Ungewöhnliche Bestattungskultur: Die Sinti und Roma und die prächtigen Gräber ihrer Könige

Ungewöhnliche Bestattungskultur : Die Sinti und Roma und die prächtigen Gräber ihrer Könige

Lebensgroß steht die Statue aus weißem Marmor hinter einem Gitter. Ein ernster Mann, gestützt auf einen Stock, mit Hut und Schnurrbart. Kaiser und Könige stellte man früher so dar. Und tatsächlich ist Ferko Czori ein König. Jedenfalls wird er von seinem Volk, den Sinti und Roma, so verehrt.

Sein steinernes Ebenbild steht auf dem Friedhof in Bonn-Beuel. Und es schaut auf weitere Grabmäler seiner Landsleute. Im rechtsrheinischen Beuel befindet sich das wahrscheinlich größte Gräberfeld der Sinti und Roma der Republik. Schon Ferkos Vater und sein Bruder wurden auf dem Friedhof Beuel begraben. Die erste Bestattung eines Sinti- und Roma-Königs überhaupt fand hier vor über 50 Jahren statt.

Czoris Statue steht neben seinem Grab, das eine überdimensionale Krone aus schwarzem indischem Granit mit vergoldeten Spitzen ziert. 1997 wurde er am Platanenweg beigesetzt. Das Grabmal ist mit einem Eisengitter umgeben, 100 Quadratmeter soll die umzäunte Fläche messen. Zwei Sitzbänke stehen neben der Grabstätte, die einem kleinen Tempel gleicht, vor einer steht ein Tisch. Zwei Minigrotten mit Marienstatuen und mehrere bronzene Laternen runden das Bild ab.

Die hier bestatteten anderen „Könige“ sind Oberhäupter des jeweiligen Familienverbunds und genießen hohes Ansehen über den Tod hinaus. Die Porträts und Fotos zeigen die Bestatteten vielfach mit einer stilisierten Krone. Alles ist fein aufeinander abgestimmt und lässt etwas von den Bräuchen dieses Minderheitenvolkes ahnen.

Zwar gelten die Sinti und Roma als gläubige Christen, ganz gleich, ob sie sich der katholischen oder protestantischen Kirche zugehörig fühlen. Ihr Umgang mit Tod und Trauer ist aber grundverschieden von den in Deutschland „gewohnten“ Riten und Bräuchen. So feiern sie mit Essen und Trinken sowie Musik das Gedenken an die Toten. Deshalb stehen neben den mehreren Dutzend Gräbern in Beuel vereinzelt auch marmorne Bänke und Tische. „Man isst, trinkt und raucht gewissermaßen gemeinsam mit den Toten – und teilt so mit ihnen die Genüsse“, wie Michael Naundorf zitiert wird, der benachbarte Steinmetz, der viele der Grabstätten erarbeitet hat.

So genau weiß niemand, warum es seit dem Grab für die Familie Czori viele weitere Grabstätten der Sinti- und Roma-Familien gibt. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass manche der Familien Schaugeschäfte unterhalten, die immer Anfang September auf „Pützchens Markt“ in Beuel, der wohl größten rheinischen Kirmes, für Zuspruch sorgen. Daher die Verbindung zu diesem rechtsrheinischen Bonn. Das mag einer der Gründe sein. Ein anderer liegt wohl darin, dass die Verstorbenen der Sinti und Roma mindestens 50 Kilometer vom Wohnort der Familie bestattet werden müssen. Sonst würden sie für Unheil der noch Lebenden sorgen. Da bietet sich für die Familien, die vielfach im Ruhrgebiet beheimatet sind, die Bundesstadt Bonn an.

Reich geschmückt und prächtig: So sehen die Grabanlagen der Sinti und Roma in Bonn-Beuel aus. Foto: Martin Thull

Hauptmotiv der Rituale rund um einen Verstorbenen ist, dem Toten „den Weg in das Reich der guten und wohlmeinenden Ahnen zu bereiten und gleichzeitig die Lebenden vor dem möglicherweise gefährlichen Totengeist zu bewahren.“ So erklärt es eine Publikation des Kasseler „Museums für Sepulkralkultur“. Verschiedene Gesten im Zuge des Begräbnisses dienen der Abwehr der Umtriebe des „Mulo“ genannten Totengeistes.

Wichtig ist auch, dem Toten Besitztümer mit ins Grab zu geben. In erster Linie sind das Schmuckstücke. Auf großen Marmortafeln, die viele der Königsgräber in Beuel zieren, zeigen die dort oft lebensgroß Dargestellten stolz goldene Ringe, Ketten und Uhren. In dem Buch aus Kassel ist zu lesen, dass „manche Särge nach Gewicht und Sicherungsmöglichkeiten einem Tresor“ gleichen. Dabei ist es auch in unseren Breiten durchaus üblich, den Toten für sie charakteristische, nützliche Gegenstände mitzugeben. Einen Kamm, eine Münze, Stricknadeln. Und Grabfunde aus Römerzeit oder Mittelalter belegen bis in unsere Tage, dass solche Bräuche nicht ganz unbekannt sind.

Im Laufe der Generationen mögen sich manche Rituale abgeschwächt haben. Richtig ist dennoch, dass die Unterschiede zur übrigen Gesellschaft immer noch erheblich sind. Da die Teilnahme an der Bestattung Familienpflicht ist, reisen die Angehörigen oft weite Strecken an. Zudem ist die Trauerfeier sehr emotional, bisweilen mit Klageweibern. Auch deren Klage soll den Mulo vertreiben.

In Metallsärgen

Sitte ist zudem, dass der Tote keinesfalls verbrannt werden darf, auch eine Erdbestattung scheidet aus. Also werden die Verstorbenen in Metallsärgen in der Familiengruft beigesetzt. Diese Familiengräber sind für unsere Breiten ungewöhnlich: Schwarzer indischer Granit, goldene Verzierungen und bunter Blumenschmuck, Engel und viele Kerzen. Ungewöhnlich auch die Abbildung der Verstorbenen, lebensecht vom Steinmetz wie eine Zeichnung gearbeitet. So wie er gelebt hat, so soll der Tote auch in Erinnerung bleiben.

Man könnte es sich einfach machen mit den Grabanlagen der Roma-Könige auf dem Friedhof in Bonn-Beuel. Und auf gängige Klischees gegenüber Sinti und Roma verweisen. Oder man nähert sich mit dem nötigen Respekt vor den fremden Gebräuchen, mit denen diese Volksgruppe ihre Toten ehrt.

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