Herne/Düsseldorf: „Die Politik sollte uns zuhören“: Wenn Schule Schüler krank macht

Herne/Düsseldorf : „Die Politik sollte uns zuhören“: Wenn Schule Schüler krank macht

Um die ganze Misere auf den Punkt zu bringen, reicht laut Carsten Piechnik eigentlich schon eine einzige Szene aus. Im Juli traf sich der Petitionsausschuss des Landtags mit Schülern der Erich-Fried-Gesamtschule Herne, an der Piechnik Biologie und Pädagogik unterrichtet.

Die Schüler hatten eine Petition an den Landtag gerichtet — „Schulpolitik auf dem falschen Weg! — und diskutierten darüber unter anderem mit Vertretern der Bezirksregierung Arnsberg und des Schulausschusses der Stadt Herne. Dabei fragten die Schüler, wie das Leistungsniveau der 8. Klassen der Schule in Deutsch sei.

Die schnelle Antwort: „Das wird erhoben, wir schauen es nach.“ Auf die Frage, wie viele dieser Achtklässler so unglücklich seien, dass sie sich selbst verletzten, hätte jedoch keiner der Anwesenden eine Antwort gehabt. „Es gibt zwar viele leistungsbezogene Erhebungen, aber keiner fragt danach, wie es den Schülern geht, wie kreativ sie sind, wie sozial, wie glücklich“, sagt Piechnik.

Dabei sei auch das Wohlbefinden von Schülern wichtig für Schulalltag und das Erreichen von Lernzielen. Doch darum geht es dem Lehrer zufolge viel zu selten: Die Leistung stehe über allem, vor allem in Mathe, Deutsch und den Naturwissenschaften. „Die Schüler müssen heutzutage vor allem funktionieren“, sagt auch Dorothee Thau, Psychologin bei der Erziehungsberatung der Caritas in Düsseldorf. „Viele klagen schon in der Grundschule über Unwohlsein und Konzentrationsschwierigkeiten.“

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Umfrage, die die Schülervertretung der Herner Gesamtschule vor drei Jahren konzipiert und online gestellt hat. Seitdem haben mehr als 1000 Schüler aus NRW daran teilgenommen. Aus den Ergebnissen zogen die Schüler die Motivation, sich an den Landtag zu wenden.

Demnach verbinden mehr als drei Viertel der befragten Schüler mit der Schule Druck und Stress, knapp die Hälfte fühlt sich überfordert, ein Drittel hat sogar Angst davor. Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Schlaflosigkeit und familiäre Probleme sind die Folgen. Aktivitäten außerhalb der Schule kommen für viele zu kurz. Die Schüler klagen über zu lange Schultage, zu viele Klausuren und Hausaufgaben. Fordern will Piechnik dennoch nichts, vielmehr geht es ihm darum, „Anregungen und Denkanstöße dazu zu geben, wie es in der Schule läuft oder laufen könnte.“

Zu denen, die an der Umfrage teilgenommen haben, gehört Rebecca Springwald, die in die 12. Klasse der Erich-Fried-Gesamtschule geht und zu den Unterzeichnerinnen der Landtagspetition gehört. Darin fordern die Schüler unter anderem weniger zentrale Prüfungen, kürzere Unterrichtstage und mehr Raum für kreative und gemeinschaftsfördernde Angebote. „Die Politik sollte uns Schülern zuhören“, sagt Springwald. Das vom Petitionsausschuss initiierte Treffen im Juli sei ein guter Anfang gewesen.

Bald soll es eine zweite Gesprächsrunde geben — dann auch mit Vertretern des Schulausschusses des Landtags und des Schulministeriums. Aus letzterem heißt es, die Einladung zum ersten Gespräch sei nicht angekommen, beim zweiten werde aber ein Experte aus der Schulabteilung anwesend sein. In einer Stellungnahme an den Petitionsausschuss weist das Ministerium die Kritik der Schüler aber in wesentlichen Punkten zurück.

So habe weder der Prüfungsstress zugenommen noch würde nur die Leistung der Schüler gemessen. So hätten etwa die Pisa-Sonderauswertung und die Jako-o-Bildungsstudie aus dem Jahr 2016 ein „eher positives Bild der Situation“ gezeichnet. Allerdings nahmen an der Pisa-Befragung ausschließlich 15-Jährige teil, an der Jako-o-Studie nur Eltern.

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