Gedenken an Zweiten Weltkrieg im Hürtgenwald: Die Schlacht, das Museum, der Streit

Gedenken an Zweiten Weltkrieg im Hürtgenwald : Die Schlacht, das Museum, der Streit

Albert Moritz hatte kaum fünf Minuten gesprochen, als er schon zum Kern des Problems vorstieß, doch anders als von manchen erwartet, gab es weder Buhrufe noch sonstige Missfallensbekundungen, was Moritz nach Lage der Dinge als kleinen Erfolg verzeichnet haben muss.

Sicher, als Begriffe wie „Narrativ“, „Diskurs“, „ZwangsarbeiterInnen“ und „Ausstellungsschließung“ fielen, mag Moritz in ein paar verdrehte Augen geblickt haben; aber ein Eklat im Hürtgenwalder Rathaus blieb aus. Kulturausschuss- und Gemeinderatsmitglieder erklärten am Ende von Moritz‘ fast zweistündigem Vortrag, die Dinge überdenken und anschließend diskutieren zu wollen. Nicht ausgeschlossen, dass das Kriegsgedenken in Hürtgenwald nach Moritz‘ Vortrag vergangenen Donnerstag in neue Bahnen gelenkt wird, nach all den Jahren. Ob am Ende des Prozesses aber, wie von Moritz vorgeschlagen, eine Art Landschaftsmuseum entstehen wird, bleibt abzuwarten.

Die Legendenbildung

Hürtgenwald, das mitten im Dreieck von Düren, Simmerath und Stolberg liegt, ist außerhalb der Gemeindegrenzen in erster Linie wegen der Allerseelenschlacht im Zweiten Weltkrieg bekannt, Ende 1944 kämpften sich die Amerikaner auf dem Weg zum Rhein im Hürtgenwald fest. Zehntausende deutsche und vor allem amerikanische Soldaten fielen. Wie viele genau, ist bis heute nicht hinreichend erforscht. Die Angaben variieren zwischen 20.000 und 50.000, früher war gar von 90.000 die Rede, was aber offenbar eine Übertreibung war, die zur Legendenbildung der Schlacht beigetragen haben mag.

Einer der auf deutscher Seiten beteiligten Verbände war die 116. Panzerdivision, damals auch als General Graf Schwerins „Windhund“-Division bekannt, deren frühere Angehörige nach dem Krieg begannen, ihre damals nicht nur in Deutschland üblichen Kameradschaftstreffen in Hürtgenwald abzuhalten.

Das Thema wäre heute wie an so vielen anderen Orten früherer Kameradschaftstreffen Geschichte, wenn nicht zwei Themenkomplexe die Kameradschaftstreffen überdauert hätten: Die Militaria-Sammlung von Koni Schall, die mittlerweile zu einem kleinen Museum geworden ist, und die jährlichen Gedenkveranstaltungen am sogenannten „Windhund“-Mahnmal in Hürtgenwald-Vossenack, gelegen gleich neben dem Soldatenfriedhof. Beides geriet spätestens in die Kritik, nachdem 2005 der letzte frühere „Windhund“-Soldat gestorben war.

Die Allerseelenschlacht im Hürtgenwald spielt in der deutschen Militärgeschichte keine große Rolle, auch in der Gesamtbetrachtung des Zweiten Weltkrieges kommt ihr angesichts des Vernichtungskrieges vor allem in der Sowjetunion und des Vökermords in den Vernichtungslagern keine größere Aufmerksamkeit zu. Anders ist das in den USA, in denen der Hürtgenwald bekannter ist als Stalingrad, schon weil in der Eifel Zehntausende amerikanische Soldaten ihr Leben ließen.

Nach dem Krieg kamen ehemalige amerikanische Soldaten zurück in den Hürtgenwald, aus früheren Gegnern wurden Freunde. Und bis heute kommen Angehörige und andere Interessierte aus den USA zu den Soldatenfriedhöfen rund um den Wald und den Bunkern, die sich immer noch in ihm befinden. Das Problem ist: Außer Schalls zum Museum gewordener Militariasammlung und das „Windhund“-Mahnmal gibt es für Touristen keine Anlaufstelle.

Die auswärtigen Historiker

Außer einer zum Museum gewordenen Militariasammlung eines früheren Soldaten gibt es für Touristen keine Anlaufstelle, was Historiker seit Jahren kritisieren. Foto: dpa/Oliver Berg

Vor etwa zehn Jahren erklärten zwei auswärtige Historiker den Hürtgenwaldern, dass das so alles nicht geht, weil jedes Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland einer historischen Einordnung bedürfe. Basta.

Auch Einwohner, die dem Museum und dem Mahnmal kritisch gegenüberstehen, gaben zu, dass die beiden Historiker in der Sache zwar recht gehabt haben mögen, mit etwas Diplomatie im Vorbringen ihrer Argumente aber möglicherweise mehr erreicht hätten als die Ablehnung, auf die sie in Hürtgenwald stießen.

Immerhin führte die dennoch in Gang gekommene Diskussion dazu, dass Ende 2015 ein Moratorium begann, das Mitte 2017 endete und 2018 dazu führte, dass die Gemeinde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gab, deren Ergebnisse Albert Moritz vergangene Woche im Rathaus vorstellte.

Moritz ist Geschäftsführer der Vogelsang GmbH, die die frühere NS-Ordensburg im Nationalpark nicht weit vom Hürtgenwald entfernt als Museum, politische Bildungs- und Begegnungsstätte betreibt. Zudem ist er Leiter einer angeschlossenen Akademie, die sich nun Gedanken darüber gemacht hat, wie man in Hürtgenwald eine neue Art des Gedenkens kultivieren könnte.

Das vorläufige Ergebnis der Überlegungen ist die Einrichtung eines Landschaftsmuseum, in dem die Landschaft, also der umkämpfte Wald und die umliegenden Orte, selbst zum Museum werden. Auf einem Plateau in Vossenack könnte den Überlegungen der Akademie zufolge südlich der Kirche eine zentrale Anlaufstelle entstehen, an der Touristen thematisch sozusagen eingeführt würden und von wo aus eine inhaltlich angeleitete Erkundung des Hürtgenwaldes beginnen könnte.

Wichtig sei, gab Moritz zu bedenken, dass das gesamte Projekt Landschaftsmuseum ein Narrativ brauche, mit dem einerseits wie im bestehenden kleinen Museum Fakten vermittelt würden, andererseits aber die Kampfhandlungen anders als im kleinen Museum im großen Kontext dargestellt und vor allem die Ursachen des Krieges und andere damit zusammenhängende Aspekte thematisiert würden.

Entscheidung Anfang 2019

Im Hürtgenwald gibt es noch alte Bunkeranlagen. Foto: dpa/Oliver Berg

Auch wenn für ein solches Projekt sehr sicher Fördergelder zur Verfügung gestellt würden, werde es nicht ohne Anschubfinanzierung gehen, die die Gemeinde oder der Kreis Düren tragen müssten. Die Rede war von mehreren Zehntausend Euro. Geld, das zumindest die Gemeinde nicht ohne Weiteres wird bereitstellen können. Und, sagte Moritz: Um die Förderwürdigkeit eines Landschaftsmuseums sicherzustellen, müsse die Ausstellung im Museum so bald wie möglich geschlossen werden.

Die Mitglieder des Rats und des Kulturausschusses erklärten, über die Anregungen der Akademie diskutieren zu wollen. Anfang 2019 dann will der Rat entscheiden, ob, und wenn ja, wie es weitergeht.

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