägt hat, und der Menschen, die einer steuerpflichtigen Beschäftigung nachgehen und nichts mit Polizei und Justiz zu tun haben, am ehesten noch aus überzeichneten „Tatort“-Drehbüchern bekannt ist.

Jens B. gehört zu den Menschen, die man am besten über seine Brüche kennenlernt, und der erste richtige Bruch in seinem Leben ereignete sich am 24. Dezember 2004 um 16.30 Uhr, als sich seine Eltern kurz vor der Bescherung trennten. Sein damals 18-jähriger Bruder zog zusammen mit dem Vater aus, der damals 14-jährige Jens B. blieb zu Hause bei seiner Mutter und den Großeltern. Obwohl das Verhältnis zur Mutter und besonders zur Großmutter immer ausgeprägter war als das zum Vater, fehlte ihm nun die männliche Bezugsperson im Haus, ein männliches Korrektiv und etwas Strenge, wie sich in seinem weiteren Leben zeigen sollte.

Kompensation, Struktur und Hierarchie fand Jens B. zunächst bei den Aachen Ultras, einer damaligen Hooligan-Gruppe am Tivoli, der er sich anschloss und in der er mit Abstand der Jüngste war. Jens B. verpasste kein Heim- und kaum ein Auswärtsspiel von Alemannia Aachen, dort lernte er auch Kevin P. kennen, kam erstmals in Kontakt mit Rechtsradikalen, Drogen und Alkohol und adaptierte wie selbstverständlich die Polizei als Feindbild, so schilderte B. es dem Gericht. Schlägereien, Krawalle, die ersten Verurteilungen, die Hooligans waren für Jens B. zur Ersatzfamilie geworden. Er schätzte das gegenseitige Interesse aneinander und die gegenseitige Fürsorge. Er mochte die klare Struktur, die klare Hierarchie, die klaren Regeln. An Tagen, an denen die Alemannia spielte, schwänzte er die Schule, meist auch noch am Tag danach. 2007 brach er in der 10. Klasse die Realschule ab, ohne seiner Mutter davon zu erzählen.

Begrüßt vom militärischen Abschirmdienst

Es ist wohl so, dass die Hooligan-Szene rund um Alemannia Aachen Jens B. und Kevin P. Halt gab. Foto: Andreas Steindl

Im Sommer 2008 wurde Jens B. zum Wehrdienst in die Donnerberg-Kaserne eingezogen, wo ihn der Militärische Abschirmdienst empfing und ihm in Kenntnis seiner Nähe zur rechtsextremen Szene nahelegte, sich vom Tivoli fernzuhalten. Da Jens B. Gefallen an seinem Alltag als Soldat fand und sich für 23 Monate verpflichtet hatte, gelang es ihm tatsächlich, ein neues Leben aufzubauen. Neue Freunde, keine Drogen, weniger Alkohol — und die erste große Liebe. Alemannia Aachen folgte er nur noch über die Medien, das Verhältnis zu seinen Eltern normalisierte sich. Die Bundeswehr ersetzte ihm sozusagen seine Ersatzfamilie am Tivoli, der Plan war, sich für acht Jahre zu verpflichten. Nach diesem Plan lief B.s Leben bis zum 19. Februar 2010, als er sich mit seiner Gaspistole in den Kopf schoss.

Jens B. blieb bis zum Ende seiner Militärzeit dienstunfähig, begab sich in psychiatrische Behandlung, die Bundeswehr teilte ihm mit, sie sei nicht länger an seiner Weiterbeschäftigung interessiert. Freundin weg, bester Freund weg, Ersatzfamilie weg, Lebensplanung hinfällig, Jens B. fiel tief — und ließ sich von den alten Tivolifreunden wieder auffangen.

Er nahm sein früheres Leben wieder auf, und es wurde vor Gericht nicht klar, wie er auf die Idee kam, seinen Lebensunterhalt künftig als Zuhälter zu verdienen. Daran, dass er es tat, besteht aber kein Zweifel, Jens B. hat es selbst eingeräumt. Fünf junge Frauen fand Oberstaatsanwältin Jutta Breuer, die alle im Aachener Pontviertel verkehrten, und die für Jens B. gearbeitet hatten. Drei nur kurz, zwei über Jahre, alle wurden von Richter Markus Vogt als Zeuginnen vernommen.

Vor allem ging es dabei um die Frage, ob die Frauen sich freiwillig prostituiert hatten oder von Jens B. dazu genötigt, gezwungen, gebeten oder unter welchen Umständen auch immer dazu bewegt wurden. Die Aussagen, die die Frauen vor Gericht machten, wichen teils stark von den Aussagen ab, die sie während des Ermittlungsverfahren bei Polizei und Staatsanwaltschaft gemacht hatten. Die glaubwürdigsten der Zeuginnen waren noch die, die dem Gericht versicherten, Jens B. habe sie keinesfalls gezwungen, anschaffen zu gehen. Eine der beiden Hauptbelastungszeuginnen hinterließ in mehreren Vernehmungen vor Gericht einen derart desinteressierten Eindruck, dass ihre Rechtsanwältin befragt wurde, was die Zeugin ihr vor den Vernehmungen über ihre Prostitutionstätigkeit eigentlich berichtet hatte.

Auch eine andere Zeugin, die behauptet hatte, Jens B. habe sie vergewaltigt, verstrickte sich in fünf stundenlangen Vernehmungen vor Gericht in eklatante Widersprüche. Dass B. wegen Vergewaltigung verurteilt wird, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber nach den Ergebnissen der Beweisaufnahme eher unwahrscheinlich.

Die beiden mehrfach vorbestraften Angeklagten hingegen hinterließen vor Gericht entgegen dem ihnen vorauseilenden schlechten Ruf einen glaubwürdigen Eindruck, den Jens B. selbst eine psychiatrische Sachverständige bestätigte. Nach anfänglichem Schweigen legten Jens B. und Kevin P. Geständnisse ab, die sie möglicherweise für einige Zeit ins Gefängnis bringen könnten. Jens B. sitzt seit Juli 2017 in Untersuchungshaft, Kevin P. wurde nach seinem Geständnis auch wegen der Aussicht auf eine geregelte Tätigkeit, der er mittlerweile nachgeht, nach einem halben Jahr vom Gericht aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Höhe der Strafen hängt auch davon ab, wie das Gericht ihre Sozialprognose einschätzt, und an diesem Punkt kommt Julia S. eine zentrale Rolle zu.

Julia S., die anders heißt, deren Identität aber geschützt bleiben soll, ist eine auffallend attraktive Frau Mitte 20, mit der Jens B. seit März 2017 liiert ist. Er erklärte dem Gericht, Julia S. sei trotz zahlloser Affären die erste Frau seit der Enttäuschung mit seiner ersten großen Liebe 2010, auf die er sich habe einlassen können, der er vertraue, und für die er ein neues Leben beginnen wolle. Als Beleg dafür konnte er unter anderem nachweisen, dass er schon vor seiner Verhaftung im Sommer 2017 bei den Bandidos ausgetreten war, ein Schritt, den manche Ex-Bandidos mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Als Jens B. vor einigen Wochen seinen Lebenslauf verlas, 19 handgeschriebene Seiten, akkurates, aufgeräumtes Schriftbild, für einen Schulabbrecher überraschend wenige Fehler, fiel auf, dass er wiederholt Enttäuschung darüber äußerte, kein Verhältnis zu den Familien seiner Ex-Freundinnen gehabt zu haben. Vor allem deswegen, weil die Freundinnen aus Polen, Tadschikistan und der Türkei stammten und die Eltern nicht oder nur wenig Deutsch sprachen.

Ein Macho, der umarmt werden will

Der Vater von Julia S. und auch ihre Geschwister haben in den vier Monaten, die Jens und Julia zusammen sind, ein herzliches Verhältnis zu Jens B. entwickelt, dem Gericht erklärte Jens B., er könne Julias Vater, anders als den eigenen, „auch mal in den Arm nehmen“. Aus dem Mund eines derartigen Machos klang das fast schon kitschig, aber erstaunlich war, dass es trotzdem nicht unglaubwürdig klang. Auch den Geschwistern schreibt er aus der Untersuchungshaft Briefe, die ganze Familie S. kommt ihn im Aachener Gefängnis besuchen. Jens B. sagte vor Gericht, dass er, wenn er aus der Haft entlassen wird, eine Ausbildung machen und mit Julia S. eine Familie gründen möchte.

Die entscheidende Frage ist: Kann man einem Menschen mit sieben Vorstrafen, der Frauen für sich anschaffen gehen ließ, sie schlug und sich privat kaum abfälliger gegenüber Frauen hätte äußern können, glauben, dass er ein Leben beginnt, in dem er wenig Geld verdient, anders als zuletzt vermutlich keinen Jaguar fahren wird und sich von Banden, Hooligans, Drogen und Gruppensexorgien fernhält?

Richter Vogt entfuhr während des Prozesses, es erscheine ihm „lebensfern“, dass ein Zuhälter „ein so lukratives Geschäftsmodell einfach aufgibt“.

Die Zeugenaussage der für Jens B. im Aachener Gefängnis zuständigen Sozialpädagogin hätte positiver nicht ausfallen können. B. sei kooperativ, suche Hilfe und würde sie auch annehmen, sei nicht ein einziges Mal negativ aufgefallen, sei hilfsbereit, sei ausgeprägt empathiefähig und habe einen guten Umgang besonders mit alten Menschen. Sie schilderte, was auch Jens B. erklärt hatte, dass es ihm mit den Vorwürfen, die ihm die Staatsanwaltschaft macht, nicht gutgehe, dass er im Gefängnis 16 Kilo abgenommen habe, dass er sie manchmal nach den Prozesstagen fragen würde, ob sie für ein Gespräch zur Verfügung stehe, weil er jemandem zum Reden brauche. Und er sei, wie im Prozess auch, ein ruhiger und guter Zuhörer.

Über Kevin P., der einen vergleichbaren Lebenslauf wie Jens B. hat und ebenfalls in Hooligan-Gruppen eine Ersatzfamilie fand, sagte die Sozialpädagogin: „Den hätte ich gern zurück“, im Saal großes Gelächter. Auch er habe sich während seiner Untersuchungshaft vorbildlich geführt. Im Gespräch mit kriminellen Jugendlichen sei er die größte Hilfe gewesen, weil diese Jugendlichen nicht auf Ratschläge der Eltern, der Lehrer, der Polizei, der Staatsanwälte oder des Gefängnispersonals hören würden, wohl aber auf die eines muskulösen, tätowierten, vorbestraften Untersuchungshäftlings. Kevin P. will sich in diesem Bereich weiter ehrenamtlich engagieren, auch Jens B. steht für diese Projekte zur Verfügung.

Die psychiatrische Sachverständige Ingrid Kamps zählte alle Eigenschaften auf, die Zeugen Jens B. zugeschrieben hatten, die Bandbreite reichte vom herzlichen, charmanten, kinderlieben Sunnyboy bis zum empathielosen, gewalttätigen, herrischen Widerling. Sie stellte fest, dass er über ein erstaunliches Repertoire an Umgangsformen verfüge, die er je nach Situation geschickt anzuwenden wisse. Wie die Sozialpädagogin sagte auch Kamps, dass der Erfolg von B.s Resozialisierung maßgeblich davon abhängen wird, ob es ihm gelingt, sich von kriminellen Männergruppen fernzuhalten. Die Erfolgsaussichten schätzte sie auf 60:40.

Die härteste Strafe

Je nachdem, wie das Gericht Jens B.s Zuhältertätigkeit juristisch bewertet, steht für ihn Sicherungsverwahrung im Raum; die härteste Strafe, die das deutsche Strafrecht kennt. Das würde bedeuten, dass er auch nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe nicht aus dem Gefängnis käme. So lange nicht, wie ihn die Psychiater für gemeingefährlich halten. Wie das Gericht entscheiden wird, lässt sich auch jetzt nicht prognostizieren, keiner der Richter hat auch nur angedeutet, wie er den Fall insgesamt bewertet.

Julia S. ist bei fast allen Prozesstagen im Gericht, sie sitzt neben Jens B.s Mutter und Kevin P.s Verlobter. Julia S. wird mit Dauer des Verfahrens immer angespannter und dünner, sie weiß, wie ernst die Lage für Jens B. ist, dass es schlimmstenfalls noch Jahre dauern kann, bis er aus dem Gefängnis entlassen wird. Man fragt sich, wie sie erträgt, was während des Prozesses alles über Jens B. bekannt geworden ist. Anfang September sagte sie in einer Verhandlungspause, dass der Jens B., der im Gericht sitzt, nicht mehr der Jens B. sei, über dessen Taten vor Gericht verhandelt wird. Sie werde auf ihn warten, und wenn es ihr ganzes Leben dauern würde.

Man mag darüber denken, wie man will, klar ist aber das: Es gibt nicht sehr viele Häftlinge, die auf verschiedene Weisen bessere Voraussetzungen haben als Jens B., künftig ein normales Leben führen zu können. Die Frage ist, ob er diese Voraussetzungen nutzen wird. So ähnlich lautete auch das Fazit von Ingrid Kamps, der Psychiaterin.

Mehr von Aachener Nachrichten